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Lufthansa Exclusive: Cappuccino per Drohne

Rasenmäher, sagt Wertscheid: elektrisch, klein, leicht. Er grinst. 68 Euro, Superding, bei Obi geschossen. Erst online Preisvergleich gemacht, dann mit dem Ausdruck die Baumärkte abgeklappert, 17 Prozent gespart. Wertscheid ist so einer. Will immer den besten Deal. Fragt immer nach Rabatt. Vergleichsangebote einholen – und dann drücken, drücken, drücken. Im Job und privat.

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  • Oktober 2014

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Rasenmäher, sagt Wertscheid: elektrisch, klein, leicht. Er grinst. 68 Euro, Superding, bei Obi geschossen. Erst online Preisvergleich gemacht, dann mit dem Ausdruck die Baumärkte abgeklappert, 17 Prozent gespart. Wertscheid ist so einer. Will immer den besten Deal. Fragt immer nach Rabatt. Vergleichsangebote einholen – und dann drücken, drücken, drücken. Im Job und privat. Wertscheid: Anfang 40, Polohemd, Jeans, zu junge Turnschuhe, Einkäufer bei einem ITDienstleister. Ihm macht keiner was vor. Der Kellner kommt, ich nehme den Burger, er den Fitness-Lunch.


Neulich, erzählt er, brauchte er ein neues Auto. Hat einen Monat recherchiert, dann einen Škoda gekauft, der eigentlich ein Passat ist, aber nur die Hälfte kostet. Ich lächle zurück und denke: Opportunitätskosten. Damit bezeichnen Ökonomen entgangene Erlöse aufgrund nicht wahrgenommener Alternativen. Also: Wenn ich zwei Stunden im Baumarkt nach dem günstigsten Rasenmäher suche, muss ich im Grunde ausrechnen, was mir in derselben Zeit an Stundenlohn entgangen ist, weil ich nicht gearbeitet habe. Oder an künftigem Profit, weil ich meine Start-up-Idee nicht weiterentwickelt habe. Oder an – schwer quantifizierbarem, aber notorisch unterbewertetem – Genuss, weil ich weder mit meiner Tochter gespielt noch mit Freunden ein Glas Wein getrunken noch „House of Cards“ geschaut habe.


Meine Faustregel lautet: Shopping in der physischen Welt lohnt sich so gut wie nie. Bei Standardprodukten wie Milch oder Brot mag der Zeitaufwand noch halbwegs darstellbar sein, da kalkuliere ich eher den Verlust an Lebensqualität, der entsteht, wenn man Einkaufstüten in den vierten Stock schleppen muss. Bei nicht überall vorrätigen Produkten – Niedervoltlampen oder Ingwertee, WLANLautsprechern oder Windeleimereinsätzen – steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ich, womöglich mit dem Auto, Geschäfte abklappere, durch mir unbekannte Gänge irre, Verkäufer anbettele und doch erfolglos bleibe, rapide an.


Ging früher nicht anders, war aber irrsinnig ineffizient. Wertscheid macht es heute noch so. Es geht ihm ja nicht ums Geld, sagt er, sondern um die Jagd. Mir geht es nur noch um Einfachheit. Denn zwischen Job und Familie will ich meine Freizeit nicht komplett kleinen Alltagsdingen opfern:


Die Milch ist alle. Die Kleine braucht Wintersocken. Der Scheibenwischer schmiert. Und so habe ich alles gnadenlos digital durchoptimiert: bestelle Zahnseide und Glühbirnen bei Amazon, lade Bücher auf den Kindle, lasse Yoox und Mr. Porter Kleidung liefern und Rewe Lebensmittel. Wie hatten Menschen früher nur Zeit, durch Läden zu hetzen? Zum Glück geht es offenbar nicht nur mir so, und darum bekämpfen sich Amazon und Google in den USA neuerdings mit Lieferservices, die Lebensmittel, Kosmetik, Elektronik noch am selben Tag bringen. McKinsey sagt, dass dieser Markt bis 2020 allein in Westeuropa ein Umsatzvolumen von drei Milliarden Euro erreichen wird.

Nächste Optimierungsstufe: eine Drohne, die meine Einkäufe direkt auf dem Balkon ablegt. Als Amazon vor ein paar Monaten das Video eines Quadcopters verbreitete, der ein Päckchen im Zentrallager aufnimmt und selbst steuernd zum Garten eines Kunden transportiert, hielten das alle für einen PR-Gag, auch wenn UPS und die Deutsche Post gleich verkündeten, an ähnlichen Ideen zu werkeln. Es war aber kein Gag: Vor ein paar Wochen hat Amazon bei der US-Flugbehörde FAA offiziell Testflüge für Drohnen beantragt, sogar einen Namen für den Service gibt es bereits: Amazon Prime Air. Ein deutscher Forscher erzählte mir neulich, laut seinen Studien erwarteten Onlineshopper in Megacitys, ihre Bestellung bald in weniger als einer Stunde geliefert zu bekommen.


Für Wertscheid ist das alles Science-Fiction, und seine Frau würde sich sowieso nie alles liefern lassen, würde den sinnlichen Aspekt beim Shopping vermissen, das Glas Champagner, weißt schon: die Experience halt. Tatsächlich diskutieren Experten, ob der befürchtete Trend zum sogenannten Showrooming – also erst im Laden Produkte anschauen, sie dann online günstiger kaufen, was das Ende vieler physischer Verkaufsräume bedeuten würde – nicht gerade umgekehrt einer ist, den man „Webrooming“ nennen müsste – erst online Preise vergleichen, um sich das beste Angebot dann im Laden anzuschauen und zu kaufen, schon wegen Beratung und Service. Wertscheid wäre mit seinem Rasenmäher der Pionier einer neuen Bewegung.


Ich hingegen mag es, durch schöne Innenstädte zu flanieren. Nur: Die meisten Einkaufszonen sind hässlich. Und bin ich mal an der Alster oder auf der Rambla, wird das Schlendern ja erst zum Genuss, wenn es ziellos ist, wenn alle Pflicht-Einkäufe schon online erledigt sind. Und dereinst muss ich mich nicht mehr bei Starbucks anstellen, sondern kann per App – vielleicht von Uber – einen Flat White bestellen, den mir die Drohne aus einem kleinen Coffeeshop in der Nähe serviert. Dann wäre für mich das Einkaufserlebnis perfekt. Jawoll, sagt Wertscheid, und nickt jetzt auch, die Experience halt.