Kolumnen

Lufthansa Exclusive: Ein Schluck für den guten Zweck

Die Minibar im Chefbüro hat ausgedient, doch wer gesellig mittrinkt, macht eher Karriere – wo liegt nun die goldene Mitte?

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  • Juni 2018

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Languedoc? Pranck schaut von der Weinkarte auf. Ich nicke. Wird gut zum Entrecôte passen. Wir nehmen natürlich eine Flasche. Pranck und ich haben uns lange nicht gesehen, entsprechend gibt es viel zu erzählen. Auf der Terrasse hatten wir gerade einen Crémant in der Abendsonne, das brachte unser Gespräch gleich auf Betriebstemperatur. Pranck hat mal eine Zeitlang auf Alkohol verzichtet. Wurde zu viel, sagt er, paarmal übel abgestürzt. Jetzt trinkt er wieder, in Maßen, was ich gut finde. Heute, beim Franzosen, bei einem langen Gespräch zwischen alten Geschäftsfreunden, ganz nüchtern zu bleiben, fände ich mindestens schade. Der Wein kommt, er ist gut, und wir prosten auf die Ironie, dass wir mal wieder leicht angeschickert eines dieser langweiligen Eigentlich-müsste-man-weniger-trinken-Gespräche führen.

In Wahrheit sind ja Kaffee und Alkohol die Schmierstoffe des Business, ob man das mag oder nicht. „Nothing works here without coffee“, hieß es mal in einer Fernsehwerbung, dazu Bilder von Menschen auf dem Weg ins Büro, in Meetings, beim Geschäftsessen. Man könnte auch „Nothing works here without wine“ sagen, aber das klänge doch unpassend. Dabei haben Ökonomen der Universität Düsseldorf belegt, dass moderater Alkoholkonsum den beruflichen Erfolg steigert. Der Grund ist das Phänomen des Social Drinking: Geteilter Rausch stärkt das Vertrauen.

Durch die Brille der Informationsökonomie gesehen, handelt es sich hier um ein sogenanntes Signalling, mit dem wirtschaftliche Akteure versuchen, die Probleme einer Marktsituation zu lösen, in der die eine Seite mehr Informationen hat als die andere, was die Gefahr der „Adversen Selektion“ birgt, einem für beide Seiten unbefriedigenden Marktergebnis. Der US-Wirtschaftswissenschaftler George A. Akerlof hat das 1970 erstmals anhand von Gebrauchtwagen beschrieben – und dafür später den Nobelpreis bekommen.

Zwischen zwei Menschen herrscht beständig eine solche Informationsasymmetrie. Daher versucht in einer Geschäftssituation der Anbieter, Signale zu senden, welche die Unsicherheit der anderen Seite verringern, um diese zu einem Vertragsabschluss bewegen. Und Alkohol kann eben signalisieren, dass man ein kooperativer, produktiver Geschäftspartner ist. „Alkoholkonsum lässt Leute tendenziell (unwillentlich) die Wahrheit sagen“, so die Düsseldorfer Forscher in ihrer Studie, „folglich kann Social Drinking als ein Signal in sozialen Kontaktspielen dienen“.

Das klingt plausibel, aber auch ein bisschen altmodisch. Immerhin nimmt die Akzeptanz kultureller Artefakte wie der Minibar im Chefbüro oder dem guten alten boozy lunch dramatisch ab. Stets schwankende Vorgesetzte, die ihren Kater auf dem Bürosofa ausschlafen, sind bei „Mad Men“ lustig anzuschauen, aber eben als Blick in vergangene Zeiten. Rausch und Ruhm gehören fast nur noch im Fiktionalen zusammen: Ob in Serien wie „30 Rock“, „Downton Abbey“, „Game of Thrones“ oder damals „Dallas“ – Mächtige werden gern mit Whiskeyglas in der Hand dargestellt oder gleich mit Rotweinkaraffe. Diese Ikonografie ist passé. Führungskr.fte inszenieren sich heute eher über den gemeinsamen Konsum von Cold-Press- Säften mit Chia-Samen als über Martinis. Die Zeitschrift Monocle fragte in ihrem Interview-Format „How I manage“ viele Chefs, wie sie es mit dem Glas Wein zum Lunch halten. Fast keiner stimmte freudig zu, nicht mal die Franzosen.

Bei all dieser demonstrativen neuen Nüchternheit könnte die ökonomische Funktion des Alkohols verloren gehen, überlegen Pranck und ich. Unsere Flasche ist fast leer. Heute Abend funktioniert das soziale Trinken eindeutig noch. Aber was ist mit dem – klar problematischeren – einsamen Trinken? Der Populärphilosoph Alain de Botton schreibt über die Freuden und Mühen der Arbeit, dass der moderne, stets gestresste Wissensarbeiter ohne die obligatorische halbe Flasche Rotwein am Abend gar nicht runterkommen könne. Weil Arbeit sich immer stärker verdichtet, dürfte dieser Effekt sich noch verstärken, behaupte ich. Pranck verweist auf einen unvermeidlichen Teufelskreis: Gegen den leichten Kater am Morgen hilft viel Kaffee im Büro. Gegen den Koffein-Rush muss abends ein Bier her. Und so weiter, im immergleichen Rhythmus der Arbeitswoche.

Aus dieser traurigen Routine auszusteigen, muss ja nicht erfordern, ganz abstinent zu leben. Was vor allem angesichts der ökonomischen Vorteile des moderaten Alkoholkonsums auch kein rationales Verhalten wäre. Spätestens beim Geschäftsessen in Italien oder dem Karaoke-Abend in Japan schadet allzu strenges Maßhalten dem Kontakt zum Kunden.

Aber die Frage stellt sich natürlich doch: Wie schafft man es, dass aus dem entspannten Feierabendglas nicht drei oder vier werden? Und, noch weit schwieriger, wie sagt man Kollegen oder Geschäftspartnern, dass sie mal kürzertreten könnten? Pranck und mich ernüchtern diese Überlegungen immerhin so weit, dass wir auf die zweite Flasche verzichten und stattdessen einen Spaziergang durchs nächtliche Berlin machen. Auch das kann vertrauensbildend, auf eigene Art berauschend sein. Und am nächsten Morgen dankt’s der Körper. Wir sind ja keine 18 mehr.