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Du musst jetzt ganz stark sein

Von Sauerampfer bis Organic Viagra: Aphrodisiaka sind so alt wie das Verlangen nach endloser Potenz und Begierde. Eine Zwischenbilanz

Erschienen:

  • Februar 2009

Illustrationen:

  • Rudi Skukalek
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Denis Noel steht in einem Schuppen hinter seiner Villa im grenadischen Regenwald zwischen blauen Plastiktonnen voller Chemikalien und zuckt entschuldigend mit den Schultern: „Sieht nicht nach einem Pharmakonzern aus, oder?“

Ist es aber. In diesem improvisierten Labor mischt der ehemalige Außenminister der Antillen-Insel Medikamente zusammen. Als Nächstes will er ein Naturheilmittel industriell vermarkten, das auf seiner Heimatinsel jeder kennt, zumindest jeder Mann. „Bois bandé“, raunt er mit vieldeutigem Blick über den Brillenrand und greift nach einem etwa 30 Zentimeter hohen Glasbehälter, in dem eine fast schwarze Flüssigkeit schwappt.

Der Extrakt einer einheimischen Baumrinde gilt auf Grenada seit Generationen als wirkungsvolles Potenzmittel. Zu viel des Wundertranks, der als under the counter tatsächlich nur auf Nachfrage in schummrigen Kaschemmen verkauft wird, verursacht angeblich gar eine schmerzhafte Dauererektion. Noel ist überzeugt: An diesen alten Geschichten ist etwas dran. Er will aus dem geheimnisvollen Hausmittel ein richtiges Medikament entwickeln. „Organic Viagra“, sagt er. „Ein Riesenmarkt.“

Noel ist kein Spinner. In seinem Wohnzimmer hängen Bilder, auf denen er als UNO-Botschafter neben Ronald Reagan steht. Heute ist er selbstständiger Unternehmer, braut in seinem Hinterhoflabor seit einigen Jahren ein Schmerzmittel auf Muskatnussbasis zusammen, das als „Nut-Med“ den karibischen Markt dominiert. Übers Internet verkauft Noel Nut-Med weltweit. Ein Riesenerfolg und ein Vorbild für die einheimische Wirtschaft. Trotzdem muss er die Entwicklungskosten seines neuen Präparats niedrig halten und testet erst mal an sich selbst, ob Bois bandé mehr Wirkung entfaltet, wenn man es trinkt oder sich als Paste auf den Penis schmiert.

Wer das Wundermittel schon heute ausprobieren möchte, muss – so Noels Tipp – in zwielichtigen Hafenkneipen nach dem traditionellen Original fragen. Ein arg angetrunkener Einheimischer bringt den Besucher am lokalen Straßenstrich von Saint George’s vorbei zu einem Kiosk, der nachts noch Bier verkauft. Der Besitzer schaut misstrauisch, holt dann aber eine große Glaskaraffe aus dem Hinterzimmer, in der Holzstücke und Äste in einer bräunlichen Brühe schwimmen. Und das – der Farbe nach zu urteilen – schon seit Jahren. „Unda da counta“, sagt der Mann, grinst vielsagend und schüttet einen ordentlichen Plastikbecher voll ein. Die Huren sehen interessiert von der anderen Straßenseite aus zu, der freundliche Betrunkene nickt auffordernd – also runter damit. Die Brühe entpuppt sich als hochprozentiger Schnaps, in dem eine nicht identifizierbare Gewürzmischung aufgelöst ist. Irgendwo zwischen altem Rumtopf, Zimt und Moder. Danach ist einem schwindelig, ein bisschen schlecht und der fiese Geschmack stößt noch Stunden später auf. Sagen wir so: Unbändige Lust auf Sex fühlt sich irgendwie anders an. Aber vielleicht schafft Noel es ja, aus der Baumrinde ein wirkungsvolles Medikament zu extrahieren. Er wäre nicht der Einzige, der auf die luststeigernde Kraft obskurer Präparate hofft.


