Kolumnen

Lufthansa Exclusive: Die Reichweite des Chefs

Wie aktiv muss ich Social Media nutzen, wie viele Follower brauche ich, um als wichtig zu gelten? Und will ich das überhaupt?

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  • Februar 2016

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Zeit für ein Geständnis: Ich hab’s getan. Peinlich? Nur wenn man erwischt wird. Oder es zugibt. Was ich jetzt einfach mal tue: Ich habe mir Twitter-Follower gekauft. 3000 für 10 Dollar. Kerns Kuchengabel bleibt in der Luft stehen. Aber warum? Du hattest sowieso schon eine Menge Follower. Und du hast was zu sagen. Seine Gabel sinkt auf den Teller, den Apfelkuchen hat er vergessen.

Ich bin seit gut sieben Jahren auf Twitter, und die Zahl meiner Follower wuchs über die Zeit langsam, aber stetig an. Organisch, wie es im Jargon heißt. Einige, die meine Tweets nicht interessieren, gehen weg. Andere, die auf meine Themen stoßen, kommen dazu. Der Saldo ist unterm Strich positiv. Und dann erschien vor ein paar Monaten diese Nachricht auf meinem Handy: Kaufen Sie sich Follower, stand da. Eine Spam-Botschaft, die man normalerweise löscht. An diesem Tag war ich experimentierfreudig, habe einfach mal draufgeklickt. Kurz: Es war irrsinnig einfach. Gewünschte Anzahl der Follower auswählen. Mit PayPal zahlen. Eine Stunde später fing der Zustrom an.

Man muss sagen, dass ich gern Dinge ausprobiere, über die andere theoretisieren. Als ich mein erstes Buch über mobiles Arbeiten schrieb, habe ich das mit dem Laptop am thailändischen Strand und in der norwegischen Schneehütte getan. Als alle über „Virtuelle Persönliche Assistenten“ sprachen, habe ich mir eine Woche lang von Sneha aus Bangalore und Marta aus dem polnischen Wielun meine Plätze in Restaurants reservieren und Reisen buchen lassen. Jetzt also: Twitter-Follower kaufen.

Es gibt zwei Haken an der Sache. Erstens bekommt man nicht so viele, wie man bestellt. Von den 3000 georderten kamen nur etwa 2000 an. Zweitens bleiben die nicht. Nach und nach entfolgten mich die Menschen wieder, von denen dem Namen nach viele aus Südostasien kamen. Nach etwa drei Wochen war mein Follower-Stand wieder der alte. Und ich froh, dass der Spuk von selbst wieder verschwand. Wer mit derartigen Methoden aber tatsächlich seine angebliche Reichweite aufpolstern will, kommt in einen verhängnisvollen Sucht-Kreislauf: Alle paar Wochen braucht es den nächsten Schuss, um high zu bleiben.

Dass es solche Angebote gibt, liegt am leidigen Thema der Online-Reputation. Privatleute finden es ganz nett, viele Social-Media-Kontakte zu haben. Für Marken und Unternehmen hingegen ist es eine zentrale, wenn auch umstrittene Größe zur Messung ihres Marketingerfolgs geworden. Und weil wir Menschen uns ja im Berufsleben inzwischen auch als Marken inszenieren sollen (woran ich durchaus glaube), ist es vor allem für Experten wichtig geworden, Popularität und Einfluss durch möglichst hohe Follower- oder Freundes-Zahlen zu demonstrieren.

Aber, fragt Kern, den Kuchen hat er verputzt, gilt das auch für Chefs? Als Führungskraft ist doch vornehme Zurückhaltung geboten. Ein bisschen Unnahbarkeit schadet nicht. Das galt früher, sage ich. Heute fragen sich, einige vielleicht nur heimlich, doch alle: Muss ich auf Facebook und Twitter sein? Was ist mit Xing, LinkedIn, Google+? Und falls ja: Wie viel muss ich veröffentlichen – und was? Wie viele Follower/Freunde brauche ich, um als „Influencer“ zu gelten? Will ich das überhaupt sein? Soll ich meine eigene Meinung vertreten oder die der Firma? Immer zu meinem Fachgebiet posten oder auch mal Urlaubsfotos?

Vor ein paar Jahren musste auch nicht jeder bloggen, aber jene, die etwas zu sagen hatten, taten es eben. Genau so muss heute natürlich kein Chef Social Media nutzen. Aber wer etwas zu sagen hat, ist eben aktiv. Ich folge zum Beispiel Marc Andreessen und Elon Musk, Peter Thiel und Chad Fowler, Konstantin Guericke und Scott Dadich, Gary Vaynerchuk und Benedict Evans. Alle viel beschäftige Manager oder Unternehmer, die sich aber die Zeit nehmen, ihr Wissen zu teilen, und die Größe haben, ihre Meinungen zur Diskussion zu stellen.

Na gut, sagt Kern, aber wenn sich alle Reichweite kaufen, rein als Statussymbol, dann wird das doch total beliebig. Da hat er natürlich recht. Twitter hat jüngst das bulk following verboten, also die Technik, auf einen Schlag Zehntausenden von Menschen zu folgen, von denen natürlich einige zurückfolgen. Der Trickser „entfolgte“ dann alle wieder und hatte unterm Strich an Reichweite gewonnen. Aber Schummeln ist nicht nachhaltig.

Online geht es um Klasse statt Masse, um die Qualität der Konversation. Vor ein paar Jahren war ich – wie damals alle – für kurze Zeit besessen davon, meinen sogenannten Klout-Score nach oben zu treiben, angeblich eine Maßeinheit dafür, wie wichtig ich in der digitalen Welt bin. Bis ich merkte, dass Klout bloß die Menge der Posts misst, ich also weniger wert bin, wenn ich nicht viermal am Tag etwas mit der Welt teile. Ist natürlich Quatsch. Was bleibt? Man sollte darüber schreiben, was einen interessiert. Und andere gut aussehen lassen. Die einzigen Tricks, die funktionieren, sind Leidenschaft und Großzügigkeit. Glaubwürdigkeit und Demut. Kern grinst: Nicht gerade Eigenschaften, die den typischen Chef auszeichnen, oder?