Kolumnen

Lufthansa Exclusive: Das Stottern der Chefs

Immer wieder Lampenfieber – nicht jeder beherrscht den öffentlichen Vortrag. Kluge Vorbereitung ist schon der halbe Erfolg

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  • Juli 2016

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Eine Sache unterscheidet einen Anführer von allen anderen, sagt Kaiser und knöpft das Sakko zu. Ich ahne, was kommt, Kaiser eröffnet gleich den Verbandskongress. Der Anführer traut sich auf die Bühne, sagt er, die anderen sind froh, dass sie nicht müssen. Nickt und stapft hinters Rednerpult. Begrüßt die Teilnehmer. Listet Funktionäre auf. Dankt den Sponsoren. Macht einen Insider-Witz. Und beginnt mit einer Präsentation, bei der jedes Chart etwa so viel Text hat wie „Krieg und Frieden“ und so viele Zahlen wie eine Gleichung von Stephen Hawking. Ich schaue mich um. Bei den älteren Gästen hat jener glasige Blick eingesetzt, den ich „Powerpoint-Trance“ nenne. Ihre Körper sind hier, ihre Gedanken nicht. Man müsste bei solchen Tagungen diese Comic-Brillen verteilen, auf deren Gläser offene Augen gemalt sind, dann könnten alle ein Nickerchen halten. Die Jüngeren haben eh schon das Smartphone gezückt, einige verstohlen, viele offen. Kaiser liest einen Charttext vor. Unten steht die Seitenzahl, Nummer drei von 46.

Kaisers Aussage ist also richtig und falsch zugleich. Richtig ist, dass Chefs öfter auf Podien müssen als andere. Nur ist das kein Ausweis von Kompetenz oder Autorität. Es liegt einfach daran, wie Konferenzplaner ticken: Man fragt immer erst mal nach dem Ranghöchsten. Wäre gutes öffentliches Reden ein Zeichen von Führungsstärke, dann hätten viele Chefs ein Legitimationsproblem. Nein, man sollte nicht mit Dankeslisten anfangen. Nein, man darf seinen Text nicht ablesen, auch nicht vom Chart. Hinter dem Rednerpult stehen zu bleiben ist meist keine gute Idee. Eine Präsentation wird nicht dadurch besser, dass man die Folien maximal befüllt und zur Not die Schrift kleiner macht.

Öffentlich reden ist nervenaufreibend und kräftezehrend. Ich weiß das, weil ich es mache. Dass ich zwei Sachbücher geschrieben habe, macht mich in den Augen mancher Veranstalter zum Experten, und so stehe ich etwa zweimal pro Monat auf Bühnen. Dabei bin ich eher der introvertierte Typ, keine Rampensau. Ich habe vor jedem Vortrag schwitzige Hände und ein Grummeln im Bauch. Früher dachte ich, das sei eine Schwäche, heute glaube ich, es ist normal. Jeder ist aufgeregt, wenn man redet und dabei schauen einen lauter Menschen an, die einen vielleicht gerade für einen Volltrottel halten.

Die Lösung ist aber eben nicht, sich am Pult festzuklammern, Formalien runterzurattern und unlesbare Charts an die Wand zu werfen. Was viele Vorgesetzte von ihren Mitarbeitern unterscheidet, ist nicht der Mut, auf der Bühne zu stehen. Sondern die Dickfelligkeit, sich nicht drum zu scheren, was dabei rüber- und rauskommt.

Natürlich gibt es auch unter Chefs großartige Bühnenpersönlichkeiten, die frei reden, mit persönlichen Beispielen, anschaulichen Anekdoten, und alle hören zu. Die wissen, dass eine gut gebaute Präsentation nicht am Vorabend im Flugzeug zusammengehauen werden darf, sondern die dafür Strategen, Texter und Gestalter beschäftigen. Die wissen, dass ein Bild besser ist als 20 Listen. Dass auf einem guten Chart nur ein Satz steht oder eine Zahl. Dass ein kurzer Film hilft, die Monotonie des Monologs zu durchbrechen. Die sich nach vorn in die Mitte stellen und den Leuten in die Augen schauen. Die den ganzen Bühnenraum nutzen, von links nach rechts gehen, damit auch jene am Rand das Handy sinken lassen, weil sie gerade angesprochen werden. Die aus ihrer eingeübten Choreografie ausbrechen und eine Frage ins Publikum stellen können, am besten: Wie finden Sie eigentlich, was sie hier hören? Habe ich das bisher gut erklärt? Solche Techniken sind eher nicht angeboren, sondern antrainiert, ob Chef oder nicht.

Ich habe inzwischen Hunderte von Vorträgen gehalten, und das Lampenfieber steigt nicht mehr ganz so hoch. Ich kann auch mal improvisieren. Ich merke, wer zuhört und wen ich zwischendurch aufwecken muss. Was mich nach wie vor nervös macht, ist die Technik. Ja, ich will mein eigenes Laptop mitbringen, denn ich arbeite in Apple Keynote, das läuft nicht auf Windows-Rechnern. Nein, ich kann meinen Vortrag nicht vorher als PDF einschicken, weil ich Filme zeige. Ja, ich will meinen Bildschirm auf der Bühne sehen, oder einen Vorschaumonitor, damit ich weiß, welches Chart als nächstes kommt, sodass ich im Flow bleibe. Ja, ich brauche Ton für die Filme. Und, ja, ein Techniker muss mein Laptop anschließen, damit nicht ich auf der Bühne live mit Steckern hantiere. Klingt trivial? Sie glauben nicht, wie häufig ich über genau diese Kleinigkeiten diskutiere. Und dann bin ich kurz vorm Vortrag da, und es fehlt doch etwas.

Kaiser hat solche Probleme nicht. Er steht immer noch hin¬term Pult, klickt stoisch die Folien weiter. Am Ende noch ein Witz, der Saal schmunzelt aus Höflichkeit und Harndrang – endlich Schluss. In der Pause schaut mich Kaiser triumphierend an. Na, sagt er, wie war ich? Frag genau das beim nächsten Mal doch das Publikum, antworte ich, und nippe am Cappuccino, damit er mein Grinsen nicht sieht.