Kolumnen

Lufthansa Exclusive: Ein Tritt in die richtige Richtung

Leidet das Renommee, wenn der Chef mit dem Fahrrad kommt, wächst es gar? Unser Experte plädiert für mehr Liebe zum Rad

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  • März 2018

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Parkplatz, schnauft Susanne und lässt sich in die Polster plumpsen. Geht ja gar nicht hier. Sie wirft demonstrativ ihren Schlüsselbund auf den Tisch. Totales Halteverbot, sagt sie, und grinst verschwörerisch: Wie ist das hier mit Tickets? Ich zucke die Schultern. Keine Ahnung, wie pflichtbewusst das Ordnungsamt hier kontrolliert. Ich käme nie auf die Idee, im Zentrum einer deutschen Metropole mit dem Auto zu einem Termin zu kommen. Vielleicht mit dem Taxi, wäre ich von außerhalb. Zur Not mit U-, S- oder Straßenbahn, wenn die City, wie in München oder Zürich, vom Flughafen aus gut angebunden ist. Aber in der eigenen Stadt – wir wohnen beide in Berlin – fahre ich natürlich: Fahrrad.

Ja, auch bei Regen oder Schnee. Ja, auch zu geschäftlichen Terminen. Ja, auch als Chef. Gerade als Chef. Und, nein: Ich habe keinen Dienstwagen. Auch wenn mir theoretisch einer zustehen würde. Doch ich fahre gerne Rad. Wobei ich damit unter Führungskräften vermutlich zur klaren Minderheit gehöre. Susanne Kommunikationschefin eines großen Tech-Unternehmens, genießt alle zwei Jahre das Privileg, sich eine neue, absurd motorisierte Riesenkiste aussuchen zu dürfen. Beim letzten Modell hat sie mich gefragt, was ich davon halte. Irgendwo zwischen russischem Ölmagnaten und Hamburger Lude, habe ich gesagt. Gelacht haben wir beide, sie hat den Wagen natürlich trotzdem genommen.

Ich glaube, Menschen wie Susanne bemitleiden mich heimlich, wenn ich mein Rad vor dem Restaurant an der Laterne ankette, die Regenjacke an der Garderobe abgebe, während ihr Anzug oder Kostüm im Ledersitz des Luxusgefährts nicht mal zerknittert wurde. Und natürlich will ich auch niemandem das Autofahren madig machen. Zwischen uns liegen halt Welten, besser: Weltanschauungen.

Dabei kann man den Disput auf drei nüchterne Aspekte reduzieren: Prestige, Praktikabilität, Puls. Gehen wir dieses Trio einmal durch: Die Frage, ob der Chef eher durch PS oder Pedale einen Imagegewinn erzielt, ist mindestens offen. Das Dienstwagenspiel („Meiner ist größer“) funktioniert in verblüffend vielen Teilen der sich doch angeblich gerade digital transformierenden deutschen Wirtschaft noch sehr gut. Zugleich wirkt es aber schon leicht abgestanden: Die fortschrittliche Führungskraft fährt mindestens Hybrid oder gar elektrisch, kennt Carsharing, ist eher kalifornisch-schlank als rheinisch-rund. Da passt das sportliche und umweltfreundliche Zweirad doch ziemlich gut ins Bild.

Wie praktisch es ist, per Pedalkraft ins Büro oder zum Termin zu kommen, fällt schon schwerer zu entscheiden. Häufig wohnen Chefs in renommierten Randlagen der Stadt, nicht im Zentrum. Wer von Othmarschen, Dahlem oder Grünwald reinpendelt, nimmt das Auto. Zwar kenne ich Unternehmer, die täglich mit der S-Bahn von Zehlendorf nach Mitte fahren, aber das mag nicht für jeden attraktiv sein. Wer aber halbwegs zentrumsnah wohnt, kann Fahrrad fahren. Nein, man ist im Sommer nicht nass geschwitzt – vorausgesetzt man rast nicht und ist halbwegs im Training. Und ja: Man kann auch im Anzug radeln, vorausgesetzt, man fährt das richtige Modell. Ich empfehle statt Hollandrad (zu lahm), Rennrad (zu unbequem im Business-Outfit) oder Tourenrad (zu spießig) entweder ein Singlespeeder, auch Fixie genannt, oder – meine Wahl – eine Mischung aus Porteur und Café Racer. Die Laptoptasche hat man auf dem Gepäckträger vorn stets im Blick, und so sieht die Kombination Anzug und Fahrrad sogar smart aus. Wer’s nicht glaubt, prüfe mein Facebook-Profilfoto.

Bleibt die Frage nach der Gesundheit. Hier kollidieren zwei große statistische Wahrscheinlichkeiten: Auf der einen Seite die positiven Herz-Kreislauf-Effekte täglichen Kardiotrainings. Auf der anderen Seite da Unfallrisiko im Großstadtverkehr. Beides ist empirisch belegt, beides wird energisch vertreten. Wer ist im Recht? Bei dieser Entscheidung hilft die Financial Times, die weltweite Studien zum Thema ausgewertet hat: In Großbritannien ist das Risiko eines tödllichen Verkehrsunfalls für Fußgänger relativ gesehen sogar höher als für Radfahrer. In New York sterben immerhin 3,8 von 10 000 Radlern, in London nur 1,1. Noch besser sieht es in Städten mit guter Fahrrad-Infrastruktur wie Amsterdam (0,4) oder Kopenhagen (0,3) aus.

Radfahrer atmen zwar mehr als doppelt so viele Rußpartikel wie Fußgänger ein, trotzdem überwiegen in 99 Prozent aller Städte der Welt die gesundheitlichen Vorteile die durch Luftverschmutzung verursachten Risiken. Klares Fazit der Financial Times: „Auf die gesamte Bevölkerung gesehen werden die Gefahren mehr als ausgeglichen durch die vielen Vorteile körperlich aktiven Pendelns, das für die meisten Menschen zu einer insgesamt erhöhten Lebenserwartung führen wird.“

Susanne bringen auch solche Zahlen nicht vom Autofahren ab. Wenn ich was für die Gesundheit tun will, trinke ich einen Smoothie, sagt sie, und bestellt gleich einen. Durchs Fenster beobachten wir, wie eine Politesse ein Strafmandat unter ihren Scheibenwischer klemmt. Susanne zuckt die Schultern. Immer noch billiger als ständig im Parkhaus stehen, sagt sie und lächelt unschuldig.