Kolumnen

Lufthansa Exclusive: Die ewigen Schüler

Chefs haben Coaches und Personal Trainer, besuchen Kurse, Seminare und Workshops. Ist das fair? Und: Lohnt sich das denn?

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  • Juni 2017

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Das Gehirn, sagt Tornblom. Der Hypothalamus. Die Amygdala. 20 Manager sitzen im Kreis, schauen auf ihre Charts und nicken. Wir haben im Grunde drei Gehirne, sagt sie. Erklärt dann, wie das Reptilienhirn auf Stress reagiert, was permanente Anspannung mit uns macht und warum Neuroplastizität uns erlaubt, das Hirn zu trainieren wie einen Muskel. Die eine Hälfte der Zuhörer ist fasziniert, macht sich Notizen, fragt nach. Die andere Hälfte demonstriert „Kenn ich alles schon“. Nach dem Vortrag stehen die Führungskräfte beim Espresso zusammen und diskutieren, wie man Neurowissenschaft, Verhaltensökonomie und Künstliche Intelligenz zusammenbringen kann, um den steigenden Stress des modernen Wissensarbeiters zu bekämpfen. Löblich, denke ich, aber dann fällt es mir auf: Es ist Donnerstagnachmittag, und hier wirkt gar keiner gehetzt. Es wird scheinbar auch keiner im Büro vermisst. Nach dem Kaffee der nächste Vortrag, jetzt geht’s um alternative Währungen wie Bitcoin oder Ethereum.

Finde ich ja spannend, lege danach auch gleich für ein paar Euro beides ins Depot, um das mal ausprobiert zu haben. Aber dieses permanent schlechte Gewissen, dass ich mitten in der Woche besser beim Team sein müsste, dass ich hier Arbeitszeit verplempere, es bleibt. Die 86 ungelesenen E-Mails, WhatsAppund Slack-Nachrichten auf meinem Handy bleiben ebenfalls. Aber ich bin tapfer – jetzt keine Anrufe. Die anderen lassen ihre Telefone auch in der Tasche, da würde ich jetzt nur unangenehm auffallen. Außerdem will ich ja etwas lernen.

Am Ende der Veranstaltung bleibt bei mir trotzdem das, was Tornblom „kognitive Dissonanz“ nennen würde. Auf der einen Seite bin ich – wie wohl alle Chefs – komplett durchgetaktet, sitze in lauter Terminen, deren Agenda schon Tage vorher abgestimmt wurde, sodass auch mein Beitrag nur das Ölen der laufenden Maschine sein kann. Auf der anderen Seite will und muss ich stets Neues lernen, brauche Input, Inspiration, Irritation. Um als Mensch glücklich zu bleiben, als Dienstleister interessant, als Unternehmer konkurrenzfähig. Dieses Auftanken mit Wissen hole ich mir am liebsten, indem ich Sachen selbst teste. Aber das kostet Zeit, Zeit ist knapp, und natürlich kann ich nicht täglich die Kursentwicklung von Ethereum verfolgen. Deshalb sind Tage wie dieser – kompakte Druckbetankung mit absurdem, faszinierendem, hochmodernem Zeugs – so wichtig. Wo sonst hätte ich Per Håkansson kennengelernt, einen weltweit tätigen Unternehmer, der vor ein paar Jahren fast seinen gesamten Besitz verkauft hat, nur noch in Airbnb-Wohnungen lebt und weiß, wie man online ein Gewerbe in Estland anmeldet?

Produktiv sein („Getting shit done“, wie Per das in schönstem Silicon-Valley-Slang nennt), aber auch die mentalen Batterien wieder aufladen – diese Extreme auszubalancieren ist schwer. Einerseits ist das für mich einfacher als für die meisten Arbeitnehmer. Kaum eine Berufsgruppe bekommt so viel Weiterbildung wie Führungskräfte. Sie werden auf Akademien geschickt und auf Fast Tracks gesetzt. Haben Coaches, Personal Trainer, dürfen Workshops, Seminare und Konferenzen besuchen. „Für Führungskr.fte und Mitarbeiter im Vertrieb wird in der Weiterbildung am meisten Geld ausgegeben“, sagt Peter Schettgen, Direktor des Zentrums für Weiterbildung und Wissenstransfer der Universität Augsburg. „Macht und Umsatz sind den Unternehmen offenbar am wichtigsten.“

Ist das fair? Warum ist Personalentwicklung an der Spitze des Organigramms so viel selbstverständlicher als unten? Dass ich in einem smart eingerichteten Workshop-Raum mit Menschen aus aller Welt über Anti-Stress-Strategien diskutiere, während im Büro die Kollegen gerade wirklich gestresst sein dürften, ist hierarchisch begründet, eindeutig ein Privileg. Auf der anderen Seite sind Chefs in der Regel stärker in alle operativen Prozesse eingebunden. Die To-do-Liste ist immer voll, jede Minute muss maximal effizient genutzt werden. Früher, als ich Angestellter oder Freiberufler war, habe ich mich um jede Dienstreise gerissen, bin in jedes Flugzeug und jeden Zug gestiegen, ob nach New York, Seoul oder Bargteheide – allein weil ich Lust darauf hatte, neue Dinge zu sehen, andere Menschen und Kulturen kennenzulernen. Heute überlege ich mir dreimal, ob ich es mir leisten kann, an der superspannenden Konferenz über die Ethik selbstfahrender Autos in San José teilzunehmen, die wir für einen Kunden organisieren. Ich würde jede Menge lernen. Aber es ist so viel anderes zu tun. Also fahre ich nicht. Pflicht schlägt Neugier. Schade eigentlich.

Nach all der Horizonterweiterung waren wir an jenem Tag dann doch noch produktiv, wir haben ein Manifest zum Thema „Neues Arbeiten“ verfasst. Den Ehrgeiz, hier mutige Thesen zu formulieren, besaßen wir wahrscheinlich nur im Freiraum des Workshops und dank der Inspiration der Referenten. Das vollständigere Mantra zeitgemäßer Führung müsste also vermutlich heißen: Learn stuff and get shit done!