Kolumnen

Lufthansa Exclusive: Das Ende der Apps

Beim MIT sahen sie es schon 1995 kommen, sagt Bernstorff: mitdenkende digitale Assistenten. Bernstorff, Seitenscheitel, blitzblanke Brogues, hebt den Finger, wie immer, wenn er doziert: Assistenten, die einem jeden Wunsch von den Lippen ablesen und – der Finger zeigt auf mich – deinen Wunsch schon erahnen, bevor du ihn ausgesprochen hast.

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  • Januar 2015

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Beim MIT sahen sie es schon 1995 kommen, sagt Bernstorff: mitdenkende digitale Assistenten. Bernstorff, Seitenscheitel, blitzblanke Brogues, hebt den Finger, wie immer, wenn er doziert: Assistenten, die einem jeden Wunsch von den Lippen ablesen und – der Finger zeigt auf mich – deinen Wunsch schon erahnen, bevor du ihn ausgesprochen hast. Offenbar schaue ich angemessen beeindruckt, denn er macht weiter: so wie früher die unfehlbare Sekretärin.

Bernstorff zupft sein Einstecktuch zurecht. Er ist Ende 30, lebt halb in der Vergangenheit und halb in der Zukunft. Nur im Heute wirkt er manchmal etwas verloren. Interessiert sich für jede neue Technologie, pflegt aber eine konsequent romantisierte Vorstellung vergangener Geschäftswelten, als Deals beim Old Fashioned im Gentlemen’s Club besiegelt wurden und Sekretärinnen eben noch Sekretärinnen hießen.

Er ist Inhaber eines Unternehmens, irgendwas mit Akustik. Assistenten organisieren sein Leben, das läuft. Aber eigentlich wünscht sich Bernstorff eine Mischung aus jenen diskreten Vorzimmerdamen der TV-Serie „Mad Men“, die alle Anrufe umleiten, wenn der Chef mal wieder verkatert auf dem Sofa döst, und dem allwissenden Computerhirn HAL aus dem Science-Fiction-Klassiker „2001 – Odysee im Weltraum“. Dabei aber ohne den Ehrgeiz der „Mad Men“-Damen, die lieber Werbetexterinnen wären und ohne HALs emotionsloses Pflichtbewusstsein, der für den Erfolg der Mission gar den Piloten opfern will.

Bernstorff weiß, dass er ein aus der Zeit gefallener Charakter ist – aber seine Wünsche sind erstaunlich aktuell. Während wir Entrecôte mit Grillgemüse verspeisen, summt mein Handy. Apple weist mich darauf hin, dass mein Flug in 40 Minuten geht. Wische ich die Nachricht nach rechts, erscheint mein Boardingpass, den ich vorhin in Passbook gespeichert habe. Google müht sich noch beflissener: Sein lernender Assistent namens Now hat – ungefragt und ohne dass ich die Daten eingegeben hätte – ebenfalls herausgefunden, dass ich gleich fliege. Zeigt mir sogar das Gate an und dass der Flug pünktlich ist. Erwähnt, dass ich nur acht Minuten von zu Hause entfernt bin, vermutlich für den Fall, dass ich doch keine Lust auf den Termin habe. Ergänzt perfiderweise ein paar Attraktionen in Abu Dhabi – hat offenbar meine E-Mail-Korrespondenz oder Browser-Historie verfolgt und daraus zu Recht geschlossen, dass ich eine Reise dorthin in Betracht ziehe.

Die mitdenkenden Assistenten sind also bereits da. Sie sind bauernschlau und wissbegierig. Lernen stets ein bisschen dazu, stellen Vermutungen an, führen Informationen aus verschiedenen Bereichen meines digitalen Lebens – E-Mail, Kalender, GPS-Ortung – zu einem immer besser gefilterten Strom potenziell relevanter Informationen zusammen, der durch mein Feedback permanent stärker auf mich zugeschnitten wird. So wie Bernstorffs ideale Sekretärin lernt, welchen Whiskey der Chef mag und wo er gern den Lunch einnimmt, wann seine Gattin Geburtstag hat und was er ihr voriges Jahr geschenkt hat. Funktioniert natürlich auch mit Sekretär und Chefin.

Dass dieser Service immer tiefer in unseren digitalen Begleitern verankert ist – bei Apple im Betriebssystem, bei Google auf der obersten mobilen Benutzerebene –, bedeutet wohl bald das Ende vieler Apps. Die meisten nützlichen Funktionen, die derzeit über diverse Miniprogramme verteilt sind, wer-den dann im hoch personalisierten Infostrom zusammengefasst. Aus welchen Quellen der sich speist und ob er durch einen Algorithmus von Apple, Google oder Facebook gefiltert wird, dürfte Gegenstand gigantischer Glaubens- und Verteilungskämpfe werden. Sogar Autohersteller arbeiten an einer „Predictive User Experience“, damit mich mein Wagen künftig ans Fitnessstudio erinnert.

Dass die Zeit der Apps langsam zu Ende geht, sieht man schon daran, dass zwei Drittel der deutschen Smartphone- Nutzer überhaupt keine neuen mehr herunterladen. Es braucht ja auch niemand für Bahn- und Flugreisen, Korrespondenz und Wettervorhersage je eine eigene Sekretärin, sagt Bernstorff, pardon: einen eigenen Assistenten.

Apple tippt mich dezent an, dass der Flug immer noch pünktlich ist. Google ergänzt, dass ich bei momentaner Verkehrslage 23 Minuten bis zum Flughafen brauche. Ich verabschiede mich. Keiner der beiden digitalen Helfer fragt mich, wie ich den Termin fand oder ob ich Bernstorff eine Dank Mail schreiben möchte. Keiner prüft, ob ich im Hotel morgen früh um sechs schon Frühstück bekomme oder den Espresso am Gate nehmen muss. Keiner wünscht mir eine gute Reise oder erkundigt sich, ob meine Tochter noch erkältet ist. Ich schätze mal, bis dahin müssen wir noch zwei bis drei Jahre warten.