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Die Lieben Kollegen...

...sind längst nicht so lieb, wie sie scheinen. In fast jedem Büro lassen sich sechs Grundtypen ausmachen. Wir zeigen, woran man sie erkennt und wie man mit ihnen zusammenarbeitet

Erschienen:

  • Dezember 2008

Illustrationen:

  • Rudi Skukalek
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01 DER KONTROLLFREAK


WORAN MAN IHN ERKENNT:

Während der Geschäftsführer Golf spielt und der Praktikant seinen Kater ausschläft, sitzt der Kontrollfreak immer noch am Schreibtisch. Er ist oft im mittleren Management anzutreffen, sitzt morgens als Erster im Büro und geht abends als Letzter. Den Tag verbringt er mit Mikromanagement selbst der kleinsten Aufgaben seiner Mitarbeiter, die sich fragen: Traut mir hier niemand etwas zu? Warum macht er nicht gleich alles selbst? Und warum muss ich schon wieder bis um zehn Uhr abends in der Firma bleiben, obwohl ich mit meiner Arbeit fertig bin – nur weil der Chef noch da ist und etwas von mir wollen könnte? Investmentbanker und Unternehmensberater sollen in solchen Fällen schon ganze Romane am Bildschirm gelesen haben. Und für Sportfans gibt es glücklicherweise Liveticker im Internet.


WIE MAN MIT IHM UMGEHT:

Offen ansprechen, dass man nicht nach seiner Anwesenheitszeit, sondern nach geleisteten Ergebnissen beurteilt werden will. Und dass dies auch die moderne Arbeitsweise in der Wissensgesellschaft sei. Demonstrativ gehen, wenn man fertig ist – anfangs die Handynummer für Notfälle hinterlassen. Scheibchenweise vorgeheN: einen Tag pro Woche Heimarbeit testen, die entstandenen Produktivitätsgewinne nachweisen, auf zwei Tage ausweiten. Sie müssen aus dem Kontrollbereich des Perfektionisten ausbrechen.


WILL ICH AUCH SO SEIN?

Niemals! Es sei denn, Sie haben keine Freunde, kein Privatleben, wollen in zwei Jahren ein Burnout erleiden oder entnervt kündigen. Fortschrittliche Unternehmen lassen ihre Angestellten nach Möglichkeit arbeiten, wann und wo sie wollen. Internet, Smartphones und Webtools erleichtern das. Als Manager sollten Sie Ihren Mitarbeitern Freiraum geben – das fördert die Leistung.



02 DER ANGEBER


WORAN MAN IHN ERKENNT:

Rennt in jedes Meeting, bestreitet dann dort die meisten Sprechanteile. Mailt ständig Memos an alle. Redet zu laut und zu viel. Weiß schon alles und hört nicht zu. Erklärt gern die Welt im Allgemeinen und die Arbeit im Besonderen. Schleimt nach oben, tritt nach unten.


WIE MAN MIT IHM UMGEHT:

Auch wenn es uns nicht gefällt: Die Angeberstrategie ist leider oft erfolgreich. Chefs hören gern dem zu, der sich traut, als Erster oder am längsten zu reden. Weshalb der Angeber oft zumindest ein bisschen Karriere macht, bevor später (hoffentlich) seine Inkompetenz ans Licht kommt. Versuchen Sie, bis dahin irgendwie mit ihm auszukommen – denn oft hat er das Ohr des Vorgesetzten und kann Ihnen dadurch schaden.


WILL ICH AUCH SO SEIN?

Vielleicht manchmal ein bisschen mehr. Nur zurückhaltend, freundlich, pflichtbewusst und hoffen, dass der Chef einen irgendwann bemerkt – das ist keine Erfolgsstrategie. Etwas Eigenmarketing ist wichtig, und dazu muss man auch mal den Mund aufmachen, mit dem Vorgesetzten essen gehen, sich selbst loben.



03 DER INNERE EMIGRANT


WORAN MAN IHN ERKENNT:

Bei Männern: graugesichtig, ängstlich, stur. Bei Frauen: überfrisiert, passiv-aggressiv, legt Patiencen am Computer. Gehören zum Inventar wie die Möbel. Und sie sind auch ungefähr so produktiv wie ein Stuhl. Kollegiale Hilfe ist hier nicht zu erwarten, aber das ist nicht so schlimm, weil eh keiner weiß, warum diese Person hier eigentlich seit Jahren sitzt.


WIE MAN MIT IHM UMGEHT:

Lächelnde Ignoranz reicht. Vermeiden, in der Kaffeeküche in einen ganzen Zirkel dieser notorischen Jammerer zu geraten. Sofort hektisch auf die Uhr schauen, „Oh je, das Meeting“ murmeln, und raus! Sonst drohen anhaltend schlechte Laune, Demotivation – und der Chef denkt womöglich, Sie gehören zu den Leuten, die er längst loswerden will.


WILL ICH AUCH SO SEIN?

