Die Zeit

Bloß nichts verpassen

Noch ist das iPad nicht zu kaufen, doch die Verlage sind längst aktiv. Vier Fragen zum beginnenden Wandel

Erschienen:

  • 4. Februar 2010
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1. Wie bereiten sich deutsche Verlage auf das iPad vor?


Das Vorstandsmitglied Andreas Wiele war bei der Präsentation des neuen Apple-Gerätes in San Francisco dabei und schwärmte hemmungslos in der hauseigenen Bild: »Ich habe das iPad in der Hand gehabt.« Vom »Universalgenie « ist in dem kleinen Text die Rede. Seit einigen Wochen verkauft Springer bereits digitale Ausgaben von Bild und Welt auf dem Mobiltelefon von Apple, dem iPhone. Ähnliches will man nun mit speziell für das iPad entwickelten Versionen probieren. Die Annahme dahinter: Nachrichten sind im Netz weiterhin kostenlos verfügbar. Dagegen werden Nutzer bereit sein, für »besonders aufbereitete Inhalte« (Springer) Geld zu bezahlen. Im Idealfall Monat für Monat, im Abonnement.

»Wir stehen Gewehr bei Fuß, um unsere Anwendungen auch auf diese neue Plattform zu bringen«, sagt Frank-H. Häger, Vorstand für elektronische Medien bei der Ganske Verlagsgruppe (Merian, Feinschmecker). Der Erfolg der bisherigen Apple-Produkte lasse vermuten, dass es ein großer Erfolg werde, sagt Daniel Puschmann, Manager in einer Digitalabteilung des Bauer Verlags (TV Movie, Bravo). Man wolle zwar erst genau prüfen, ob das iPad als Geschäftsmodell funktioniere, führe aber bereits Gespräche mit Apple. Aus anderen Verlagshäusern, die ihr Geld nach wie vor hauptsächlich mit dem Vertrieb von gedruckten Medien verdienen, ist ähnlich Optimistisches zu hören. Ulrich Hegge, ein Internetpionier, der heute für den Burda-Verlag (Bunte, Focus) eine Innovationsabteilung leitet, sagt, man stehe erst ganz am Anfang einer »neuen Ära«.

Ein Verlagsmanager, der nicht zitiert werden möchte, ist sicher: Gäbe es erst einmal ein vernünftiges Lesegerät und dazu passende Medienangebote, »wird es kaum noch einen Grund geben, Magazine in gedruckter Form zu verkaufen«. Das iPad könnte das erste solche Gerät sein.

Die Mehrzahl der deutschen Medienhäuser will mit Apple, Amazon und anderen US-Konzernen zusammenarbeiten – erheblicher Nachteile zum Trotz. Derzeit müssen Verlage an Amazon etwa 70 Prozent und an Apple 30 Prozent vom Umsatz abgeben. Amazon behält sich zudem vor, den Preis mitzubestimmen. Die Kundendaten bleiben, von Ausnahmen abgesehen, ebenfalls bei den Amerikanern. Missfällt Apple der Inhalt eines Angebots, kann es dieses kurzerhand stoppen. Und das ist auch schon vorgekommen.



2. Was tun Verlage, um von Apple unabhängig zu bleiben?


Bertelsmann versucht, seinen eigenen Weg zu gehen. Gemeinsam mit dem Deutschen Pressevertrieb (DPV), einer Tochter des hauseigenen Verlags Gruner + Jahr, entwickelt das größte deutsche Medienunternehmen gerade eine eigene digitale Vertriebsplattform, an der sich möglichst viele Verlage beteiligen sollen. Das Konzept sieht vor, dass Nutzer auf einer Internetseite Artikel und Informationen auf ihre elektronischen Lesegeräte laden können, unabhängig vom Gerätetyp. Die Plattform soll noch in diesem Jahr starten. Das Ziel sei es, ein eigenes »attraktives Markenumfeld « zu schaffen, sagt die DPV-Frau Suntka von Halen. Und selbstverständlich behielten die teilnehmenden Verlage die Kontrolle über ihre Kundendaten. An ähnlichen Modellen arbeiten die Deutsche Post und der Telekommunikationskonzern Vodafone. Der US-Medienkonzern Hearst entwickelt nicht nur eine Software, sondern bringt Ende des Jahres auch ein eigenes Lesegerät namens Skiff auf den Markt. Vergleichbares plant in Deutschland nur die WAZ-Gruppe.

