Kolumnen

Lufthansa Exclusive: Auf der Überholspur

Lubeck ist wieder weg, vermutlich im Tunnel. Telko, sie auf der Autobahn, ich am Schreibtisch. Piep – der Teilnehmer Sabine Lubeck nimmt an der Konferenz teil –, da ist sie wieder. Ihre Stimme undeutlich über dem Abrollgeräusch.

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  • April 2015

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Lubeck ist wieder weg, vermutlich im Tunnel. Telko, sie auf der Autobahn, ich am Schreibtisch. Piep – der Teilnehmer Sabine Lubeck nimmt an der Konferenz teil –, da ist sie wieder. Ihre Stimme undeutlich über dem Abrollgeräusch. „Lifehacking“, ruft sie, „mein Leben optimieren. Produktivitätsreserven heben. Arschloch!“ Ich hoffe, das Letzte ging nicht an mich. Ich höre Hupen, mehr Flüche. Sehe Lubeck vor mir, wie sie – permanent blinkend – mit stroboskopblitzendem Aufblendlicht die linke Spur leer räumt. „Wo war ich?“, knarzt es aus dem Hörer. „Lifehacking“, sage ich.

Gibt’s schon länger, hat Lubeck jetzt für sich entdeckt. Typen wie sie wollen ja immer alles streamlinen, alignen, fast-tracken. Jetzt also auch sich selbst. Darum: extreme Arbeitszeiten. Tim Ferriss’ Vier-Stunden-Woche fand sie erst zu weibisch, hat dann doch auf Teufel komm raus delegiert, automatisiert und trotzdem nur ihre Wochenstunden von 60 auf 55 bekommen. Dass „Die 55-Stunden-Woche“ kein Bestseller geworden wäre, hat auch Lubeck dann eingesehen. Als Nächstes kaufte sie sich „…und mittags geh ich heim“, ein Sachbuch, in dem ein mittelständischer Unternehmer erzählt, wie er seinen Mitarbeitern alle operativen Entscheidungen überlässt, um – genau – ab mittags zu Hause über Strategie zu sinnieren.

„Totaler Quatsch“, dröhnt Lubeck, „die Leute brauchen Führung, und Führung ist Hands-on! Sonst kommt doch kein Dampf auf den Kessel!“ Aktuell probiert sie die Sieben-Tage-Woche. Eine neue Idee aus Silicon Valley. Nicht mehr fünf Tage wie verrückt ranklotzen und dann zwei Tage gelangweilt auf dem Sofa rumhängen. Sondern jeden Tag arbeiten, dafür mehr Pausen, zwischendurch Sport, mal ein Nickerchen.

„Und wie läuft das so?“, frage ich, während ich mit dem Hörer am Ohr zu unserer alten Brasilia schlurfe, um mir einen Espresso zu machen. Lubeck pöbelt fröhlich vor sich hin. „Hackfresse! Schnarchnase!“ Sie ist, das muss man wissen, in ihrem Element. Schimpfend und monologisierend im Auto zu telefonieren macht ihr so viel Spaß wie mir, mit einem Stapel Zeitschriften am Strand zu dösen. Ich schaue zu, wie der Kaffee dickflüssig in die Tasse rinnt. Vor dem Fenster ein Schwarm Vögel im Formationsflug.

„Das Blöde an der Sieben-Tage-Woche“, keift Lubeck, „sind ja die anderen. Also die, die am Wochenende nicht arbeiten.“ Da sitzt sie, ausgeruht von den vielen Nickerchen und gestählt vom täglichen Training, und feuert sonntagmorgens die E-Mails raus. Bloß: Es antwortet keiner. Sie hat eine Superidee für ihren Vertriebsvorstand und ruft ihn an, aber es geht nur die Mailbox ran, weil der Kerl natürlich Familie hat. „Kannste vergessen“, sagt sie.

Klar, Lubeck ist irre. Ihre Mission ist es nicht. Der Begriff des Lifehacking stammt aus der Computerszene. Gemeint waren ursprünglich Produktivitätstricks von Programmierern: kleine Hilfssoftware, die Dokumente über verschiedene Rechner synchronisierte, Aufgabenlisten verwaltete, an Termine erinnerte, E-Mails filterte. Heute steht

es für „eigentlich alles, das ein alltägliches Problem auf clevere, nichtoffensichtliche Art löst“, so Wikipedia. Die Sehnsucht ist groß: Lifehacking-Autoren wie Timothy Ferriss oder David Allen verkaufen ihre Bücher millionenfach.

Lifehacking hat zwei historische Paten. Der italienische Ökonom Vilfredo Pareto fand Ende des 19. Jahrhunderts heraus, dass etwa 20 Prozent der Familien rund 80 Prozent des Volksvermögens besaßen. Seine These: Kümmerten die Banken sich nur um diese, wäre ihre Auftragslage gesichert. Daraus leitet sich die Pareto-Verteilung ab, die besagt, dass sich Aufgaben am effizientesten erledigen lassen, indem man sich auf die wichtigsten 20 Prozent konzentriert und die übrigen 80 vernachlässigt. Statt stundenlang E-Mails zu beantworten oder Unterlagen zu sortieren, müsste ich morgens den einen Anruf beim wichtigsten Kunden machen. Das eine Gespräch mit meinem unzufriedenen Mitarbeiter führen. Mich verdammt noch mal zusammenreißen und das eine Konzept aufschreiben, das ich so lange vor mir herschiebe.

Zweiter Pate ist der britische Historiker Cyril Northcote Parkinson, der in den fünfziger Jahren beobachtete, dass sich Arbeit in genau jenem Maß ausdehnt, wie viel Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht. Dauert der Arbeitstag acht Stunden, brauchen verschiedenste Menschen für unterschiedlichste Aufgaben exakt: acht Stunden. Die Lösung sind enge Deadlines. Habe ich für eine Aufgabe nur zwei Stunden, konzentriere ich mich und gebe mir Mühe. Sind es zwei Wochen, verzettele ich mich, das Ergebnis ist wahrscheinlich schlechter. Experten sagen: Arbeitsenergie wird am besten in kurzen, intensiven Spurts eingesetzt, um dann eine Erholungspause einzulegen. Kombiniert man diese Erkenntnis mit Pareto und Parkinson, kommt man dem Idealmodell persönlicher Produktivität nahe, selbstbestimmt und konzentriert an wenigen wichtigen Aufgaben zu arbeiten.

„Das ist es!“, schreit Lubeck. „Der 48-Stunden-Spurt. Zwei Tage lang power ich mich total aus, einen Tag schlaf ich durch, den Rest der Woche hab ich frei. Hey, spinnst du? Blöder Trott ...“ Die Leitung brummt. Lubeck ist wieder im Tunnel.