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Himmelfahrt mit heisser Luft

Ballonfahrer sind Abenteurer, die viel Geduld mitbringen müssen. Doch zur Belohnung winken unvergessliche Ausblicke – etwa bei einem Flug über Sankt Petersburg

Erschienen:

  • August 2008

Fotos:

  • Wolfgang Stahr
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Plötzlich ist alles ganz still. Der Boden entfernt sich lautlos und mit schwindelerregender Rasanz. Um uns herum bricht sich gleißend das Morgenlicht im Wasser der Kanäle, während der Heißluftballon majestätisch über die Baumkronen aufsteigt. Unter dem Passagierkorb ziehen die Barockgebäude der Sankt Petersburger Eremitage vorbei. „Das habe ich gemeint“, sagt Michel Parmigiani, der Besitzer des orangefarbenen Fluggeräts, mit leicht entrücktem Blick. „Hier oben ist alles so ruhig und langsam und…"

Ka-WUMM! Mit einem Knall entzündet sich der Gasbrenner und feuert unter ohrenbetäubendem Fauchen eine Salve bis zu 1600 Grad heißer Luft in die Ballonhülle. Parmigiani wird mitten im Satz unterbrochen, für einen Moment ist es vorbei mit der Beschaulichkeit. Jean Becker, unser Pilot, zuckt entschuldigend mit den Schultern, schaut aber gleich wieder konzentriert auf GPS-Sender, Höhenmesser und Horizont.

Hier oben ist er der Chef. Na ja, nicht wirklich. Eigentlich macht so ein Heißluftballon, was er will. Im Unterschied zu einem Helikopter kann man ihm das Ziel nicht vorgeben – es geht immer mit dem Wind. Und so hat Becker, wie er später erzählt, zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung, wo wir am Ende landen werden. Umso wichtiger ist es, dass der Pilot die wenigen Parameter, auf die er Einfluss hat, penibel kontrolliert.

Zum Beispiel den Brenner. Je mehr Hitze er erzeugt, desto schneller steigt der Ballon. Da der Wind in verschiedenen Höhen unterschiedlich bläst, lässt sich auf diese Weise ein wenig steuern, wohin man als Nächstes fliegt, pardon, fährt (eine Sprachmarotte, die nur deutsche Ballonfahrer pflegen). Der Pilot versucht, sich und seinen Passagieren die schönstmögliche Aussicht zu bieten, und kalkuliert dabei mittels einer Karte auf den Knien ständig Flugroute und Landeregion. Per Funk hält er Kontakt zum „Verfolger“, einem Auto, das ihm auf kurvigen Straßen hinterherrast, um Besatzung und Ausrüstung nach der Landung schnell bergen zu können.

Obwohl ein Ballon also ein eigenwilliges und eher träges Wesen hat, messen sich seine Piloten in sportlichen Wettkämpfen. Manchmal gilt es, mit einem Markierungsbeutel einen bestimmten Punkt zu treffen. Bei der „Fuchsjagd“ startet ein Team mit Zeitvorsprung und legt ein Zielkreuz für die Nachfolger aus. Eher in wohlhabenden Kreisen populär ist der „Key Grab“ – dabei ge¬winnt einen Neuwagen, wer es schafft, dessen Zündschlüssel aus der Fahrt heraus von der Spitze eines Pfahls zu stibitzen. Doch oft schauen Ballonfahrer recht irritiert, wenn man sie nach den Regeln des aktuellen Wettbewerbs fragt; so auch dieses Mal in Sankt Petersburg. Hier wird, wie häufig, bloß zum Spaß geflogen – das heißt dann „Fiesta“.

