Kolumnen

Lufthansa Exclusive: Die innere Sicherheit

Warum leisten einige Teams im Job mehr als andere, bei gleichen Vorausetzungen? Die Antwort ist so simpel wie überzeugend

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  • August 2016

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Teambuilding, sagt Schöller, seine Augen strahlen: eine Wissenschaft. Und ich beherrsche sie. Triumphierend hebt er sein Glas Grauburgunder wie einen Siegerpokal. Die richtige Mischung macht’s, sagt er: Du kannst nicht nur Top-Perfomer zusammenpacken, die zerfleischen sich gegenseitig. Aber auch nicht nur Soldaten, da geht nichts voran. Du brauchst intro- und extrovertierte Typen, musst die verschiedenen Qualifikationen in den Mix bekommen. Und einen starken Käpt’n, der alle mitzieht. Er nimmt einen Schluck, denkt kurz nach: Eigentlich wie beim Fußball, und ich bin der Trainer.

Schöller ist CEO eines IT-Mittelständlers. 400 Leute, Hardware und Services, Vertrieb und Beratung, Produktentwicklung. Er spricht gern von vertikalen Märkten und neuen Revenue-Streams, von Kundenbindung und Effizienzsteigerung. Aber am liebsten spricht er von seinen Teams. Bei jedem Vorstellungsgespräch ist er dabei. Regelmäßig vergleicht er die KPIs, also Kennziffern, um die Leistung der verschiedenen Mannschaften zu vergleichen. Steigt ein Team ab, steuert Schöller sofort gegen: Mit Offsites, Incentive-Packages, Teambuilding-Events. Da strahlt er wieder. Quadfahren, Kamelreiten, sagt Schöller, alles schon gemacht: Whiskeytasting, Trapezturnen …

Das Glas ist leer, Schöller schenkt nach und schaltet vom Präsentations- in den Vertraulichkeitsmodus. Weißt du was, sagt er, ich schaue mir manchmal die Zahlen an, und ich kann kein Muster erkennen. Komisch, oder? So, so, denke ich, in Wahrheit hat der Mann also keine Ahnung, warum ein Team erfolgreicher ist als das andere. Aller Trainer-Rethorik zum Trotz tappt er im Dunkeln. Dabei ist die Frage ja interessant: Warum sind manche Teams erfolgreich – und andere nicht?

Vor nicht allzu langer Zeit haben sich ein paar kluge Köpfe bei Google dasselbe gefragt. Auch bei ihrem Arbeitgeber gab es diese gängigen Meinungen zum Thema – die besten Teams schafft man, indem man die besten Leute zusammenbringt, zum Beispiel. Oder: Die Mitglieder eines erfolgreichen Teams sind auch privat befreundet. Oder: Am besten steckt man alle Introvertierten in ein Team. Aber es stellte sich heraus, dass niemand jemals überprüft hatte, ob diese Thesen stimmen. Das ist ungewöhnlich, weil Google ja dafür bekannt ist, dass hier Meinungen nichts gelten, jede Aussage mit harten Fakten untermauert werden muss. Außer die über Teambuilding.

Das musste sich ändern, fand Abeer Dubey, der in der Analytics-Abteilung des Konzerns arbeitet. Er holte Statistiker, Organisationspsychologen, Soziologen und Ingenieure zum sogenannten „Projekt Aristoteles“ zusammen, um der Frage auf den Grund zu gehen, was Teams denn nun nachweislich besser macht. Auch die Google-Experten taten sich anfangs schwer. Sie verglichen Hunderte erfolgreicher Teams: Trafen sich die Kollegen auch privat? Hatten sie dieselben Hobbys, einen ähnlichen Bildungsgrad? Wie lang arbeiteten sie schon zusammen? War es wichtig, auf ein Gleichgewicht der Geschlechter zu achten? Das Dumme: Sie fanden keine Gemeinsamkeiten. Wir bei Google sind gut darin, Muster zu erkennen, sagt Dubey. Doch hier gab es keine starken Muster. Das Einzige, was wirklich zu zählen schien, waren die Normen und Regeln, die sich Gruppen selbst gaben. Allerdings galt auch hier: Erfolgreiche Teams hatten teils ganz unterschiedliche Normen.

Schließlich fanden die Google-Experten in einer Studie der Carnegie Mellon University den Schlüssel zur Lösung ihres Problems. Die Forscher hatten ein Konzept beschrieben, das sie „psychologische Sicherheit“ nannten. In Gruppen, wo diese hoch ist, haben alle Mitglieder etwa den gleichen Redeanteil in Diskussionen. Alle haben etwa das gleiche Maß an „sozialer Sensibilität“, sind also gleich einfühlsam und empathisch. Und genau darum arbeiten sie besser zusammen als andere.

Genau dies, stellte sich schließlich heraus, waren dann auch die einzigen Charakteristika, die erfolgreiche Teams bei Google gemeinsam hatten. Die empirisch belegte Voraussetzung für erfolgreiches Teambuilding ist, dass die Gruppe ein Ort ist, an dem sich jeder sicher fühlt, er selbst zu sein. Dass das Team keinen beschämt, ablehnt oder bestraft, der seine Meinung sagt. Es geht also, wie die Psychologen sagen, darum, ein Klima zu schaffen, in dem jeder dem anderen vertraut. In dem die Mitarbeiter sich als sie selbst wohl fühlen.

Noch einmal für die Schlaumeier unter den Chefs und Personalern: Alles andere ist egal. Es geht ausschließlich um offene Kommunikation und Empathie. Bloß: Kann ich das Schöller jetzt einfach sagen? Er gibt doch so viel Geld für seine Incentive-Reisen aus. Ist so stolz auf seinen Trainerstatus. Ich bringe es nicht übers Herz, versuche es lieber über Bande: Ist doch toll, sage ich, dass deine Leute dir so komplett vertrauen, dass du weißt, was das Beste für sie ist. Ich schaue, ob er die Botschaft mitbekommt. Tut er nicht. Nickt stattdessen, rotwangig und gerührt. Ja. Toll, oder?