Kolumnen

Lufthansa Exclusive: Der gläserne Manager

Seidlitz ist Geschäftsführerin eines großen IT-Unternehmens. Ich kenne sie nur flüchtig, aber ich weiß fast alles über ihr Leben. Vor einiger Zeit durfte ich sie einen Tag lang für ein Wirtschaftsmagazin begleiten. Es ging um die Frage, wie viel Work-Life-Balance Manager haben. Am stärksten ist mir von diesem Tag eine Szene im Gedächtnis geblieben. Es sei, so raunte Seidlitz’ Assistentin vorher, der wichtigste Termin der Woche, das Meeting, bei dem jeder anwesend sein müsse.

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  • Dezember 2014

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Seidlitz ist Geschäftsführerin eines großen IT-Unternehmens. Ich kenne sie nur flüchtig, aber ich weiß fast alles über ihr Leben. Vor einiger Zeit durfte ich sie einen Tag lang für ein Wirtschaftsmagazin begleiten. Es ging um die Frage, wie viel Work-Life-Balance Manager haben. Am stärksten ist mir von diesem Tag eine Szene im Gedächtnis geblieben. Es sei, so raunte Seidlitz’ Assistentin vorher, der wichtigste Termin der Woche, das Meeting, bei dem jeder anwesend sein müsse.

Mit ihrem Team und ihrer Assistentin sitzt Seidlitz dann in einem Konferenzraum der Firmenzentrale. Sie schauen auf den riesigen Bildschirm an der Wand. Dort leuchtet jenes Dokument, das alle in Atem hält: Seidlitz’ Kalender. Sie sprechen über Flüge und Hotels, Meetings und Telefonkonferenzen. Sie überlegen, an welchen Abenden der Ehemann die Kinder betreut und ob die Übergaben mit der Kinderfrau klappen. Nach einer Stunde sind nicht nur die kommenden Wochen der Chefin minutiös verplant, sondern – als automatische Ableitung – auch die ihrer Mitarbeiter.

Später, im Auto, auf dem Weg ins Home Office, erklärt Seidlitz mir, dass sie mitten am Tag das Büro verlassen kann, weil jetzt ja alle Bescheid wüssten. Gleich wird sie noch ein paar Videocalls machen und Präsentationen teilen, bevor die Kinder nach Hause kommen. Ich bin beeindruckt und ein bisschen neidisch. So souverän würde ich als Chef auch gern über meine Zeit verfügen. Nicht einfach verschwinden, sodass sich alle fragen, wo ich bin. Nicht auf- und abtauchen, wie es mir gefällt, bloß weil ich alle operativen Details sowieso an die nächste Managementebene delegiert habe und im Grunde nur noch Grüßaugust bin. So ein Chef will ich ganz bestimmt nicht sein. Trotzdem hatte ich mir das Leben als selbstständiger Unternehmer, irgendwie, nun, selbstständiger vorgestellt.

Seitdem ich Geschäftsführer bin, ist mein Tag gnadenlos durchgetaktet, komplett fremdbestimmt. Jeder weiße Fleck im Kalender wird sofort von Assistenten und Kollegen gekapert – auf Wochen hinaus. Was ich in zwei Monaten um 17 Uhr mache? Lassen Sie mich kurz nachschauen. Sie möchten mit mir essen gehen? Den nächsten freien Slot gibt es in sechs Wochen. Ein Kunde möchte den Workshop um einen Tag verlegen? Das schickt Eruptionswellen durch alle angenzenden Termine, und das Team muss tagelang schieben und rütteln, um Zeitfenster verhandeln. Ich führe ein Leben im strengen Takt des Kalenders.

Der Trick, sagt Seidlitz, sei der, all das nicht zu beklagen, sondern kreativ zu nutzen. Dann hat sie mir die vier goldenen Regeln der Kalenderkunst beigebracht. Erstens: Pufferzeit einplanen. Fängt der Lunchtermin um 13 Uhr an, ist der Kalender ab 12.30 Uhr geblockt, sonst legen Mitarbeiter Meetings bis

12.55 Uhr, und ich komme zu spät. Zweitens: zwischen Aufgaben und Terminen unterscheiden. In den Kalender kommen nur Einträge mit Uhrzeit, alle anderen in die To-do-Liste. Drittens: Jede Verabredung muss! Immer! Sofort! In den Kalender! Ob im Büro, im Taxi oder abends auf dem Sofa, ob mündlich oder per E-Mail. Fallen die Worte „Termin“ oder „Verschieben“, ignoriere ich jeden strafenden Blick, zücke das Smartphone, tippe Uhrzeit, Thema, Treffpunkt ein und lade alle Teilnehmer dazu. Für mich ist das der einzige Weg im Kampf gegen die Entropie des Alltags. Nützlicher Nebeneffekt: Die Entschuldigung „Ich habe den Termin anders erinnert“ zieht bei mir nicht. Die elektronische Teilnahmebestätigung kennt kein Erbarmen.

Das größte Stück an Selbstbestimmtheit brachte mir Seidlitz’ vierter Tipp zurück: Nicht um private Termine herumdrucksen, sondern sie – gerade als Führungskraft – gleichberechtigt in den digitalen Taktgeber eintippen. Sonst wird das nie was mit dem Abholen aus der Kita oder dem Fitnessstudio am Mittag. Die Zeiten, in denen die Vorzimmerdame den Chef abschirmte, hat mir Seidlitz mit mütterlicher Autorität erklärt, und in denen die da oben in der Teppichetage opake Entscheidungen trafen, sind endgültig vorbei. Fortschrittliche Manager sitzen mit dem Team im Großraum, mindestens bei offener Tür im Glaskasten. Diese neue Transparenz macht Prozesse schlanker, Entscheidungen schneller. Darum muss auch mein Kalender für alle einsehbar sein. Das erfordert Mut, führt aber zu einem positiven Paradox: Ich bin der gläserne Manager, und gerade das macht mich freier.

Nur: Wie weit soll man gehen? Ist „Laternenbasteln“ ein Eintrag, den meine Mitarbeiter wirklich sehen sollten? Oder „Babysitter – romantischer Abend zu zweit?“ Der fortgeschrittene Kalender-Jongleur entscheidet sich stattdessen punktuell für Codenamen und Scheintermine. Ist diese Schwelle einmal überschritten, eröffnen kleine Mogeleien Raum zum Durchatmen. Einfach mal „Business-Lunch mit M.“ eintragen und mittags in Ruhe spazieren gehen. Alle paar Wochen „Präsentation vorbereiten“ blocken und abends früher mit der Tochter spielen. Einmal im Monat „Anreise Flughafen“ um 30 Minuten verlängern und den Tag entspannt im Café in die Sonne blinzelnd beginnen. Seidlitz hätte bestimmt nichts dagegen.