Kolumnen

Lufthansa Exclusive: Der Chef im Glaskasten

Die Zeiten des Einzelbüros sind passé – außer für Führungskräfte. Aber gehören nicht gerade sie in die kreative Mitte des Teams?

Erschienen:

  • März 2016

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Carola erzählt von ihren Kindern. Wie viele Geburtstagsgeschenke soll man machen, wo die schon genug Kram haben? Nichts schenken geht auch nicht, und dann sind da ja noch die Stofftiere der Großeltern … kenne ich. Wir kommen auf das ständige Termingewusel rund um Job und Familie, dann auf „Neue Arbeit“, dann darauf, dass man mal über den Einsatz von Projektmanagement-Tools im Privatleben reden müsste, das könnte dann ja „Neue Freizeit“ heißen, lustig … Oh! Schon halb eins. Sandwiches holen?

Carola sitzt seit ein paar Tagen in meinem Büro. Also: mir gegenüber, an meinem Schreibtisch, der zum Glück groß genug für uns beide ist. Es war mein Vorschlag, sie ist Führungskraft, muss wissen, wie es bei uns in der Firma läuft. Offiziell arbeite ich sie ein, in Wahrheit quatschen wir viel. Dabei ist Carola weder aufdringlich noch ungewöhnlich mitteilsam. Wenn ich anfange, demonstrativ auf dem Laptop zu tippen, versteht sie stets den Wink und konzentriert sich auf ihren Rechner. Carola ist auch nicht faul, sondern schafft, im Gegenteil, richtig viel weg. Teilt meine Meinung, dass man Arbeit schnell und effizient erledigen sollte, um dann auch wirklich frei zu haben.

Trotzdem reden wir miteinander, alles andere wäre ja auch seltsam. Ich genieße das. Aber eigentlich will ich es nicht. Mir ist im Grunde völlig egal, wo ich arbeite: im Zug, am Flughafen, im Café, im Homeoffice. Auf einem Hocker, einem Barstuhl, einer Pool-Liege … unwichtig, Hauptsache WiFi. Aber wenn ich schon ein eigenes Büro habe, dann soll es auch meins sein.

Mit dieser Meinung stehe ich aber zunehmend alleine da. Die Anhänger neuer Arbeitstheorien verlangen, auch Vorgesetzte müssten in den Großraum zum Team (Fachsprech: „Auf die Fläche“). Nur dort flutsche die Kommunikation, seien Transparenz, Kollaboration und Kreativität. Außerdem müssten die neuen, weniger hierarchischen Unternehmensstrukturen bitte schön auch räumlich repräsentiert sein. Das machen jetzt viele Führungskräfte so. Der Chef im Eckbüro ist plötzlich sehr altmodisch.

Stimmt alles, theoretisch. Praktisch habe ich trotzdem mein eigenes Büro. Bei dem ich die Tür zumachen kann, wenn ich Mitarbeitergespräche führe oder mit Kunden übers Budget verhandle. Wenn ich mir einen Arzttermin buche, mit der Freundin übers Abendessen rede, mich telefonisch über das Grete-Jalk- Sofa informiere, das auf eBay so gut aussah.

Ich mag meine Ruhe und meine Privatsphäre. Hätte mein Büro keine Glastüren, würde ich manchmal abschließen und ein Mittagsschläfchen halten, ging bei Don Draper doch auch. Aber jetzt ist eben Carola da. Unser tägliches Gespräch mäandert von Erziehung und Restaurants, Wetter und Technologie bis zu Kunden, Kollegen, dem Klein-Klein des Büros. Zum Arbeiten komme ich weniger. Und den Friseurtermin vereinbare ich unterwegs vom Handy aus, sie muss ja nicht alles mitbekommen.

Das geht, aber so richtig praktisch ist es nicht, effizient noch weniger. Ich mag Carola sehr, aber wenn in zwei Wochen die Anlernphase vorbei ist und sie an ihren eigenen Arbeitsplatz umzieht, bin ich auch nicht böse. Ist das asozial? Gestrig? Oder gesunder Menschenverstand? Falls Letzteres: Müsste ich das unseren Mitarbeitern im Großraum dann nicht auch anbieten?

Der Organisationspsychologe Matthew Davis fand 2011 in einer Metastudie – für die er über 100 andere Studien auswertete – heraus, dass offene Bürostrukturen zwar eine oberflächlich entspanntere und innovativere Arbeitskultur symbolisieren, aber schlecht sind für die Aufmerksamkeitsspanne, Produktivität, Kreativität und Zufriedenheit der Angestellten. Im Vergleich zu kleineren Büros führen Großraumlösungen zu mehr unkontrollierten Interaktionen und mehr Stress, zu geringerer Konzentration und Motivation. Weil trotzdem fast überall Bürowände eingerissen werden, resümierte das kluge US-Magazin New Yorker kürzlich, wir befänden uns in einer „Großraumfalle“.

Die negativen Auswirkungen von Ablenkung und Lärm in offenen Büros machen sich offenbar besonders stark bei älteren Kollegen bemerkbar. Nun bin ich noch kein Senior, aber zur Generation Y oder gar Z gehöre ich auch nicht gerade. Und ich merke tatsächlich, dass ich meine Privatsphäre im Büro stärker zu schätzen weiß, je mehr Berufserfahrung ich habe. Vermutlich ende ich als schrulliger Eremit, der – vor sich hin murmelnd – in einer dunklen Kammer sitzt, während draußen die jungen Leute in hellen offenen Strukturen kreativ kollaborieren.

Andererseits: Wenn ich mich im Büro besonders schlecht konzentrieren kann oder mir das zumindest einbilde, flüchte ich ja am liebsten ins Restaurant. Oder, im Sommer, auf die Parkbank. Am produktivsten bin ich im vollen Zugabteil, wo auch diese Kolumne entstand. Ich suche also Geräuschkulisse und Aktivität, um dem Lärm und dem Gewusel des Büros zu entkommen. Eigenartiges Paradox. Das muss ich morgen gleich mal mit Carola besprechen.