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Wenn Elektronik die Ästhetik entdeckt

Auf der Internationalen Funkausstellung sind in diesem Jahr zwei erfreuliche Trends zu beobachten: Kabel und Geräte werden immer weniger. Und was bleibt, hat ein wohnlicheres Design

Erschienen:

  • September 2009
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Ein normales Wohnzimmer der achtziger Jahre ließ jeden Geschmacksbürger auf der Stelle zum Kulturpessimisten werden. Absurde Hi-Fi-Türme, monströse Fernseher und Klumpen aus Mehrfachsteckdosen markierten den Triumph der Technik über den Stil. Heute sind die Geräte zwar etwas kleiner und flacher, aber noch immer drücken sich unansehnliche Plastikschlangen an den Fußleisten entlang – Stromkabel, Lautsprecherkabel, Antennenkabel. Und statt Videokassetten und Schallplatten stapeln sich DVDs und CDs im Regal. Dekorativ ist das ganz sicher nicht. Schlimmer noch: Es ist nicht einmal praktisch.

Umso erfreulicher, dass nun zur Internationalen Funkausstellung vom 4. bis 9. September in Berlin ein altes Versprechen der Elektronikhersteller eingelöst zu werden scheint: kabellos Musik, Filme und Fotos im gesamten Haus. Statt einer Armada schwarzer oder silberner Kästen mit Steuertasten-Akne nur mehr wenige Geräte, die darüber hinaus auch noch einfach zu bedienen sind. Die neue, schöne Welt der Mediennetzwerke versöhnt endlich Technikliebhaber und Wohnästheten.

Wie also funktioniert diese Welt? Zunächst einmal schrumpft der Geräte- und Medienpark dramatisch. Sich in jedem Raum komplette Musikanlagen, Empfänger, Verstärker, DVD-Spieler und Fernsehgeräte zu halten, das ist ein wenig effizientes und gestalterisch hoffnungsloses Konzept. Stattdessen werden nun alle Medieninhalte – Musik-alben ebenso wie die heruntergeladene Lieblingsserie, aber auch Urlaubsfotos – in einem zentralen Media Center (einer großen Festplatte sozusagen) gespeichert. Ein solches Kästchen benötigt kaum Platz und kann praktisch überall im Haus stehen, gern auch versteckt. Gleichsam die Spinne im unsichtbaren Netz, sendet es drahtlos Informationen an die Ausgabegeräte. Was dazu führt, dass man in den Räumen nur noch Lautsprecher oder Bildschirme braucht. Und solche kabelfreien Media Center leisten noch mehr: Der PDX-Z9 von Pioneer etwa sammelt nicht nur alle Daten ein, sondern verbessert die komprimierten MP3-Songs zugleich tontechnisch.

Klingt komplizierter, als wenn man einfach nur eine CD einschiebt? In Wahrheit ist es – nach einer Eingewöhnungsphase – genau umgekehrt. Wer schon einmal vor einer nicht alphabetisch sortierten CD-Wand stand und eine bestimmte Aufnahme suchte, weiß, wie mühsam das sein kann. Und warum soll man die Film-DVD aus dem Player im Wohnzimmer nehmen, wenn man im Bett das Ende schauen möchte? Das Gerät im Schlafzimmer weiß nicht, wo im Film man gerade war, also muss man erst im Schnellvorlauf durch die Szenen springen. Zudem speichern immer mehr Menschen ihre Musik, neuerdings auch Filme und vor allem Fotos, auf dem Computer. Diese Medien am Rechner zu konsumieren, womöglich noch im Arbeitszimmer, ist wenig attraktiv. Und was, wenn man sich via iTunes ein neues Album heruntergeladen hat? Nun liegt es auf dem iPod, man würde es aber lieber im Wohnzimmer über die große Anlage hören …

All diese Beispiele zeigen: Die Digitalisierung erlaubt eine zeit- und ortsungebundene Verfügbarkeit von Musik und Bildern, doch unsere Anlagen hinken hinterher. Wir befinden uns in einer Umbruchphase, die Mehrzahl der jetzigen Geräte und Datenträger sind nur Übergangsmedien. Das neue Prinzip, alle Daten an einem zentralen Ort zu speichern und von überall aus abrufen zu können, dürfte die Lösung für solcherlei Probleme bieten. Zumal viele Anbieter auf der IFA in diesem Jahr dank neuer Standards wie Wireless HDMI Produkte präsentieren, die sogar datenintensive, hochauflösende (HD-)Filme und Serien durchs Haus „streamen“, wie es neudeutsch heißt. Einen WLAN-Fernseher wie den LH9500 von LG kann man daher ohne Verbindungskabel an die Wand hängen, seine Daten empfängt er wie ein Laptop: drahtlos.

Wer möchte, kann so Filme direkt aus dem Internet im Wohnzimmer schauen – nicht unwichtig, da es selbst bei YouTube zunehmend anspruchsvolle Inhalte in guter Qualität zu sehen gibt. Kleine, feine Online-Videotheken wie Theauteurs.com, die ausschließlich internationale Autorenfilme anbieten, ersparen der entsprechenden Zielgruppe den Gang ins Programmkino. Hier kündigt sich zugleich der nächste Entwicklungssprung an: Statt auf der Festplatte irgendwo im Haus zu liegen, werden die Inhalte bald wohl in die „Cloud“ wandern, also auf gigantische Server von Anbietern wie Telekom, iTunes oder Amazon. Was den endgültigen Abschied von der Gewohnheit bedeutet, Medieninhalte physisch zu besitzen: Man schaut oder hört dann on demand – was, wann und wo man will.

