Kolumnen

Lufthansa Exclusive: Chefs ohne Plan

Papen sucht. Ein Word-Dokument. Auf seinem Rechner. Seit gefühlt 30 Minuten, in Wahrheit eher drei. Immer noch eine Ewigkeit. Denn ich stehe hinter ihm und darf zuschauen.

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  • Februar 2015

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Papen sucht. Ein Word-Dokument. Auf seinem Rechner. Seit gefühlt 30 Minuten, in Wahrheit eher drei. Immer noch eine Ewigkeit. Denn ich stehe hinter ihm und darf zuschauen. Er wolle mir nur schnell etwas zeigen. Dann ging es los: Papen hat diverse Fenster geöffnet, die schiebt er erst mal einzeln zur Seite, um den Desktop zu sehen (60 Sekunden). Der Desktop ist voller Icons und Dokumente ohne erkennbare Logik. Er fährt mit dem Finger darüber, seine Zunge erscheint zwischen den Zähnen, das Dokument ist nicht dabei (120 Sekunden). Er sucht mit dem Mauszeiger, der sich wie betrunken und in Zeitlupe bewegt, sein Mail-Programm. Öffnet es. Sucht mit dem Mauszeiger den Scrollbalken. Verfehlt ihn. Setzt neu an. Erwischt ihn. Fängt an, seinen Mail-Eingang, in dem sich 12 432 Nachrichten befinden, von oben nach unten zu durchsuchen (180 Sekunden).

Papen keucht. Hab’s gleich! Die Zunge inzwischen im Mundwinkel. Moment noch! Das kann dauern, denke ich, zücke mein iPhone und feuere hinter seinem Rücken ein paar Mails raus, damit das hier nicht komplett verschwendete Zeit ist. Die Digital-Agentur LBi hat einmal aus Spaß eine kleine App programmiert, die anzeigt, wie viel Geld pro Minute verbrannt wird, wenn sich lauter hochbezahlte Menschen in einem Raum versammeln. Während Manager ziellos plaudern, rattern auf dem Bildschirme Euro-Zahlen vor flammendem Hintergrund. Dieses Bild hat sich in mein Gehirn eingebrannt, und während ich Papens unbeholfenes Herumtasten ertrage, sehe ich immer mehr Geldscheine ins Feuer wandern.

Am liebsten würde ich die Tastatur übernehmen und Befehle brüllen: Fenster mit Shortcut verbergen! Schreibtisch aufräumen! Ordner in der Cloud anlegen! Alles dort speichern! E-Mails durchsuchen, nicht scrollen! Posteingang immer leer! Dateien per globaler Suche finden! Dokumente nicht als E-Mail-Anhang versenden, sondern per Filesharing! Aaaargh! Weil Papen aber Partner einer großen Anwaltskanzlei ist, locker fünfmal so viel verdient wie ich und für sein Temperament bekannt ist, wippe ich sanft auf den Fußballen und murmele, dass ich gern später wiederkomme, also ... Quatsch! Schweißperlen bilden sich über Papens Schnauzer. Hab’s gleich! Da! Nein! Moment!

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin kein digitaler Zauberer, beherrsche viele Tricks und Kniffe auch nicht. Aber ich komme mit Laptop, Smartphone, iPad und Software einigermaßen flott zurecht, organisiere meinen Arbeitsalltag mit Werkzeugen wie Pocket, Feedly, Wunderlist oder Passbook. Ich kann Fonts installieren und Server verbinden. Anders als diverse Chefs, die ich so treffe. Von ihren Mitarbeitern erwarten sie, stets auf dem neuesten Stand zu sein. Tun sich selbst aber schwer damit und zelebrieren das sogar.

Neulich zeigte mir ein leitender Mitarbeiter einer großen Bank sein Mobiltelefon: ein simples Modell ohne Kalender, E-Mail, Apps. Mails auf dem Handy machten ihn nur nervös. Ich frage: Also lesen Sie Ihre Mails am Schreibtisch? Nein, bin ja ständig in Meetings. Während der Meetings? Finde ich unhöflich. Abends zu Hause? Sehe ich nicht ein. Also wann dann? Verblüffende Antwort: gar nicht. Er bestätigt Kalendereinladungen, damit er kein Meeting verpasst. Und ignoriert den Rest. Wer wirklich etwas von mir will, sagt er, ruft mich an oder macht einen Termin aus. Ich denke: Kann man so sehen. Wie 1955: der unerreichbare Chef, versteckt hinter Unterschriftenmappen.

Technologie definiert und verändert die Art und Weise, wie wir zusammenarbeiten, permanent. Da muss man am Ball bleiben. Derzeit wird überall E-Mail „neu gedacht“, von Produkten neuer Anbieter wie Asana, WeMail oder Slack bis zu denen großer Marken wie Verse (IBM), Squared (Cisco), Clutter (Microsoft) oder Inbox (Google). Weil die Metapher eines Schreibtischs, auf dem Dokumente mit DIN-A4-Seiten in Ordnern stecken, im Digitalzeitalter langsam aus der Mode kommt, schlägt zum Beispiel Evernote vor, Ordner und Dateien ganz abzuschaffen. All das ist spannend und relevant. Und es hat viel mit einer zentralen Führungsaufgabe zu tun. Nämlich zu definieren, wie Teams oder sogar ganze Unternehmen arbeiten. Chefs, die von diesen Dingen nichts verstehen wollen, machen ihren Job nicht.

Papen hat das Dokument derweil gefunden. Er öffnet den Anhang im Mail-Programm. Ich denke: Er wird doch jetzt nichts ändern? Er ändert. Ich denke: Mal sehen, wohin er das jetzt neue Dokument speichert. Er drückt auf Sichern und Schließen. Ich ahne, was kommt, und schiebe mich zur Tür. Verdammt! Jetzt hat er es gemerkt. Wo ist das Ding jetzt hin! Er klickt auf dem Desktop herum. Gerade war’s doch noch da! Speicheltropfen landen auf dem Bildschirm. Ich schließe leise die Tür hinter mir. Die Lederpolsterung dämpft Papens Toben. Seine Vorzimmerdame lächelt zum Abschied. Sie sieht müde aus.