3. Wie könnten journalistische Angebote auf dem iPad aussehen?


Der Berliner Lukas Kircher, für seine Zeitungsdesigns wie das der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vielfach ausgezeichnet, glaubt: Verlagen werde es jetzt möglich, »für eine neue Art von sehr sinnlichem Journalismus und neuen Services mit Fug und Recht Geld zu verlangen, weil es das woanders einfach nicht gibt«. Der Designer wirkt euphorisiert: »Das ist jetzt eine berauschende Reise.« Die Branche befinde sich in einem »Ablösungsprozess« vom Papier – vor allem gelte das für Tageszeitungen und Fachmagazine. Bis jetzt sei nie die Frage beantwortet worden, warum ein elektronisches Lesegerät wie der Kindle (der nur Schwarz und Weiß darstellt) überhaupt besser sein solle als die Zeitung auf Papier. »Da musste man – wie vom Nokia-Handy zum iPhone – auf den Sprung warten«, so Kircher. Mit dem iPad – spätestens in der zweiten, dritten Generation – werde er kommen.

Kircher sagt, bei ihm hätten »innerhalb von zwei Tagen fünf Unternehmen in Sachen iPad angeklopft«. Der größte Fehler, den Zeitungen und Zeitschriften nun machen könnten? Mit einer »halbgaren« Lösung zu kommen, die nicht anders aussehe als die Zeitung. Kircher sieht als nächsten Schritt digitale Abomodelle, bei denen der Kunde »eine aufgemotzte Version des gedruckten Produktes für zwei Jahre aufs iPad bekommt und dafür das Gerät mehr oder weniger kostenlos erhält «. Das sei gerade für jüngere Leser »hochsexy «. Jack Schulze, Entwicklungschef der einschlägigen Londoner Agentur Berg, sieht gedruckte Erzeugnisse künftig nur noch als luxuriöses Archiv: »Nachrichten, Blogs, Diskussionen mit Freunden, Bilder, Filme – all das werden wir auf digitalen Lesegeräten konsumieren. Am Ende des Monats schickt mir der Verlag dann eine gedruckte hochwertige Zusammenfassung als individuelle Zeitschrift, die ich – wie früher vielleicht den National Geographic – ins Regal stelle und sammle.«



4. Wie könnte das iPad die journalistische Arbeit verändern?


Die Produktion elektronischer Darstellungsformen ist sehr komplex. Wer einmal erlebt hat, wie ein Online-Medium entsteht, ahnt, dass Programmierer und Designer auch auf dem iPad großen Einfluss haben werden, teilweise vielleicht einen größeren als Autoren und Redakteure. Man kann das als Chance sehen. »Wenn man die unterschiedlichen Kompetenzen kombiniert, wird es erst interessant «, sagt Sara Öhrvall, Entwicklungschefin des skandinavischen Medienkonzerns Bonnier und Auftraggeberin der einflussreichen »Mag+«-Studie zum elektronischen Lesen. »Wir haben Experten für Nutzerführung mit den besten Printredakteuren diskutieren lassen. Man muss solche neuen Teams bilden, damit sich Fähigkeiten gegenseitig befruchten. « Dennoch bleibt es enorm aufwendig, langwierig und damit teuer, Animationen, Bewegtbilder, Audio und Interaktion in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen.

Lieb gewonnene redaktionelle Gewohnheiten – wie das schnelle Ändern eines Artikels kurz vor Druckschluss – werden bei einem elektronischen Magazin viel schwieriger umzusetzen sein, wenn überhaupt. Gleichzeitig werden mehr Journalisten zusätzliche Fertigkeiten erlernen und neue Programme bedienen müssen. Ob die Verlage es schaffen, schnell genug solche Mitarbeiter für die nahe Tablet-Zukunft auszubilden, ist offen. Falls nicht, werden sie dieses Wissen teuer bei Dienstleistern einkaufen müssen.