Ballonfahrer sind gesellige, hilfsbereite, aber nicht übermäßig ehrgeizige Zeitgenossen. Welcher Leistungssportler würde sich schon als Traumdisziplin das kontemplative Sitzen in einem geflochtenen Schilfrohrkorb aussuchen? So nennt auch Michel Parmigiani – wir sind auf 200 Metern Flughöhe und das Getöse des Brenners lässt nach – als einen Reiz des Ballonfahrens seinen egalitären Appeal. „Ganz verschiedene Typen trifft man, vom Millionär bis zum Lehrer“, sagt der Schweizer Entwickler von Luxusuhren, die unter seinem Namen vermarktet werden, ein scheuer Bastler mit sanftem Temperament.

Zwar ließ Leonardo da Vinci bereits anno 1513 aus Anlass der Papstkrönung Leos X. mit heißer Luft gefüllte Heiligenfiguren aus Leinwand aufsteigen, doch als eigentliches Geburtsjahr der Ballonfahrt gilt 1783. Ein Hammel, eine Ente und ein Hahn im Korb – das waren am 19. September die ersten Passagiere des Ballons aus Papier und Stoff, den die Brüder Jacques Étienne and Joseph Michel Montgolfier starten ließen. Ihre „Montgolfière“ landete sicher, und so folgte bereits am 21. November desselben Jahres der erste menschlich bemannte Flug. 22 Minuten fuhren zwei Piloten aus dem Zentrum von Paris in 160 Metern Höhe über die Stadt, bevor sie zehn Kilometer entfernt in einem Weinberg landeten. Die verängstigten Winzer wurden mit Champagner besänftigt, und da die Flaschen schon mal offen waren, feierte man auch gleich den geglückten Flug damit – eine Tradition, die sich vor allem für Neulinge bis zum heutigen Tag erhalten hat.

Nach den USA ist Deutschland mit knapp 1300 zugelassenen Fluggeräten die zweitgrößte Ballonfahrernation der Welt. Anders als Polo oder Segeln umgibt den Sport nicht der Ruch besonderer Exklusivität. Zwar leistet sich manch wohlhabender Abenteurer neben der Hochseeyacht einen Ballon, und Marken wie Parmigiani nutzen ihn auch gern als Werbefläche. Meist aber sind es Enthusiasten mit einem Sinn fürs Exzentrische, die entweder all ihr eigenes Geld ins Hobby stecken oder sich dieses von einem Unternehmen sponsern lassen, das dann seinen Namen auf die hauchdünne Hülle schreiben darf.

Ein Einsteigermodell kostet mit Autoanhänger, Korb, Brenner, Flaschen, Höhenmesser, Feuerlöscher und zwei Funkgeräten um die 50 000 Euro. Der Ballonstoff hält nur etwa 500 Flugstunden – das sind vier bis sechs Jahre –, Korb und Brenner doppelt so lang. Einziger deutscher Hersteller ist die Firma Schroeder Fire Balloons aus Schweich bei Trier, doch auch die britischen Marken Cameron und Thunder & Colt sind hierzulande verbreitet. Der Erwerb eines Ballon-Pilotenscheins dauert ein Jahr und schlägt mit rund 6000 Euro zu Buche. Dazu bedarf es mindestens zweier weiterer Helfer – üblich sind drei- oder mehrköpfige Teams, die natürlich Reisekosten verursachen. Und mitunter ist dieser ganze Aufwand vergebens.

„Heute wird nicht geflogen“, sagt am ersten Morgen Hartmut Niermann aus Niedersachsen verblüffend gleichmütig. Der 60-jährige Ingenieur ist mit knapp 500 Kilo Ausrüstung auf dem Anhänger und drei Freunden 1500 Kilometer nach Russland gefahren. Doch nun, am Eröffnungstag des 8. Sankt Petersburger Ballonfestivals, spielt das Wetter nicht mit. „Sturmgefahr“, brummt Niermann, er kennt das schon: „Es passiert immer wieder, dass wir sehr weit anreisen und dann gar nicht in die Luft können.“

