Kolumnen

Lufthansa Exclusive: Bitte keine Kumpels mehr!

Weibliche Chefs sind immer noch die Ausnahme. Dabei wär’s für alle gut, der Fortschritt würde mal das Tempo anziehen

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  • August 2017

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Fleisch, sagt Pelzer. Richtig. Gutes. Fleisch. Er sieht aus, als kaue er in Gedanken schon. Dry Aged, sagt er. Über Nacht ordentlich marinieren. Der Rest der Gruppe gibt grunzende und brummende Laute der Zustimmung von sich. Pelzer beginnt, alle Zutaten der Marinade aufzuzählen. Die anderen schauen dabei versonnen dem Zigarrenqualm nach, nippen am Armagnac. Die Bäuche sind voll, über Business haben wir schon geredet. Später wird es um Autos gehen, genauer: Die Sportwagenklassiker, die außer mir offenbar alle in der Garage haben. Oder gern hätten. Zuletzt werde ich nach Hause radeln, die anderen werden betüdelt in Dienstwagen steigen und in die Vororte fahren, wo die Familie schon schläft. Nein, keine Szene aus „Mad Men“, sondern ein durchaus typisches Geschäftsessen aus dem Jahr 2017. Und natürlich war keine Frau dabei.

Ich behaupte sogar: Das Essen verlief genau so, WEIL die Männer unter sich waren. Und die meisten haben es genossen. Bei allem Gerede über Diversity, Glass Ceiling, Leaning-in und Frauenquote bleibt ein harter Kern traditioneller M.nnerbündelei. Bleiben Old-Boys-Clubs, zu denen die jungen Kerle auch gehören möchten: dicke Zigarren, schwere Ledersessel und sexistische Witze. Was klingt wie ein Klischee aus den 1950er-Jahren, ist schockierend häufig noch Realität in deutschen Führungszirkeln. Vielleicht nicht im Büro. Aber spätestens nach Feierabend, wenn keiner aus dem Team mehr dabei ist.

Genau das ist einer der Gründe, warum es immer noch viel zu wenige weibliche Chefs gibt. Die Männer lassen sie nicht in den Inner Circle, weil sie ihre Rituale, ihre Kumpeleien, ihre Jungsspielsachen nicht teilen wollen. Noch immer ist laut Statistischem Bundesamt nicht mal jede dritte deutsche Führungskraft eine Frau. Der Anteil veränderte sich seit 2012, dem Zeitpunkt der Einführung der aktuellen Klassifikation, nur wenig, so das Amt. Andere Zählweisen kommen auf noch weniger Chefinnen – Statista findet gerade 22,5 Prozent weibliche Chefs.

Ja, es gibt medienwirksame Ausnahmen. So wurde gerade mit Fränzi Kühne bei Freenet die jüngste Aufsichtsrätin in der deutschen Geschichte berufen. Aber sie bleibt eben die Ausnahme. Dass Susann Hoffmann und Nora-Vanessa Wohlert, die Gründerinnen von Edition F, einer klugen und erfolgreichen Job-Website für Frauen, kürzlich per Crowdfunding Geld für die sogenannte Female Future Force Academy einsammelten, nach wenigen Tagen schon über 3000 Anmeldungen für das kostenpflichtige digitale Karriere-Coaching bekommen und so eine komfortable sechsstellige Summe eingenommen haben, zeigt immerhin, dass junge Frauen die Sache jetzt selbst in die Hand nehmen. Da rollt eine Welle ehrgeiziger, gut ausgebildeter und bestens vernetzter weiblicher High Potentials auf die Unternehmen zu. Mit den bräsigen Männerrunden könnte also bald Schluss sein, und das wäre ja schon mal ein Wert an sich.

Wie nun Frauen die Führungskultur verändern, ist umstritten. Wissenschaftler der Norwegian Business School haben mehr als 2900 Führungskr.fte analysiert und behaupten, dass Frauen – wie vermutet – tatsächlich die besseren Chefs sind. Sie sind klarer in ihrer Kommunikation, offener für Innovationen, gewissenhafter und besser darin, Mitarbeiter zu unterstützen. Dass es typisch weibliche Eigenschaften sind – darunter die viel beschworene höhere „Emotionale Intelligenz“ –, die hier wirken, bestreitet wiederum die Personalberatung Russell Reynolds Associates. Glaubt man deren Untersuchungen, gilt sogar das Gegenteil: Sobald der Frauenanteil in Führungsgremien auf mehr als 22 Prozent steigt, bricht das klassische Geschlechter-Stereotyp auf. Dann kümmern sich auch Frauen mit aller Macht um ihre Karriere, nähern sich in punkto Durchsetzungskraft und Härte ihren männlichen Kollegen an. Beziehungspflege und Fürsorge für andere dagegen nehmen dann bei Männern und Frauen ab. So würden beide Seiten „fokussierter, kämpferischer und letztlich erfolgreicher“, sagte Studienautor Joachim Bohner der Welt am Sonntag. Er hält diese Überwindung klassischer Geschlechterrollen für einen Befreiungsschlag: Managerinnen könnten ihren Exotenstatus abschütteln und einfach nur Führungskräfte sein. Frauen werde nicht mehr aufgebürdet, mit ihrer vermeintlich höheren Empathie nebenher auch noch die zwischenmenschlichen Probleme in Teams zu lösen.

Natürlich können sich auch Frauen für teures Fleisch und alte Autos interessieren. Vielleicht gibt es die oben beschriebenen Runden auch künftig, nur eben gemischt besetzt. Ich glaube es aber nicht. Frauen haben meist Besseres zu tun, als nächtelang über Terroirs und Turbolader zu referieren. Und sie mögen in der Regel auch den – Pardon – Schwanzvergleich nicht, der bei Männergesprächen oft mitschwingt: Mein Wein ist rarer, mein Boot länger, mein 911er hat das coolere Baujahr. Gelänge es den neuen Chefinnen, hier andere Themen zu setzen, für mich wäre allein das schon eine wertvolle Errungenschaft, ein echter Fortschritt. Frauen an die Macht!