Aphrodisiaka und Potenzmittel haben seit je die Fantasie vor allem der Männer beflügelt: Benannt nach Aphrodite, der griechischen Göttin der Liebe, Schönheit und Wollust, waren es in der Antike noch Kräuter wie Alraune oder Sauerampfer, von denen sich die Herren eine Stärkung ihrer Manneskraft erhofften. Im Mittelalter setzte man für den sexuellen Kick auf – heute als eher wenig aufregend geltende – Pflanzen wie Grünkohl und Petersilie. In den USA wurde im 17. Jahrhundert mit Tomaten experimentiert, die deshalb auch als „Liebesäpfel“ oder „Paradiesäpfel“ bekannt waren.

Heute noch glauben viele Kulturen weltweit – und vermutlich nicht wenige Deutsche – an die luststeigernde Wirkung von so unterschiedlichen Produkten wie Austern, Schokolade, Trüffeln, Spanische Fliege, Myrrhe oder ein Sekret mit dem schönen Namen „Bibergeil“, das in den Drüsensäcken des gleichnamigen Tiers gebildet wird und eigentlich zu dessen Fellpflege dient.

Offenbar graben die Betreiber von Biberfarmen Dosen in den Boden, an deren Rand die Biber das Geil abstreifen. Ärzte halten all diese Wundermittelchen für Unfug und warnen dringend vor möglichen Risiken. „Spanische Fliege zum Beispiel sind zerstoßene Käfer und im Extremfall sogar giftig“, sagt Michael Berner, Leiter der sexualmedizinischen Ambulanz der Psychiatrie des Uniklinikums Freiburg und Vorstand des Informationszentrums für Sexualität und Gesundheit (ISG).

Im 18. Jahrhundert wurde die Suche nach Aphrodisiaka und Potenzmitteln dann etwas wissenschaftlicher – nicht unbedingt zum Vorteil der Patienten. Das Viagra dieser Zeit hieß Yohimbin und war noch relativ harmlos: Eine Wurzel, die zu Gefäßerweiterung führte und so die Erektion verbesserte. Ende des 19. Jahrhunderts kamen dann – Red Bull lässt grüßen – Stierhoden in Mode. Auch Ratten- und Meerschweinchen- hoden wurden zerstampft und injiziert. Und in den 1920er-Jahren warf fast jeder Apotheker eigene Pillen auf den Markt.

Dann wurden die Hormone entdeckt und die Luststeigerungsindustrie verkaufte einen neuen Trend: Hormone hatten etwas mit dem Sexualtrieb zu tun, also mussten mehr Hormone, am besten von besonders triebgesteuerten Tieren, doch wirken. Ärzte transplantierten älteren Männern Affenhoden, um sie angeblich zu verjüngen und so die Sexlust wieder anzuregen. „Wenn der Patient die Blutvergiftung überlebte, kam es tatsächlich zu einem massiven Hormonschub“, so Florian Mildenberger, Sexualforscher am Institut für Geschichte der Medizin der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Ob dieser den Sex verbesserte, ist nicht überliefert.

Irgendwann merkte man, dass der männliche Organismus wohl doch komplexer ist, und wandte sich – dem Zeitgeist entsprechend – vom Körper dem Geist zu: In den 1950er-Jahren sollten zunächst mentale Blockaden per Psychotherapie weggeredet werden, die der Lust im Wege standen. In den 60ern entkoppelte die Antibabypille Zeugung und Sex. „Von nun an musste der Mann extrastark sein“, so Mildenberger: „Heute, wo eben diese sexuellen Liberatoren von damals nicht mehr ganz so knackig sind, ist es kein Wunder, dass Potenzmittel stärker denn je nachgefragt werden.“

Die Steigerung von Lust und Potenz wurde historisch eigentlich immer nur aus Sicht des Mannes diskutiert. Mildenberger: „Schon die Antike war eine Machokultur. Man denke nur an all die Vasen mit Darstellungen dauergeiler Männer, die Jungfrauen oder Knaben verführen.“ Eine leichte sexuelle Unsicherheit, ob man eigentlich scharf genug ist und es im Ernstfall dann auch wirklich bringt, scheint dabei vor allem das vermeintlich starke Geschlecht über die Jahrhunderte hindurch begleitet zu haben.

