Die Zeit

Wer verkauft, hat recht

Kann das iPad die Erwartungen hierzulande erfüllen?

Erschienen:

  • 27. Mai 2010
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Als Apple das iPad vor vier Monaten vorstellte, waren viele Experten skeptisch: keine Webcam. Kein Flash. Zu teuer. Und überhaupt: Wofür sollte man das Ding eigentlich brauchen? Um unterwegs zu arbeiten? Dafür hat man seinen Laptop, mit dem man ebenfalls surfen und Filme schauen kann. Zum Telefonieren? Das kann das neue Gerät gar nicht. Der Medientheoretiker Jeff Jarvis, einer der frühen Käufer, packte sein iPad gleich wieder ein und schickte es an den Hersteller zurück. »Ich sehe nicht ein, 500 Dollar für etwas auszugeben, das ich gar nicht benutze«, kommentierte er.

Heute sind die Kritiker sehr viel zurückhaltender. Eine Million iPads wurden in den Vereinigten Staaten bereits verkauft, nach Schätzungen kommen wöchentlich mehr als 200 000 Geräte hinzu. Häufiger verkauft sich nur das iPhone 3GS. Rund 246 000 Exemplare gingen im ersten Quartal 2010 pro Woche über die Ladentheke.

Läuft das Geschäft mit den iPads diese Woche in Europa ähnlich gut an, könnte sich der weltweite Gesamtabsatz 2010 von bisher erwarteten fünf auf acht Millionen Geräte steigern, glaubt der Branchendienst Appleradar. Für fast jeden vierten Deutschen kommt der Kauf eines iPad zumindest theoretisch infrage. Bei einer repräsentativen Umfrage bekundeten 23 Prozent der Befragten grundsätzliches Interesse an dem Tablet-Computer, 4 Prozent wollen sich das Gerät auf jeden Fall kaufen. Immerhin 68 Prozent haben vom iPad bereits gehört, nur knapp ein Drittel der Befragten kann mit dem Begriff »Tablet-PC« nichts anfangen.

Ähnlich wie in den USA melden sich pünktlich zum Marktstart die Kritiker auch hierzulande zu Wort. Im Vergleich zu vollwertigen Computern habe das iPad zu wenig zu bieten, meckern sie. Für die FAZ ist das Gerät »kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt«. Die Situation erinnert an die Startphase des iPhone, als Experten, Medien und Kunden das Gerät als zu teuer empfanden und dem Smartphone ein Nischendasein prophezeiten. Sie sollten sich irren: Apple hat in den ersten drei Monaten dieses Jahres 16,1 Prozent des Smartphone-Marktes erobert, Analysten erwarten, dass in diesem Jahr weltweit 36 Millionen iPhones verkauft werden. Das entspricht einem Plus von 40 Prozent gegenüber den vorläufigen Absatzzahlen von 2009. Nutzer lieben das Gerät, nicht zuletzt wegen der schier unendlichen neuen Funktionen, mit denen es über Programme von Drittanbietern, den sogenannten Apps, versorgt werden kann. Und auch bei den Nachfolgemodellen des iPhone legte Apple kräftig nach – das Gerät wurde schneller, die Kameras besser.

Ähnliches ist beim iPad zu erwarten. Künftige Versionen dürften leistungsfähigere Hardware haben, etwa mit Kamera, und durch immer neue Apps zunehmend attraktiv werden. Zum Beispiel durch E-Books: In Deutschland hat Apple zwar iBooks, den Laden für elektronischen Lesestoff, gerade freigeschaltet. Die Buchauswahl hält sich aber bislang in Grenzen. Lediglich die über das Projekt Gutenberg kostenlos verfügbaren Bücher sind hier bislang zu finden. Doch das wird sich ändern.

Sind attraktive Inhalte verfügbar, scheinen die Besitzer des iPad sie auch abzurufen: Nur drei Wochen nach dem Start des Gerätes in den USA kamen bereits knapp ein Drittel der Besucher der amerikanischen Magazin-Website Wired.com, die ein mobiles Endgerät benutzten, über das iPad auf die Seite. Die Journalisten von Wired zogen ein erstes vorsichtiges Fazit: »Besitzer nutzen ihr iPad, um im Internet zu surfen. Und zwar sehr viel.«

Auf die Lesebegeisterung der iPad-Käufer setzen denn auch viele Zeitungs- und Zeitschriftenverlage. Sie hoffen, dass Kunden den sehr einfach zu bedienenden iTunes-Store wie einen Kiosk nutzen und – anders als im Internet – bereit sind, für Inhalte auch zu zahlen. Der zweite neue Erlösstrom für Medienhäuser sollen Anzeigenkunden sein, die die multimedialen und interaktiven Werbeformate des iPad attraktiv zu finden scheinen: Satte 200 000 Dollar kostete eine Anzeige in der iPad-Ausgabe des Time Magazine, einer der ersten für das Gerät erhältlichen Zeitschriften.

In Deutschland arbeiten unter anderem Der Spiegel, die Süddeutsche Zeitung, Axel Springer (Bild, Welt) und Condé Nast (Vogue, GQ), an iPad-Versionen für ihre Titel. Teils planen sie aber auch »lebendige Zeitschriften«, die Animation, Film und Text kombinieren. Die Hoffnungen sind groß. Auch weil eine Umfrage der Marktforschungsfirma ChangeWave Research jüngst ergab, dass praktisch alle iPad-Besitzer mit ihrem Gerät zufrieden sind. Was Verleger und Journalisten allerdings nachdenklich stimmen könnte: Lediglich 28 Prozent der Befragten gaben an, auf dem Gerät Zeitungen oder Zeitschriften zu lesen.