Die Zeit

"Ein Zehntel können Sie verkaufen"

Der Erfolgsautor Chris Anderson erklärt, wie man die Umsonstkultur im Internet zum Geschäft machen kann

Erschienen:

  • 13. August 2009

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DIE ZEIT: Herr Anderson, Nachrichten im Internet sind seit Jahren kostenlos zu haben. Der Verleger Rupert Murdoch will das nicht mehr hinnehmen und künftig Artikel seiner mehr als hundert Zeitungen online verkaufen. Hat der Mann das Internet nicht verstanden?

CHRIS ANDERSON: Murdoch folgt genau meinen Empfehlungen. Er hat zwar keine Details verraten, aber wenn man sich die Internetseite des Wall Street Journal anschaut, das ein Vorreiter und eine Ausnahme in seinem Konzern ist, sieht man bereits ein perfektes Freemium-Modell.

ZEIT: Was ist das?

ANDERSON: Für Medien funktioniert das so: Die populärsten Inhalte sind kostenlos, um möglichst viele Menschen anzuziehen; und man versucht das über Werbung zu finanzieren. Inhalte, die weniger Menschen interessieren – die dafür aber umso stärker –, verkauft man.

ZEIT: Das meiste wird weiterhin verschenkt?

ANDERSON: Etwa 90 Prozent sind bei Freemium kostenlos, ein Zehntel können Sie verkaufen. Sie benutzen das frei zugängliche Angebot, um die Nachfrage nach dem bezahlten Teil zu steigern. Ein Beispiel dafür ist mein neues Buch – wir haben es zeitlich begrenzt in digitaler Form umsonst weggegeben, um damit die Nachfrage nach dem gedruckten Buch zu steigern. Potenzielle Käufer können reinlesen und wissen, worum es geht.

ZEIT: Mehr als 300 000 Menschen haben Ihr Buch in den USA aus dem Internet heruntergeladen. Trotzdem stieg die Papierversion bis auf Platz 13 der New York Times-Bestsellerliste. In Deutschland gab es die Online-Version nicht umsonst. Stattdessen kostet sie 39,90 Euro. Nicht gerade free, oder?

ANDERSON: Ich habe keinen Einfluss darauf, was die Rechteinhaber in den jeweiligen Ländern entscheiden. Immerhin habe ich mir die Rechte am Hörbuch gesichert, und dieses ist – wenn auch leider nur in Englisch – weltweit für immer kostenlos.

ZEIT: Kostenlose Proben gab es doch immer schon. Was ist daran neu?

ANDERSON: Es gibt viele verschiedene Arten von dem, was ich in Free beschreibe. Mir geht es vor allem um digitale Produkte. Die haben die einmalige Eigenschaft, dass ihre Grenzkosten nahe null sind.

ZEIT: Also jene Kosten, die entstehen, um je eine weitere Einheit eines Produkts herzustellen und zu vertreiben, sobald es einmal entwickelt ist.

ANDERSON: Ja, bei digitalen Gütern diktieren die Kosten den Preis nicht mehr wie früher. Daraus haben sich drei Arten von free entwickelt. Neben Freemium entsteht eine zweite Art, weil in der digitalen Welt viele Autoren nicht aus kommerziellen Gründen schreiben: Blogs, Twitter-Texte, Facebook-Inhalte und so weiter. Sie tun es für die Reputation, für Aufmerksamkeit. Es ist Ausdruck ihrer Persönlichkeit. Die dritte Art ist die traditionelle Werbefinanzierung. Kunden bekommen ein Produkt umsonst, weil andere, nämlich die Werbetreibenden, es subventionieren. Das war die erste Welle von Geschäftsmodellen im Internet, aber es gibt eindeutig nicht genug Werbegeld für alle.

ZEIT: Eine kleine Zahl von Medienschaffenden, wie etwa der ehemalige US-Journalist und erfolgreiche TV-Produzenten David Simon (The Wire), fordert: Alle Artikel müssten kostenpflichtig werden. Nur so sei Qualitätsjournalismus zu retten. Wie realistisch ist das?

ANDERSON: Wer das macht, verabschiedet sich aus der öffentlichen Wahrnehmung. Es geht darum, sich daran zu orientieren, was ist. Ich erfinde in Free nichts, ich plädiere nicht dafür, ich beschreibe nur, welche Geschäftsmodelle entstanden sind.

ZEIT: Sie sind nicht nur Buchautor, sondern auch Chefredakteur der Zeitschrift Wired. Es ist ein Magazin für Techniktrends und Lifestyle. Wie halten Sie es im Netz?

ANDERSON: Alle unsere Artikel gibt es umsonst.

ZEIT: Widerspricht das nicht Ihrer These?

ANDERSON: Wir bieten die Artikel, aber nicht das volle Erlebnis. Letzteres ist bei einem Magazin grösstenteils ein Visuelles: die Grafik, die Fotos, die Verpackung der Ideen. Online fällt diese visuelle Komponente weg. Um den Text zu lesen, muss man vielleicht 16-mal klicken, die Fotos sind klein, das Layout fehlt ganz.

ZEIT: Vielleicht sind Ihre Inhalte einfach nicht wertvoll genug.

ANDERSON: Die Auflagen von Zeitungen sinken, unsere Auflage steigt. Was wir als monatliches Hochglanzmagazin machen, kann im Internet nicht reproduziert werden. Unser gedrucktes Produkt macht die Inhalte wertvoller, sie funktionieren besser im Magazin. Zeitungen geht es schlecht, weil das Internet besser darin ist, Nachrichten zu verbreiten. Wenn wir als Magazin unsere Inhalte online umsonst weggeben, ist das sinnvolles Marketing. Die Medien unterscheiden sich. Was fürs Radio funktioniert, gilt nicht fürs Fernsehen, Tageszeitungen müssen nicht dasselbe tun wie Wochenzeitungen.

ZEIT: Wenn Sie Zeitungsverleger wären …

ANDERSON: … würde ich versuchen, mehr Premium-Produkte zu entwickeln, für die ich online Geld verlangen kann. Werbefinanzierung kann in Zukunft nicht mehr das einzige Modell sein.

ZEIT: Was sagen Sie Verlegern, die Sie treffen?

ANDERSON: Nicht jammern. Wir müssen wie Gründer denken. Das wird nicht gehen, indem wir uns über das Internet beschweren oder um staatliche Subventionen bitten.