Kolumnen

Lufthansa Exclusive: Digitaler Wildwuchs

Wer sich in den Dschungel der ständigen Kommunikation begibt, kommt darin um. Nur wer sich beschränkt, wird errettet

Erschienen:

  • April 2016

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Julian ist genervt. Ständig macht es Ping, sagt er. Wenn ich das Büro verlasse und nach Hause radele, dann sind allein in diesen 20 Minuten wieder sieben oder acht Notifications auf meinem Handy angekommen. Die E-Mail-Flut, sagt er, ist ja schlimm genug, aber an die habe ich mich gewöhnt. Jetzt kommen diese neuen Kanäle dazu. Wir sitzen in einem Private-Members-Club in Berlin-Mitte, weiche Sofas, schwerer Rotwein und Telefonierverbot. Trotzdem schaut hier fast jeder auf ein Handy oder einen Laptop. Siehst du, sagt Julian: Es hört nie auf. Im Gegenteil, es wird immer mehr. Julian ist systemischer Change-Experte, berät große Unternehmen zu fetten Tagessätzen. Sein Handy vibriert. Ich sehe seine Hand zucken, sehe, wie viel Willensanstrengung es ihn kostet, nicht auf den Bildschirm zu schauen.

Das eigentliche Versprechen der „Neuen Arbeit“ war es ja, mit neuen, intelligenteren Arbeitsweisen effizienter zu sein. Zu arbeiten, wann und wo man am produktivsten ist. So die Arbeit von acht Stunden in fünf zu erledigen und danach frei zu haben. Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus: Wir quetschen immer mehr in unseren Tag, stehen ständig unter Strom, schalten nie ab. „Arbeitsverdichtung“ nennen Experten das. Klingt harmlos, ist es aber nicht. Schon weil die Arbeit längst auch unser Privatleben erreicht hat. „Lebensverdichtung“ wäre ein passenderer Begriff. Ohne feste Kernarbeitszeiten betätigen sich die Menschen ständig ein bisschen: Alle E-Mails und Anrufe, die wir außerhalb unserer Arbeitszeit beantworten, sorgen für Stress.

84 Prozent aller Berufstätigen in Deutschland sind erreichbar, nachdem sie das Büro verlassen haben. 46 Prozent geben an, keine Fünf-Tage-Woche zu haben, sondern auch abends und an den Wochenenden zu arbeiten. 20 Prozent arbeiten mit ihrem Smartphone, Tablet oder Computer, kurz bevor sie schlafen gehen. Kein Wunder also, dass über 50 Prozent regelmäßig Schlafprobleme haben. Dass psychische Erkrankungen, die wohl auf Stress zurückzuführen sind, seit 1994 um 120 Prozent gestiegen sind. Und sich die Fehlzeiten durch psychische Erkrankungen in den letzten zehn Jahren um 40 Prozent erhöhten. All das kostet die Wirtschaft 225 Milliarden Euro pro Jahr.

Das betrifft mich persönlich: In unserem Unternehmen versuchen wir, viele Ideen der „Neuen Arbeit“ umzusetzen. Möchte jemand morgens später reinkommen, weil er Handwerker im Haus hat, oder früher gehen, um das Kind von der Kita abzuholen, ist das kein Problem. Zwischendurch mal einen Tag Homeoffice? Klar! Alle Workflows sind digitalisiert. Dank Web-basierter Kollaborationsplattform kann ich unterwegs alle relevanten Dokumente aufrufen, können meine Mitarbeiter mir Dinge zur Freigabe aufs Handy schicken. Ich bin im Zug, am Flughafen oder im Restaurant genauso produktiv wie im Büro.

Der Nachteil: Ich kann überall und immer arbeiten, also tue ich das auch. Weil die Kollegen mein Feedback brauchen. Weil sich die Kernarbeitszeit auch bei unseren Kunden so weit aufgelöst hat, dass der eine morgens um acht telefonieren will und der andere abends um neun noch mailt. Aber ebenso, weil es, verdammt noch mal, eine Sucht ist. Hier swipe ich, ich kann nicht anders. Früher waren wir „chained to the desk“, also: an den Schreibtisch gekettet. Dass wir diese Ketten abstreifen können, habe ich immer geglaubt – habe sogar zwei Bücher über die befreite neue Arbeitswelt geschrieben. Nun sehe ich mit Grausen, dass wir sie durch flexiblere und längere, aber festere Ketten ersetzen: Wir sind „chained to the screen“.

Und, sagt Julian ungeduldig, was ist jetzt die Lösung? Ich bin auch nicht sicher. Wahrscheinlich müssen wir uns auf radikal neue Kulturtechniken einigen, um mit all den neuen Werkzeugen umzugehen. Bis wir so weit sind, können wir nur versuchen, die neue Kommunikationstechnologie wie einen digitalen Garten ständig zu stutzen. Also: regelmäßig Twitter-Follower entfolgen und Facebook-Freunde ausblenden, wenn sie den Stream zumüllen. E-Mail-Newsletter nicht nur löschen, sondern ab-bestellen – damit bin ich übrigens seit Weihnachten beschäftigt und klicke immer noch mindestens dreimal am Tag auf „Unsubscribe“ … unfassbar, auf wie vielen Verteilern ich war, von allerlei Weinversendern und Hotels bis zu öden Pressemitteilungen und dubiosen Veranstaltungshinweisen.

Was ist noch zu tun? Mit den Kollegen absprechen, bei welchen Kommunikationen sie uns in Kopie nehmen sollen. Noch wichtiger: bei welchen nicht. Allen beibringen, nur in dringenden Fällen anzurufen. Neben der To-do-Liste auch eine Not-to-do- Liste pflegen. Immer wieder wild wuchernde, aber unansehnliche Pflanzen rausreißen: Snapchat und Periscope haben ihren Reiz, aber meine Aufnahmefähigkeit ist nun mal begrenzt. Julian nickt, lächelt gequält. Seine Augen zucken schon wieder in Richtung Gerät. Das Smartphone vibriert wieder. Ich habe Mitleid und gehe auf die Toilette. Kaum bin ich aufgestanden, sehe ich aus dem Augenwinkel, wie er manisch auf dem Handy herumzutippen beginnt.