Kolumnen

Lufthansa Exclusive: Arbeit ist kein Ort mehr

Kerzner ist zu Besuch in unserem Office. Wir haben damals lange gesucht für diese 400 Quadratmeter in Berlin-Mitte, hell, ruhig, bezahlbar. Ich zeige ihm unseren Konferenzraum mit den magnetischen Wänden, auf die man auch schreiben kann. Mein Grete-Jalk-Sofa. Die Kaffeeküche, in der unsere alte Brasilia zischt. Ich bin kein Angeber, aber ich mag unser Büro.

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  • November 2014

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Kerzner ist zu Besuch in unserem Office. Wir haben damals lange gesucht für diese 400 Quadratmeter in Berlin-Mitte, hell, ruhig, bezahlbar. Ich zeige ihm unseren Konferenzraum mit den magnetischen Wänden, auf die man auch schreiben kann. Mein Grete-Jalk-Sofa. Die Kaffeeküche, in der unsere alte Brasilia zischt. Ich bin kein Angeber, aber ich mag unser Büro. Auf Kerzners Meinung bin ich gespannt, er arbeitet als Redakteur für den deutschen Ableger eines bekannten Technologiemagazins, das auch gerade neue Räume bezieht. Wir kennen uns von Twitter, haben bisher nur über Direct Messages kommuniziert.

„Büros“, sagt Kerzner, zückt reflexartig das Smartphone, macht ein Foto von seinem Cappuccino und postet es auf Facebook. Wo er das Ding schon mal in der Hand hat, speichert er schnell zwei Artikel in Pocket. Typen wie er schauen einem während des Gesprächs fast nie in die Augen, haben stets mehrere Kommunikationen parallel laufen. Nicht aus Unhöflicheit, sondern um ihre persönliche Produktivität zu optimieren. „Büros“, sagt er noch mal, sucht doch kurz meinen Blick, die rechte Augenbraue hochgezogen, „irgendwie so old economy, oder?“

Kerzner arbeitet lieber bei Starbucks. Oder im Zug. Oder im Betahaus. Ich wende ein, dass er doch wohl kaum gern Tele-fonate im Abteil führt oder Konferenzen im Coffeeshop hält. Die Augenbraue bleibt oben, während er zwei Tasks in Wunderlist abhakt. Wahrscheinlich: 1. Albers besuchen. 2. Albers belehren. Jajaja, er kennt die Argumente, tausendmal gehört. Ändert nichts an seiner Aversion gegen Büropolitik, Ablenkung, Kernarbeitszeiten, Präsenzpflicht. Unproduktiv sei es und menschenfeindlich, Mitarbeiter an den Schreibtisch zu zwingen, bloß weil der Chef ihnen über die Schulter schauen und jederzeit ein Meeting einberufen können will. Er hat ja recht: Wissensarbeiter wie wir können heute eigentlich überall arbeiten.

Neulich hat sogar Microsoft, eigentlich der Inbegriff von Büro-Software für den Schreibtischrechner, ein „Manifest für neues Arbeiten“ veröffentlicht, in dem es heißt: „Wir wollen keine 9-to-5-Jobs machen, aber auch nicht solche, bei denen wir unsere Lebenspartner und Kinder nicht zu Gesicht bekommen.“ Ich habe auch unterschrieben – weil ich finde, dass Smart Working vom weichen HR-Thema zur Priorität für CEOs werden muss. Da hilft es, wenn einer der weltgrößten Software-Konzerne mit an Bord ist, und McKinsey. Die haben unsere „33 Thesen“ mitverfasst, in denen es um Work-Life-Balance geht und um flexible Arbeitszeiten. In denen steht, dass es egal ist, wo die klügsten Köpfe sitzen, denn: „Früher fand Arbeit im Büro statt. Heute arbeiten wir überall.“

Kerzner fotografiert inzwischen mein Sofa für ein Design-Blog. Für ihn sind das alles olle Kamellen, in den meisten Unternehmen aber immer noch eine echte Provokation. Der Kom-promiss sind vielleicht Coworking Spaces, die auch Manager mögen, sprich: sicherer, ergonomischer, zentraler. Zum Beispiel in Berlin, beim Potsdamer Platz. Hier testet ab Januar die „Initiative Third Places“, hinter der der Möbelhersteller Haworth, die Berater von if5 und die Beleuchtungssparte des Philips-Konzerns stehen, ob sich auch Corporate-Typen für dezentrales Arbeiten begeistern lassen. Wenn’s klappt, sind danach München und Frankfurt dran.

„Wie geht’s dir denn damit?“, fragt Kerzner, während ich seinen zweiten Cappuccino schäume und er, soweit ich es aus dem Augenwinkel sehe, gleichzeitig drei Skype-Chats führt. Als Angestellter, sage ich, fand ich es öde, jeden Tag an den gleichen Schreibtisch zu müssen. Als Freiberufler habe ich gearbeitet wie er: im Café, am Strand, im Zug, am Flughafen, im Homeoffice. Jetzt, als Geschäftsführer, hat mich das Büro wieder.Klar, der Chef ist mal auf Dienstreise. Aber wenn nicht, sitzt er gefälligst am Schreibtisch. Ist präsent, ansprechbar, „hands on“. Bin ich auch gern und oft. Trotzdem habe ich meine Third Places vermisst. Und mir darum neue gesucht: den Members Club zum Beispiel, mit Telefonverbot, schnellem WLAN und Gym, in dem ich einmal pro Woche den nahezu perfekten Arbeitstag verbringe – morgens ungestört Korrespondenz erledigen, dann Sport, Lunch mit Kunden, Espresso. Nachmittags an Präsentationen feilen oder schreiben (raten Sie mal, wo diese Kolumne entstanden ist), abends ein Glas Wein mit Kollegen – alles im selben Gebäude, extrem effizent. Ja, wir brauchen noch Büros, aber nicht, weil nur hier Faxgerät, Drucker und Aktenschrank stehen. Büros sind heute der Treffpunkt von Teams, Orte der Kristallisation von Kreativitätsprozessen. Das ist wichtig, aber eben höchstens 50 Prozent unserer Arbeit.

Reed Hasting, Chef des Film-Streaming-Dienstes Netflix, hat das erkannt. Er hat kein eigenes Büro und keinen festenSchreibtisch. Für Twitter-Mitgründer Jack Dorsey, der heute Square leitet, besteht das Büro nur aus seinem iPad-Mini. Und Philip Vanhoutte, Managing Director bei Plantronics, hat gerade mit dem „Smart Working Manifesto“ sogar ein Buch zum Thema geschrieben. Wahrscheinlich könnte ich mich mit Hastings, Dorsey, Vanhoutte und Kerzner auf dies einigen: Arbeit ist etwas, das man tut. Kein Ort, wohin man geht.