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Ich will dann auch mal weg

Jeder Fünfte träumt vom Sabbatical. Matthias Müller hat es gemacht. Sechs Monate lang. Statt zur Arbeit ging der SAP-Manager nach Afrika, lernte das Abschalten und führte Tagebuch

Erschienen:

  • September 2009

Illustrationen:

  • Rudy Skukalek
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12.9.2001

ICH WILL HIER RAUS

Draußen tobt sich noch einmal der Spätsommer aus. Ein schöner Tag. Und was fange ich damit an? Nichts. Ich sitze an meinem Schreibtisch. Wie immer. 14 Jahre bin ich jetzt bei SAP. So geht das nicht weiter. Ich brauche eine Pause. Ich mag meinen Job, kündigen ist also keine Option. Aber was dann? Ein Kollege erzählt etwas von Sabbatical. Das klingt gut. In unsrer Firma gibt es Arbeitszeitkonten. Man kann freie Tage ansparen oder so. Ich muss mich da mal informieren.



21.11.2001

ZEIT STATT GELD

Das mit dem Arbeitszeitkonto läuft so: Man spart freie Tage an, indem man sich einen Teil vom Gehalt oder vom Jahresbonus in Zeit auszahlen lässt. Das machen offenbar viele hier bei SAP. Ich ab sofort auch. Dürfte allerdings ein paar Jahre dauern, bis ich die sechs Monate zusammenhabe.



10.7.2006

DAS SOLOPROJEKT

Fünf Jahre nach meinem Sabbatical-Entschluss geht es langsam in die Zielgerade. Vier Monate habe ich schon auf meinem Konto. Wenn ich mit meiner Freundin über meine Auszeit, meine Pläne spreche, freut sie sich für mich. Aber in ihren Augen erkenne ich, wie traurig sie der Gedanke macht, dass ich bald weg bin. Denn das Sabbatical ist mein Soloprojekt. In ihrer Firma gibt es keine Kontokultur.



15.6.2007

AFRIKA ODER BORNEO?

Ich sitze in der Katine und denke darüber nach, was ich mit meinen sechs Monaten freier Zeit anfange. Einfach nicht arbeiten, ist mir zu wenig. War im Winter in Südafrika, im Krügerpark. Dort als Tierschützer jobben, das wär’s. Oder ich betreue Orang-Utans auf Borneo. Der Umstand, dass ich bald mit meinem Chef über meine Auszeit sprechen muss, sorgt dafür, dass ich die ganze Nacht kein Auge zukriege. Noch weiß der nämlich nichts von meinen Plänen.



20.9.2007

GESCHAFFT!

Dublin, kurz nach Mitternacht in meinem Hotelzimmer. Bin mit meinem Boss auf Geschäftsreise. Habe ihm eben im Pub von meiner Idee erzählt – nach zwei Guinness. Er hat nichts dagegen. Im Gegenteil. Er würde selbst gern mal raus. Nur als Abteilungsleiter wäre es aktuell für ihn kein guter Moment.



25.11.2007

SCHWIERIGE SUCHE

Gar nicht so einfach, das richtige Projekt zu finden. Wilde Tiere in Afrika pflegen will offenbar jeder. Es gibt Bewerbungen aus aller Welt. Was tun, wenn ich kein Projekt finde? Habe plötzlich Angst davor, meine wertvolle Freizeit zu verschwenden.



5.1.2008

MEIN PROJEKT

Ich gehe zum Eco-Training nach Südafrika und mache eine Ausbildung zum Field Guide. Der Tipp kam von einem Kumpel. Der Job dauert zwar nur vier Wochen, dafür ist man mittendrin in der Tierwelt. Was ich mit dem Rest der sechs Monate anfange? Mal sehen.



12.1.2008

NOCH 31 WOCHEN

Die Unterlagen vom Anbieter Via Verde sind da. Der Preis scheint okay – 1 700 Euro ohne Flug. Die Aufregung wächst. Manchmal kommen Zweifel. In den sechs Monaten Auszeit kann im Job viel passieren. Da werden Abteilungen umstrukturiert, Projekte ausgetauscht. Ich habe mir vorgenommen, mir erst wieder Gedanken zu machen, wenn ich zurück bin. Ob ich das schaffe? Ich muss. Sonst wäre das Sabbatical nur eine Nervenprobe.



22.1.2008

COUNTDOWN

Mein Abreißkalender im Büro erinnert nicht nur mich daran, dass ich nicht mehr lang hier sein werde. Die Reaktionen der Kollegen? Sie ähneln sich. Am häufigsten fällt der Satz: „Du Schwein, haust einfach ab!“ Natürlich nett gemeint. Etwas Neid ist auch dabei, glaube ich. Ich genieße die letzten Tage, komme mir viel relaxter vor, alles geht leichter.



14.4.2008

ENDLICH FREI

Der erste Tag des Sabbaticals. Nach Afrika fliege ich erst im August. Bin vormittags in der City. Bücher kaufen. Um elf Uhr sitze ich im Café und lese etwas Philosophisches zum bedingungslosen Grundeinkommen. Arbeit als Grundrecht statt als Zwang zur Existenzsicherung. Gute Idee. Am Abend trinke ich auf der Terrasse meinen Lieblingswhisky und rauche eine Havanna. Nur das mit dem richtig Abschalten muss ich erst noch lernen: SAP spukt schon noch im Kopf herum. Wähle mich gleich noch kurz ins Firmennetz ein: Vielleicht sind doch wichtige Mails dabei?



28.4.2008

LASS SIE REDEN

Schon sind 14 Tage rum. Die größte Veränderung: Ich unterhalte mich anders. Ich sehe vieles entspannter, muss nicht mehr in allen Gesprächen wichtige Infos loswerden, sondern lasse andere erzählen. Gestern habe ich mich mit zwei Arbeitskollegen zum Bier getroffen. Sie haben gejammert. Ich zugehört. Mir geht es gut.