Diesmal steht den Abenteurern das Glück bei – nach zwei Tagen nervösen Wartens geben die Meteorologen grünes Licht. Auf dem Rasen der Peter-und-Paul-Festung beginnen die Teams bereits um vier Uhr früh mit den Vorbereitungen. Heißluftballone können nur morgens oder abends fliegen – tagsüber stören Turbulenzen, und es wird zu warm. Die Luft im Ballon müsste dann noch stärker als die Umgebung erhitzt werden, damit sie Auftrieb bekommt. Und das könnte die Hülle beschädigen, obwohl diese aus Nylon oder Polyester gefertigt ist, an der „Mund“ genannten Öffnung nahe den Gasbrennern sogar aus feuerfestem Spezialmaterial, ähnlich den Schutzanzügen der Feuerwehr. Im unwirklichen Morgenlicht der Petersburger "Weißen Nacht" (um diese Jahreszeit geht die Sonne nie ganz unter) entfalten die Teams 1000 bis 1500 Quadratmeter Ballonhülle, knattern mit motorbetriebenen Ventilatoren kalte Luft hinein und richten die bunten Giganten mit wenigen Stößen aus dem Gasbrenner auf.

Jetzt muss alles ganz schnell gehen. Rein mit uns in den Korb aus Schilfrohr, der schon leicht tanzend nach oben will und von mehreren Männern am Boden gehalten werden muss. Dann sind alle Passagiere an Bord, quetschen sich neben die vier mit Propangas gefüllten Edelstahlflaschen. Die Helfer lassen synchron los, und der Ballon hebt ab.

Wir gleiten über die barocke Pracht von Eremitage und Peter-und-Paul-Festung, den Newski-Prospekt, die im "Neuen Stil" verschwurbelte Auferstehungskirche, die weithin sichtbare goldene Turmspitze der . Admiralität und das historistische Grand Hotel Europe. Fünfzehn Prozent der Gebäude in Sankt Petersburg sind von der UNESCO als Denkmäler der Architekturgeschichte eingestuft, nur Venedig hat noch mehr. Doch der überflogene Ort ist für Ballonfahrer eigenartig austauschbar. Hauptsache, die Aussicht ist von spektakulärer Weite. Neulich ist Parmigiani über die Schweizer Alpen gefahren, nächstes Jahr sind der Grand Canyon dran und die Chinesische Mauer. Sightseeing von oben.

Nach etwa anderthalb Stunden Flug, der recht bald auch über triste sowjetische Trabantenstädte führt, wird es Zeit einen Landeplatz zu suchen. „Keine Strommasten oder Bäume, nicht in der Nähe von Wasserflächen oder Straßen", fasst der Pilot die Kriterien zusammen. Da vorn sieht es offenbar ganz gut aus. Jean Becker zieht an der roten Ventilleine, dadurch entweicht heiße Luft aus dem „Parachute", der Klappe an der Spitze des Ballons, und es geht abwärts. Irritierend schnell. Ein paar Stöße mit dem Gas bremsen, ein Zug an der grünschwarzen Drehventilleine lässt den Ballon sanft um seine Achse rotieren, dann müssen sich alle Passagiere eilig hinkauern. Mit einem Rums setzt der Korb auf, hebt ab, setzt wieder auf, hebt wieder ab und bohrt sich schließlich final ächzend in den feuchten Acker. Durchgeschüttelt, aber glücklich klettern die Insassen über die Brüstung, einer nach dem anderen, damit ihr Gefährt wegen des verringerten Gewichts nicht gleich wieder in die Luft geht.

Eine halbe Stunde sitzen wir danach auf flatterndem Ballonstoff im Morgenlicht, stoßen – zunächst noch ganz aufgeregt – mit Champagner an, plaudern und warten auf den Geländewagen, der uns wieder einsammelt. Ein Moment ganz eigener Besinnlichkeit. „Im Ballon lässt man die Zeit hinter sich", findet Michel Parmigiani, eine ungewöhnliche Aussage für einen Uhrmacher. „Einsteins Relativitätstheorie lehrt uns, dass Zeit langsamer vergeht, je weiter man sich von der Gravitationsquelle entfernt. Im Ballon ist man hoch über der Erde und darum näher an der Ewigkeit."