Wobei es hier gleich einmal zu unterscheiden gilt: Aphrodisiaka sind keine Potenzmittel. Die einen steigern die Lust, die anderen sorgen für erfolgreichen Vollzug. Spätestens in der modernen Swinger-, Party- und Pornoszene vermischten sich diese beiden Kategorien aber wie Körperflüssigkeiten: Poppers und andere enthemmende Drogen machen locker, Medikamente wie Viagra sorgen für eine vorzeigbare Erektion.


Überhaupt, Viagra: Mit der Erfindung des Medikaments gegen erek-tile Dysfunktion gab es Ende der 1990er-Jahre erstmals ein Potenzmittel, das leicht einzunehmen war und wirklich half. Dann haben wir ihnen erotisches Material gezeigt und gefragt, ob sie sexuell erregt seien. Die Antwort: Nein! Sie sind sich nicht bewusst, dass ihr Körper auf die Stimulation reagiert.“

Es gibt derzeit kein zugelassenes Medikament für die Indikation „Luststörung“. Einzige Ausnahme: Testosteron für Frauen, denen die Eierstöcke entfernt wurden. Doch dabei wird es nicht bleiben. In der Entwicklung sind derzeit einige Substanzen, zum Beispiel Flibanserin – ein Wirkstoff, mit dem der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim Frauen mit reduziertem sexuellem Verlangen therapieren will. Laut Studien sollen bis zu 20 Prozent der Frauen darunter leiden.

Acht bis zehn neue Mittel, die dem Sex mit pharmakologischer Unterstützung aufhelfen sollen, sind in den kommenden Jahren zu erwarten, schätzen Experten. Die wichtigste Innovation: Nicht der Blutzufluss zu den Geschlechtsorganen soll künftig verbessert werden, sondern das eigentliche Lustorgan des Menschen wird stimuliert – das Gehirn.

Denn der Zünder des Begehrens liegt hier, im limbischen System. Dort aktivieren Sexualhormone wie Testosteron und Östrogene Nervenzellen, die für Libido und Erregung zuständig sind. Auch Hirnbotenstoffe wie Dopamin und Serotonin spielen eine wichtige Rolle. Sie stimulieren bestimmte Nervenbahnen, hemmen andere und leiten so die Erregung über das Rückenmark an die Geschlechtsorgane weiter. Dort sorgt Stickstoffmonoxid für verstärkten Blutfluss, die Gefäßmuskulatur entspannt sich, der Penis des Mannes wird steif, die Scheide der Frau feucht, die Klitoris schwillt an. Beim Orgasmus brennt das Gehirn in wenigen Sekunden ein wahres Feuerwerk aus Neuronenentladungen und Hormonsalven ab. Künftig sollen luststeigernde Medikamente darum die Aktivität von Dopamin und Serotonin beeinflussen.


Wem das alles zu technisch und chemisch klingt, der möchte vielleicht doch lieber auf natürliche Hilfsmittel zurückgreifen, wie Denis Noels „Organic Viagra“. Zwar warnt Sexualforscher Berner: „Die Vorstellung, dass alles aus der Natur gut sein muss, ist eine irre Idee. Es gibt hochgiftige Gewächse.“ Auch für sogenannte pflanzliche Mittel stelle sich immer die Frage: Was sagt die Wissenschaft dazu? Doch genau diese Studien verspricht Noel, zusammen mit den Forschern der örtlichen Universität an Bois bandé durchzuführen, bevor er das alte karibische Lustmittel weltweit als Pille auf den Markt bringt. Hoffentlich schmeckt es dann zumindest besser als ein under the counter.