Kolumnen

Lufthansa Exclusive: Der große Kofferkampf

Was brauchen Geschäftsleute, wenn sie reisen? Der Experte rät zu einer flexiblen Grundausstattung – und viel Gelassenheit

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  • November 2016

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Walter stöhnt. Wuchtet seinen kleinen Rollkoffer auf den Tresen der Security und fängt an auszupacken: Laptop, iPad, Kulturbeutel. Schaffe ich alles ins Handgepäck, sagt er, bisschen quetschen, passt. Wir sind für drei Tage gemeinsam auf Dienstreise. Zwei Übernachtungen, mehrere Präsentationen, Kundentermine. Ich schaue unauffällig in seinen Koffer, sehe ein zerknittertes Hemd, Unterwäsche, Bücher, Unterlagen in Klarsichthüllen …

Bei dem Spiel bin ich raus. Ich reise ohne Koffer, so „light“ wie möglich. Alle Dokumente nur digital, eBooks statt Papierbücher. Kleidung, die beim Kunden auch nach Feierabend funktioniert. Klar, auch ich mag nicht am Gepäckkarussell warten. Aber alles hat seine Grenzen. Die Horden schwitzender Geschäftsleute, die mit irrem Blick versuchen, immer voluminösere Carry-on-Köfferchen ins Gepäckfach zu stopfen, sind kein schöner Anblick. Ich nehme bis zu einer Übernachtung die Shorthauler-Schultertasche von Porter, bei zwei Übernachtungen die Reisetasche derselben Marke. Ab drei Nächten kommt mein Rimowa zum Einsatz – eine Größe über Carry-on.

Den brauche ich, weil ich bei einer so langen Geschäftsreise auch mal laufen gehen will. Und wie ich Unterwäsche, Socken, Jeans, T-Shirts, Pullover, Wechselhemd, Kulturbeutel und Sportsachen inklusive Laufschuhe ins Handgepäck bekommen soll, ist mir ein Rätsel. Dabei trage ich den Anzug und die Businessschuhe ja schon am Körper. Laptop, Adapter, Netzteile und Kopfhörer in der Umhängetasche. Aber bei drei Tagen unterwegs will ich auch mal die Schuhe wechseln können. Kurz: Für die Manie des Immer-leichter-Reisens bin ich langsam zu alt.

Moderne Business-Gurus wie Tim Ferriss beweisen in Videos, dass sie mit Jacken, die man zu winzigen Päckchen falten kann, und antibakterieller Unterwäsche, angeblich tagelang zu tragen – kombiniert mit „BIT“ („Buy it there“ – also: Dinge vor Ort kaufen, statt sie mitzuschleppen) –, nur mit Handgepäck mehrere Wochen lang durch Asien reisen. Nichts für mich. Ich möchte unterwegs mein Rasieröl benutzen. Ich besteige kein Flugzeug ohne Schlafbrille und Ohropax. Ich bin der Meinung, dass das Mitführen die Ohrmuschel umschließender Kopfhörer (ich benutze ein zusammenklappbares, ursprünglich für DJs entworfenes Modell der Marke AKG) zur zivilisatorischen Mindestanforderung mobiler Menschen gehört. Wer schon mal einen Flug lang neben einem Speed-Metal-Fan mit In-Ear-Stöpseln gesessen hat, der weiß, was ich meine.

Um Reisen, selbst kurze, für sich und andere erträglich zu machen, braucht es also eine Grundausstattung. Und die passt nun mal, nimmt man seine Bedürfnisse ernst, nicht in die Reisetasche. Warum ich denn nicht einen dieser kleinen Rollkoffer benutze, die als Handgepäck durchgehen, und die man im Flughafen wie einen Schoßhund hinter sich herführt? Weil da auch nicht mehr reinpasst. Und weil ich es unmännlich finde. Nennen Sie mich chauvinistisch, aber so lange ich es auf eigenen Beinen zum Gate schaffe, trage ich meine Tasche selbst.

Vielleicht habe ich zu viele Prinzipien rund ums Reisen entwickelt. Aber für mich sind all das nur Routinen, um Komplexität zu reduzieren. Reisen ist anstrengend genug, da will ich alle Aspekte kontrollieren, die ich in der Hand habe. Meine Shorthauler-Tasche ist stets gepackt, einfach Laptop rein, los geht’s. Zum Flughafen fahre ich immer mit MyTaxi. Hier ein Tipp: unter „Bestelloptionen“ am besten „Mercedes-Benz Taxi“ und „5-Sterne-Taxi“ auswählen – kostet nicht mehr, aber es kommen gepflegtere Wagen und nettere Fahrer.

Sind im Flugzeug die Anschnallzeichen erloschen: sofort Laptop raus, Kopfhörer auf, arbeiten. Die geplanten Treffen vorbereiten: Wer ist mein Gesprächspartner, was genau will ich erreichen? Oder der Klassiker: E-Mails beantworten, das Posteingangsfach leeren – das Ergebnis synchronisiert sich nach der Landung. Wenn ich wirklich zu erschöpft bin: Serie weiterschauen (zurzeit: „Silicon Valley“ und „Game of Thrones“).

Die Knabbereien lehne ich prinzipiell ab – es ist schwer genug, sich unterwegs halbwegs ordentlich zu ernähren. Da sehe ich eine massive Marktlücke für alle Airlines: gesunde Snacks! Wer viel reist, sollte sich ein tägliches Fitness-Regime angewöhnen, für das man keine Ausrüstung braucht – Liegestütze und Sit-ups kann ich in jedem Hotelzimmer machen, auch beim Zwei-Tages-Trip, wenn ich keine Laufschuhe dabeihabe.

Ach, wie glamourös mir als Jugendlicher das Jetset-Leben erschien! Dass ich auch heute noch anonyme Orte wie Flughäfen und Züge mag – Soziologen sprechen von „Third Places“ –, ist ein sentimentales Überbleibsel aus dieser Zeit. Ich weiß aus leidvoller Erfahrung, dass Geschäftsreisen heute nicht romantisch sind, sondern meist nervig, gehetzt, beengt. Und doch versuche ich mir einen Teil meiner kindlichen Begeisterung zu bewahren. Und das lasse ich mir weder von einer Diktatur des travel light noch von hässlichem Rollgepäck kaputtmachen.