Kolumnen

Lufthansa Exclusive: Angenehmes Eingesperrtsein

Zeit für ein Geständnis: Unser Kolumnist will gar nicht immer und überall digital erreichbar sein – schon gar nicht für jeden

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  • Oktober 2017

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Fliegen, sagt Thomsen. Ist auch nicht mehr, was es war. Früher, sagt er, war das glamourös, Jetset, Champagner. Perfekter Service, plüschige Lounges, smarte Mitreisende. Und heute? Können froh sein, wenn wir an Bord einen Kaffee angeboten bekommen. Früher war es ein schöner Moment, am Flughafen anzukommen, voller Weltläufigkeit, Vorfreude, Neugier. Heute bin ich froh, wenn ich wieder im Taxi nach Hause sitze. Ich weiß, was er meint, die Klage hört man ja öfter. Das goldene Zeitalter des Fliegens, wie es in Bildbänden und alten Bond-Filmen zu bestaunen ist, sei längst vorbei. Kurzstrecke fühle sich an wie Busfahren, nur dass man länger in Schlangen warte. Ich verstehe, woher diese Grantelei kommt, aber ich teile sie nicht. Ja, die Security ist seit 9/11 strenger geworden. Ja, wenn mein Office mir den günstigen Tarif bucht, muss ich für das Getränk selber zahlen. Ja, Fliegen ist erschwinglich und damit zum Massenphänomen geworden.

Die US-Firma Air Hollywood schickt in einer Lagerhalle im Norden von Los Angeles gar Paare für 490 (in der Business Class) oder 690 Dollar (in der First Class) auf eine Zeitreise, spielt einen Flug der 1970er-Jahre am Boden nach, inklusive Cocktails, Sinatra-Songs und flirtenden Stewardessen. „Die Menschen sehnen sich zurück nach dieser Zeit, nach ein bisschen Luxus, nach weniger Effizienz“, sagt Talaat Captan, Gründer von Air Hollywood. Laut Presseberichten ist die Nostalgie-Show stets ausverkauft.

Doch erstens fühle ich mich durch mehr Kontrollen tatsächlich sicherer, kann ich Kaffee oder Weißwein auch selber zahlen, ist die Demokratisierung eines globalen Massentransportmittels ja prinzipiell begrü.enswert. Und zweitens hat das Fliegen durchaus noch einen Charme, der es nicht nur von fast allen anderen Verkehrswegen unterscheidet, sondern auch – und das ist für Vielreisende wie mich wichtig – auch von nahezu allen Arbeitssituationen. Der kluge Lufthansa Marketingmann Alexander Schlaubitz, den ich vor ein paar Jahren kennengelernt habe, als er noch bei Facebook arbeitete, hat dieses Phänomen prägnant beschrieben. „Es geht um jenen Moment, wenn man sich im Flugzeug hinsetzt, den Gurt schließt und einem plötzlich klar wird: Ok, ich werde mich für die Dauer des Fluges nicht mehr so herumbewegen können, wie ich das normalerweise tue. Und zunächst wirkt das befremdlich und unangenehm, aber nach einer Weile wird einem klar, dass man für diesen Zeitraum nicht ganz dringend irgendwo sein muss. Dass man nicht jede E-Mail beantworten muss, wie man das normalerweise tut. Und dass die Gedanken länger als die üblichen zweieinhalb Sekunden bei einem Thema verharren dürfen.“

Er hat für diese gefühlte Wahrheit den Begriff „Delightful Immobilisation“ gefunden, grob übersetzt also „Angenehmes Eingesperrtsein“. Es ist ein Zustand, den ich selbst bei der knappen Stunde zwischen Berlin und München erlebe. In dem Moment, da das Gurtschloss einrastet, atme ich durch: keine Anrufe, keine neuen E-Mails oder Nachrichten. Keine Meetings, Telkos, aber auch kein Online-Surfen. Nur ich und meine direkte physische Umgebung. Zum ersten Mal seit Langem verschwindet das permanente Pulsieren des digitalen Raums, der mich sonst umgibt.

Ich habe in der Reisetasche immer den Economist dabei, einer der wenigen Momente in der Woche, da ich zu einem Printprodukt

greife. Manchmal lese ich auf der Kindle-App meines Smartphones ein Buch weiter, aber weil es im Flugmodus ist, fühlt sich auch das auf altmodische Art entkoppelt an. Manchmal schaue ich mir die Wolken an und denke gar nichts.

Eine Bekannte von mir nutzt selbst Kurzstrecken für eine Meditation – okay, sie ist Yoga-Trainerin. Viele der Menschen im Business-Kostüm um mich herum machen ein Nickerchen, egal zu welcher Tageszeit, egal wie knapp die Zeit. Entweder ein Zeichen des tiefsitzenden Schlafmangels einer ganzen Profession. Oder Ausweis der sedierenden Wirkung leisen Turbinengebrumms. Manche blättern ziellos in Zeitschriften oder spielen simple Handy-Games. Der Flug wird zur letzten Rückzugsm.glichkeit in einer Welt der Arbeitsverdichtung, zur rasenden Mönchszelle in einer Zeit ständiger Kommunikationspflicht.

Also würde ich Schlaubitz’ Begriff sogar noch weiter fassen und von „Delightful Isolation“ sprechen, ein Gemütszustand, den nur noch wenige Orte in uns bewirken. Vielleicht der Zug, wenn das WLAN nicht geht. Mein privater Club, weil man dort nicht telefonieren darf. Oder auch das Café um die Ecke, wo mich keiner kennt und ich anonym, also ungestört arbeiten kann.

Thomsen findet das alles zu hochgestochen. Er hätte gern eine persönliche Fast Lane und an Bord einen Martini, dann wäre er glücklich. Mir hingegen macht jede Ankündigung eines besseren Mobilfunknetzes Angst. WLAN auf Langstreckenflügen ist ja fein – mehr als zwei oder drei Stunden Ruhe können nerven. Die Aussicht aber, dass sich auch im Flugzeug das Telefonieren durchsetzt – technisch ist das ja schon möglich – lässt mich erschauern. Meine letzten Inseln der Autonomie sind in Gefahr.