5.5.2008

ABSTAND

Beim Frühstück in der Zeitung geblättert und nachgedacht. Ob es fair ist, meine Auszeit jetzt in der Wirtschaftskrise zu nehmen? Werden die Chefs es mir später übel nehmen? Aber viele Jahre habe ich nur an die Firma gedacht, sogar Sonntage dort verbracht. Jetzt bin ich eben mal dran. Der anfängliche Zwang, Mails zu checken, legt sich langsam.



13.6.2008

ARME KOLLEGEN

Während ich zu Hause mein Klavierspiel verbessere, denke ich an meine Kollegen. Viele werden nie in den Genuss einer bezahlten Auszeit kommen, leider! Ich würde es inzwischen jedem raten. Denn ich lerne so richtig, meine Freizeit zu genießen. Dass es so lang gedauert hat, vom Job abzuschalten, finde ich allerdings erstaunlich.



12.8.2008

AUF NACH AFRIKA!

Ein Shuttlebus fährt mich vom Airport Johannesburg ins fünf Stunden entfernte Karongwe Camp. Ich bin nicht allein. Die übrigen Teilnehmer sind keineswegs nur Aussteiger. Der eine sieht es als Urlaub, für andere ist die Arbeit hier eine echte Berufsoption. Erster Eindruck im Camp: kein Luxus. Wir schlafen in Zweierzelten, duschen im Open-Air-Bretterverschlag, Wasser holen wir aus Brunnen.



13.8.2008

UNTER LÖWEN

Die erste Nacht überstanden! Immer wieder haben mich Tierlaute geweckt. Hyänen laufen nachts durchs Camp, Löwen, Elefanten, manchmal sogar Leoparden. Wer auf die Toilette muss, leuchtet erst mit der Taschenlampe in den Busch, um zu sehen, ob die Augen von Raubkatzen reflektieren. Im Notfall hat unser Instructor ein Gewehr. Immerhin: Raubtiere greifen nicht im Zelt an, sagte er – oder nur, wenn sie sehr hungrig sind.



15.8.2008

SPUREN LESEN UND ASTRONOMIE

Heute hatte ich Weckdienst: das heißt, um halb sechs aufstehen, Kaffeewasser kochen und Jeeps checken. Dann geht’s in zwei Gruppen los: zehn Leute zu Fuß, zehn in den Wagen. Spuren lesen, Tiere beobachten und stets schauen, ob der Hintermann noch da ist. Raubtiere sind clever und leise. Um elf ist Vorlesung: Klimatologie, Astronomie, alles über die Tierwelt. Auf Englisch!



19.8.2008

NACH HAUSE TELEFONIEREN

Strom kommt aus einem Generator, der nur wenige Stunden am Tag läuft, aber wenigstens kann ich so die Handy- und Kameraakkus laden. Habe meine Freundin angerufen – von einer nahen Anhöhe, nur dort hat man Empfang. Sofort kehren Gedanken an den Alltag zurück. Sehnsucht plagt mich aber nicht. Dafür ist’s hier viel zu aufregend.



21.8.2008

HONIGDACHSE ALS KARRIERETURBO?

Nicht alles ist im Busch anders. Vorträge gibt es hier auch. Heute habe ich einen vor meinen Camp-Kollegen gehalten – über den Honigdachs. Mit Flipchart. Ob Tierschutz oder Fieldguiding ein Job für mich wäre? Dass es auch interessante Aufgaben außerhalb der Bürowelt gibt, weiß ich jetzt jedenfalls. Wenn nun ein Angebot käme …



25.8.2008

WAS WÄRE, WENN …

Euphorie wechselt mit Zweifeln: Hätte ich das Sabbatical geplant im Wissen, dass es in die Wirtschaftskrise fällt? Andererseits bin ich Optimist: Wollte SAP mich wirklich nicht mehr haben, wäre das schade, aber ich könnte mir vorstellen, auch woanders einen guten Job zu machen.



10.10.2008

DER SINN DES LEBENS

Tasche packen, es geht zurück: Ich habe hier viel übers Leben nachgedacht, über den Sinn von Arbeit. Wir Menschen in den entwickelten Ländern haben gut bezahlte Jobs, Sicherheit, Routine – aber ist das alles? Habe neulich von einer Studie gelesen. Da stand, jeder Dritte wäre mit seinem Job unzufrieden. Vielleicht ist ein Sabbatical ein guter Weg, herauszufinden, was man wirklich will. Ich habe das Gefühl, richtig aufgetankt zu haben.



3.11.2008

BACK TO WORK

Sitze im Auto und bin auf dem Weg ins Büro. Etwas mulmig ist mir schon – wie bei einem neuen Job in einer anderen Firma. Sind die Kollegen noch da? In meiner Abwesenheit ist einer meiner Kollegen mein Chef geworden. Wie empfängt er mich? Bekomme ich jetzt die Aufgaben, die übrig geblieben sind?



4.11.2008

ALLES (FAST) WIE FRÜHER

So viel, wie ich befürchtet habe, hat sich gar nicht verändert. Erstaunlich, wie schnell die Routine zurückkehrt. Doch dass die Situation angespannt ist, merke ich sofort. Die Finanzkrise hat auch uns erwischt. Es gelten Einstellungs- und Wechselstopp. Immerhin gewährt man mir eine Eingewöhnungsphase. Das ist nett. Die Kollegen müssen dagegen richtig klotzen – und ich sitze erholt und entspannt daneben. Mittags in der Kantine mit den alten Freunden. Die Auszeit war schön; wieder da zu sein, ist es auch.