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Schaedlers Filmsets

Früher arbeitete er für Daniel Libeskind. Heute entwirft Tino Schaedler digitale Räume für Harry Potter & Co. – denn auch die Fantasie braucht Architekten

Erschienen:

  • November 2008

Fotos:

  • Michael Mann
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Wen es regelmäßig ins Kino oder ans DVD-Regal zieht, dem müssten seine Kreationen bekannt sein. Filme wie „Harry Potter und der Orden des Phönix“, „V wie Vendetta“ oder „Charlie und die Schokoladenfabrik“ tra gen die Handschrift eines Mannes, von dessen Beruf viele Menschen gar nicht wissen, dass es ihn überhaupt gibt: Tino Schaedler gestaltet für Hollywood digitale Räume und Gebäude. Zwar ist sein Name nicht so geläufi g wie die seiner Kollegen, die mit Beton und Stahl bauen. Doch in der Branche ist er bereits ein gefragter Star.

Es darf einen nicht wundern, dass der 36-Jährige, der in Los Angeles, London oder Marrakesch arbeitet, viel unterwegs ist. Seinen Job erledigt er gemeinsam mit Teams, die über den gesamten Globus verstreut sind. Und dank Videokonferenz und Netzwerkschaltung kann er auch zwischendurch mit Mitstreitern in Sydney und Seoul an klassizistischen Tempelgebäuden oder psychedelischen Albträumen werkeln.

Wir treffen den Designer digitaler Bauwerke in Berlin, wo er seine Karriere als „regulärer“ Architekt bei Daniel Libeskind und Barkow Leibinger begonnen hatte, bevor die Traumfabrik rief. Im Kaminzimmer des 5-Sterne-Hotels The Regent erscheint Schaedler mit zerwuschelten Haaren und in Turnschuhen. Den obligaten Laptop vor sich auf dem Tisch klappt er erst einmal zu und schaltet das Handy aus. Ausnahmsweise.


Herr Schaedler, wie wird ein Architekt wie Sie Art Director für digitale Sets?

Als ich 1998 in Berkeley und San Francisco studiert habe, vollzog sich in der Architektur gerade der Wechsel von der Zeichenschiene zum computerbasierten Entwerfen. An der Uni erstellten wir dreidimensionale Designs mit der Software „Form Z“; durch sie habe ich die 3-D-Welt für mich entdeckt. Narrative Räume haben mich schon immer fasziniert, da lag die Entwicklung von der traditionellen Architektur hin zum digitalen Filmdesign relativ nahe.


Pardon – was sind „narrative Räume“?

Wir haben uns zum Beispiel englische Landschaftsgärten angeschaut, die bekanntlich wie Choreografi en inszeniert sind. Man steigt auf einen Hügel, erblickt über den Teich hinweg einen kleinen Pavillon – und sieht danach wieder nur den Weg vor sich, weil alles dicht mit Bäumen bewachsen ist. Danach eine Kurve, und wieder ein Panorama. Dieses Prinzip des hide and reveal ähnelt der Kameraführung von Filmen.


Wie ging es dann für Sie weiter?

2001 und 2002 habe ich – parallel zur Arbeit in den Architekturbüros – an der Universität der Künste in Berlin unterrichtet. Die Studenten und ich nutzten den Computer entwurfl ich, um Räume aus der Bewegung zu kreieren. Wir wollten nicht statische, sondern dynamische Räume, die sich erst beim Durchschreiten erschließen, aus einem Grundriss heraus entwickeln. Mich hat immer das „Dazwischen“ sehr interessiert: Architektur eher als raum-zeitliches Erlebnis denn als statisch wahrgenommene Form. Rhythmus, Parallaxe und die fl ießende Veränderung der Perspektive – das sind meine Themen.


Das klingt aber fürchterlich theoretisch.

(Lacht) Mich hat einfach der Zusammenhang zwischen Geschwindigkeit und Wahrnehmung fasziniert. Die Frage, was dabei in unserem Kopf mit dem Raum passiert. An der Universität analysierten wir Filme wie „Pulp Fiction“ oder „Memento“, um uns von deren dezidiert nichtlinearer Erzählweise inspirieren zu lassen. Danach probierten wir aus, ob man Gebäude ähnlich entwerfen kann wie fi lmische Sequenzen.


Kann man das denn?

Die Arbeit mit den Studenten forcierte mein Interesse für Film und dessen Arbeitsweisen. Deswegen wollte ich Maya lernen, ein sehr anspruchsvolles Animationsprogramm, mit dem in Filmstudios die digitalen Sets und Charaktere realisiert werden. Eine Handvoll Architekten wie Greg Lynn oder Hani Rashid nutzten Maya und ähnliche komplexe 3-D-Software seit Ende der neunziger Jahre und ebneten damit den Weg für die derzeitige progressive Architektur. Und natürlich entstehen auch die realen Visionen von Zaha Hadid zu einem guten Teil durch den Einsatz von scriptbasierter Formfindung mittels Maya.