Ganz sicher nicht. Wehren Sie den Anfängen, und horchen Sie regelmäßig in sich hinein, was Ihr Bauch von Ihrem Job hält – denn sein Gefühl ist unabhängig von gesellschaftlichem Status, Gehalt oder Erwartungen anderer. Wer zu lang versucht, seine wirklichen Vorlieben zu unterdrücken, wird psychisch krank. Der amerikanische Weinexperte Gary Vaynerchuk, der seit Kurzem als Videoblogger weltweit erfolgreich ist, sagt: „Wenn Sie auch nur zu zehn Prozent nicht mögen, was Sie gerade machen: Hören Sie sofort auf! Kündigen Sie morgen! Machen Sie, wozu Sie Lust haben!“ Keine Frage, Gary hat recht.

04 DIE ZICKE


WORAN MAN SIE ERKENNT:

Nicht am Geschlecht – oft ist sie ein Mann. Sagt auf jede Bitte erst mal Nein und erklärt sich für nicht zuständig. Kommt nur zu Meetings, wenn es nicht anders geht oder es eine Chance gibt, den Chef zu beeindrucken. Raunzt jeden an, der einen Gefallen will. Geht früh nach Hause, obwohl sie sich als hoffnungslos überlastet betrachtet. Hat das Telefon auf Mailbox und die E-Mail auf Autoresponder. Um mit ihr etwas zu besprechen, muss man einen Termin vereinbaren.


WIE MAN MIT IHR UMGEHT:

Zuerst müssen Sie nach ihren Regeln spielen: Belästigen Sie die Zicke nur mit Dingen, bei denen es gar nicht anders geht. Erklären Sie ihr, was sie davon hat, wenn sie Ihnen hilft. Setzen Sie diesen Typus dann strategisch ein, machen Sie ihn sich gelegentlich zum Verbündeten – wenn sie sich ernst genommen fühlt, wird die Zicke oft zum treuen Gehilfen.


WILL ICH AUCH SO SEIN?

Ein bisschen Zicke kann nicht schaden. Der Amerikaner Bill Jensen, der seit Jahren über Ineffizienzen am Arbeitsplatz forscht, sagt: „Jeder im Büro hat Stress, außer den konsequenten Neinsagern und den rücksichtslosen Chefs.“ Was wir übernehmen können: Nicht immer gleich jede Aufgabe erfüllen und sich die Probleme jedes Kollegen anhören wollen. Nein sagen, Dinge hinterfragen, E-Mails hart filtern, nicht stundenlang in unwichtigen Meetings ausharren. Kann die Karriere deutlich beschleunigen.



05 DER NERVÖSE NEULING


WORAN MAN IHN ERKENNT:

Immer leicht schwitzend, hektisch, übereifrig. Errötet leicht, will alles richtig machen und macht gerade darum oft den größten Unsinn. Gleichzeitig einer der engagiertesten Mitarbeiter, dem keine Routineaufgabe zu langweilig, keine Deadline zu kurzfristig und kein Arbeitstag zu lang ist.


WIE MAN MIT IHM UMGEHT:

Nicht vergessen: So waren Sie auch mal. Also freundliche, aber bestimmte Anweisungen geben, immer mal nachfragen, ob alles läuft und in regelmäßigen Abständen Zeit für ein Feedbackgespräch nehmen (am besten einmal pro Woche, mindestens einmal im Monat). Dieses nicht mal eben im Gang führen, wo alle lauschen, sondern einen offiziellen Termin vereinbaren und mindestens zehn Minuten auch richtig zuhören, statt nebenbei aus dem Augenwinkel E-Mails zu checken.


WILL ICH AUCH SO SEIN?

Wie gesagt: Sie waren es mal. Wenn Sie es noch sind: Alles geht vorbei. In jedem neuen Job gibt es erst mal 100 Tage Einsamkeit, in denen man keinen kennt, wenig versteht und scheinbar jedes Fettnäpfchen mitnimmt. Zähne zusammenbeißen – schon werden Sie es sein, der einem Neuling erklärt, wie alles läuft.



06 DER FACHIDIOT


WORAN MAN IHN ERKENNT:

Der klassische Nerd. Legt keinen Wert auf Kleidung, Auftreten, Manieren. Kennt sich dafür unglaublich gut auf irgendeinem Gebiet aus, das jedem anderen zu trocken ist, das man aber trotzdem ständig braucht (Excel, Archiv, Datenbank). Wirkt stets leicht verwirrt und wird deshalb völlig unterschätzt.


WIE MAN MIT IHM UMGEHT:

Auch wenn es schwerfällt: Respekt und Interesse nützen hier. Keine anbiedernde Jovialität! Die meisten Nerds haben neben ihrem Job noch andere Nerd-Interessen: Der IT-Supporter sammelt „Star-Wars“-Figuren? Der Archivar kauft auf eBay antike Bücher? Fangen Sie ein Gespräch darüber an. Wenn das nicht klappt – Befehlskette bemühen und für klare Anweisungen sorgen.


WILL ICH AUCH SO SEIN?

Zum Teil ganz gern. Die Büro-Nerds und Fachidioten gehören zu den zuverlässigsten und am wenigsten intriganten Kollegen – wenn sie merken, dass man sie nicht auf den Arm nimmt. Sich auf einem bestimmten Gebiet besonders gute Kenntnisse anzueignen, kann nützlich sein.