Willkommene Konsequenz dessen ist das weitgehende Verschwinden des Kabelsalats. Wenn Musik, Filme und Bilder (per WLAN oder Wireless HDMI) drahtlos durchs Haus geschickt werden, erübrigt sich schon mal das Antennenkabel. Und weil man für diese Art des Konsums weniger Geräte benötigt, spart man auch Strom- und Verbindungskabel. Wer sich noch nicht für eine Streaming-Lösung erwärmen mag, kann von neuen integrierten Produkten wie den Soundbars profitieren, die etwa Philips und Samsung anbieten. Sie kombinieren einen Bluray- oder DVD-Spieler mit hochwertigem Sound. Statt überall im Zimmer verteilter Boxen braucht man fürs Heimkino dann nur noch diesen Solisten, zusammen mit dem Fernseher. Möchte man den Raumklang mehrerer Lautsprecher nicht missen, so kann man zumindest auf drahtlose Wiedergabesysteme wie den SC-ZT1 von Panasonic umsteigen.

Einfacher wird auch das Handling derartiger Home-Entertainment-Netzwerke: Es wandert auf den Bildschirm oder auf eine einzige Multitouch-Fernbedienung. Manchmal, wie bei Apple TV oder Sonos, wird sogar das iPhone per darauf installierter Software zur Schaltzentrale. Knöpfe durch virtuelle Bildschirmtasten zu ersetzen markiert einen gestalterischen Paradigmenwechsel. „Das Erleben von Hard- und Software wird künftig enger zusammenwachsen, dadurch erst entsteht wahre Bedienerfreundlichkeit“, prognostiziert Ralph Christian Bremenkamp, Kreativdirektor bei Frog Design. Neue Designtrends, meint er, entwickelten sich nicht mehr nur auf der Ebene von Geräten, sondern „in ganzheitlicheren Ansätzen, die zu intelligenteren und integrierten Produkten führen. Die Zeit der glänzenden schwarzen Kästen mit schlecht gemachten und anonymen Benutzeroberflächen ist bald vorbei.“ Auch Wolfram Putz vom Berliner Architektenbüro Graft glaubt, dass die Steuerung von Heimelektronik immer ergonomischer und intuitiver wird, „so, wie wir es vom Handy längst kennen“. Eine positive Entwicklung, findet er, denn beim Gestalten von Innenräumen „wollen wir die Aufmerksamkeit lieber auf etwas anderes lenken als auf Schalter“. Die Kunden jedenfalls verlangen danach. „Wer es sich leisten kann, lässt sichtbare Technik weg, mit der Musikanlage gibt kaum noch jemand an“, sagt Putz. Sein Wunsch an die Hersteller: „Kann bitte jemand einen Flatscreen erfinden, der in ausgeschaltetem Zustand keine schwarze, sondern eine weiße Fläche zeigt?“

Schon länger mausert sich ein Kriterium, das früher in der Marketingsprache nur ironisch verwendet wurde, zum nüchternen Verkaufsargument: der woman acceptance factor. Das Klischee vom technikbegeisterten Mann, der das (gemeinsame) Wohnzimmer im Alleingang vollstapelt mit Geräten, denen er oft genug nicht einmal alle Funktionen entlocken kann, ist Vergangenheit. Auch Unterhaltungselektronik muss heute ästhetischen Ansprüchen genügen, Frauen wussten dies bloß schon etwas länger.

Man könnte vom Eisbergprinzip sprechen: Der Großteil der Technik soll hochmodern, funktional, aber bitte unsichtbar sein. Bildschirme oder Lautsprecher hingegen, die sich eher schlecht verstecken lassen, werden gerade gestalterisch aufgewertet, wie man schon 2008 am viel gelobten Revival des kugeligen Boxenklassikers „Audiorama“ von Grundig sah. „Es gibt Käufergruppen, die sich für Geräte als Objekte entscheiden“, so Georg Wilde von der Firma Philips, die mit dem nach hinten leuchtenden „Aurea“-Fernseher erstaunliche Markterfolge feiert. „Solche Modelle stellt man an exponierter Stelle auf, sie müssen für sich allein wirken.“ Also ähnlich einem Bild an der Wand hängen oder wie eine Skulptur im Raum stehen. Hersteller wie Bang & Olufsen haben diese Designstrategie schon länger verfolgt, doch dank der neuen drahtlosen Server-Technologien wird sie nun wirklich plausibel.

Revox, einer der größten Anbieter unsichtbarer Home-Entertainment-Lösungen, bietet sogar Technik zum Draufsetzen: Die auf der Funkausstellung vorgestellten Lautsprecher der Serie „Re:sound L 34“ sind komplett mit Leder bezogen, der Subwoofer-Würfel dient dann als Hocker – inklusive Kissen. An dieser Spitze des Eisbergs können Gestalter sich austoben. „In naher Zukunft werden wir reichhaltigere und farbigere Oberflächen sehen“, glaubt Frog-Designer Bremenkamp. Er erwartet, dass „Leder, Schaum und Keramik verstärkt zum Einsatz kommen, ebenso wie Textilien und Holz“. Gerade wenn der Großteil der Technik hinter Wandverkleidungen oder in Möbeln verschwindet, reizt die Gestaltung des sichtbaren Teils umso mehr. Es wird also spannend.