Also überquerte Tino Schaedler den Atlantik, um diese Technik zu erlernen.

Genau. 2002 habe ich im Architekturbüro gekündigt und bin mit einem Stipendium nach Kanada an die Filmschule gegangen. Nebenbei jobbte ich bei den Architekten Lang Wilson Associates. Und als das Studium vorbei war, wollte mich Libeskind nach New York holen, um am World Trade Center Site zu arbeiten. Da kam aus heiterem Himmel ein Anruf: ein Art Director, der sagte, er suche für einen Warner-Brothers-Film jemanden mit architektonischem Background für die digitalen Filmsets. Wie sich später herausstellte, hatte mich Oliver Lang, mein ehemaliger Arbeitgeber aus Vancouver, empfohlen.


Das war der sprichwörtliche Anruf …

… aus Hollywood. Ich war begeistert.


Ihr erster Film war „Catwoman“. Ähem.

Zugegeben kein besonders guter Film. Der ursprüngliche Designer wurde leider während der Preproduction entlassen. Er hatte davor „Delicatessen“ ausgestattet, „Die Stadt der verlorenen Kinder“ und „Die fabelhafte Welt der Amélie“, also alles ästhetisch überaus spannende, visuell reichhaltige Filme.


Da waren Sie plötzlich nicht mehr Architekt, sondern – ja, was eigentlich?

Innerhalb der Filmproduktion arbeite ich als Art Director für digitale Sets im Art Department. Ich bin sozusagen leitender Architekt für alle am Computer erstellten Sets sowie alle computeranimierten Erweiterungen der realen Sets. Gerade haben wir in Marrakesch für den Disney-Film „Prince of Persia“ eine ganze Stadt am Rechner entworfen. Im letzten „Harry Potter“ war die Halle der Prophezeiungen von mir.


Wie sieht Ihre Arbeit im Detail aus?

Mein Tätigkeitsbereich liegt zwischen Architektur und High-End-Computertechnologie; durch die rasante Entwicklung auf diesem Gebiet ist hier ein ganz neues Berufsfeld entstanden. Ich bin dabei die Schnittstelle zwischen dem Production Designer, der optisch das große Ganze im Blick hat, und den „digitalen Bauarbeitern“ in der Postproduction, die die Räume und Gebäude fotorealistisch simulieren. Das ist im Grunde wie im Architekturbüro: Der Chef sagt, was er will, oder er skizziert es, dann muss es jemand umsetzen. Mein Chef weiß vielleicht gar nicht – um im Bild zu bleiben –, wie der digitale Beton tatsächlich zusammengesetzt ist; aber ich sorge dafür, dass die Bauarbeiter genau das tun, was er sich vorstellt.


Seit wann sehen digitale Gebäude in Filmen so täuschend echt aus?

Ein Meilenstein war sicherlich Ridley Scotts „Gladiator“ im Jahr 2000. Diese Fahrten über das Kolosseum etwa – da sieht man die Unterschiede zwischen dem gebautem Set und den digitalen Erweiterungen tatsächlich nicht mehr.


Ist das nicht Verzerrung der Realität?

Ist denn das nicht die Aufgabe von Filmen, im ganz positiven Sinn? Wir wollen doch, dass Filme uns an die Hand nehmen, neue Welten zeigen und Geschichten erzählen. Und mit „Sin City“, „Sky Captain and the World of Tomorrow“ oder „300“ hat sich ein digitaler Expressionismus mit neuen künstlerischen Ausdrucksformen entwickelt.


Wo liegen dabei die Anknüpfungspunkte in der realen Baugeschichte?

Noch viel stärker als im Architekturbüro wird beim Film jedes Mal ein Referenzkatalog erstellt. Der Entwurf für das Zauberministerium in „Harry Potter“ etwa basiert auf der Londoner U-Bahn – man erkennt das gut an den emaillierten Fliesen und der Tunnelarchitektur. Für das Design von Alamut, einer Stadt im „Prince of Persia“, kommen alle entwurfl ichen Anleihen aus der indischen Architektur. Für den TV-Room in „Charlie und die Schokoladenfabrik“ wiederum haben wir uns von Stanley Kubricks „2001“ und den Möbeln Verner Pantons inspirieren lassen. Und als wir an „Nutcracker: The Untold Story“ arbeiteten, der Anfang des 20. Jahrhunderts in Wien spielt, wurde intensiv Otto Wagner studiert.


Jetzt klingen Sie ein wenig wie ein Bildungsbürger, der sich durch Zufall in die Unterhaltungsindustrie verirrt hat.

Die Illusion der Traumfabrik funktioniert nur, wenn sie sich an der Realität orientiert. Nehmen wir nur „Der Herr der Ringe“: Die Elbenarchitektur mit ihren floralen Motiven war vom Jugendstil geprägt, andere Völker von Gotik oder Romanik. Nur durch Referenzen auf die Stilgeschichte kann der Zuschau er das Neue unterbewusst einordnen.