Kolumnen

Lufthansa Exclusive: Grenzen der Lässigkeit

Beim Dresscode im Geschäftsleben herrscht Chaos: Was darf man anziehen, was sichert Lob, was die Blamage?

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  • September 2016

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Martin ist wieder makellos: Er sitzt im schmal geschnittenen Smoking mit handgebundener Fliege auf der Hotelterrasse. Die Sonne lässt seine Lackschuhe blitzen. Wir wollen noch einen Drink nehmen, bevor wir auf den Empfang gehen. Black Tie stand in der Einladung, Martin weiß, was das heißt, außerdem ist er Agenturchef, und heute sind viele seiner Kunden da. Ich habe keine Lust auf Fliege, besitze keine Lackschuhe und komme im dunklen Anzug mit Einstecktuch. Geht gerade noch, findet Martin.

Was wir dann bei der Gala an Herrenmode sehen, geht aber nicht mehr. Schwarzes T-Shirt zu schwarzer Jeans. Braune Schuhe. Sogar Turnschuhe. Ja, es trifft sich hier die Kreativbranche, aber ein Wettbewerb, wer den schlechtesten Geschmack vorführt, sollte es nicht sein. Die Frage, was man zu welchem Anlass anziehen soll, treibt Männer heute mindestens so sehr um wie Frauen – und Chefs versuchen meist, sich mit einem von zwei Extremen aus der Affäre zu ziehen: extrem förmlich oder extrem lässig. Wobei Stil nicht zwingend Status bedeutet. Martin steht bei einem Sneaker-tragenden Inhaber, dessen Agentur viel größer und einflussreicher ist als seine.

Vor allem die Begeisterung deutscher Manager fürs Silicon Valley ist daran schuld, dass klassische Codes auf den Kopf gestellt sind: Der Bankangestellte trägt Anzug, der Tech-Milliardär hingegen Shorts und T-Shirt. Wer sich einen Schlips umbindet, muss damit rechnen, ins mittlere Management eingeordnet zu werden – die Chefs lassen das Hemd oft offen. Über die Frage, was genau der Gastgeber meint, wenn er den Dresscode mit „smart“ angibt, habe ich schon hitzige Telkos geführt.

Im Zweifel geht es um eine eigene Note und die richtigen Details. Ich achte, wenn ich jemanden kennenlerne, auf drei Dinge. Erstens: gute Schuhe – unfassbar, wie viele Manager praktische, klobige Treter tragen. Zweitens: die richtige Uhr – und damit meine ich nicht die teuerste. Auch jenseits von Patek Philippe und Glashütte gibt es zeitlose Klassiker. Meine Plexi-Submariner oder meine alte Speedmaster mit abgewetztem Lederband kann ich zu Anzug oder Sweatshirt tragen. Was nicht geht: riesige Angeberdinger, die erkennbar nur ein paar Hundert Euro kosten. Dann lieber eine billige Digitaluhr oder gar keine. Drittens: was die Engländer „Grooming“ nennen – zu übersetzen am ehesten mit: gepflegtes Äußere. Auch hier ist eher nicht die perfekte Föhnfrisur gemeint, aber auf seine Fingernägel und Nasenhaare sollte man schon ein wenig achten.

Die digitale Welt macht es zugleich schwieriger und einfacher, stilvoll aus dem Haus zu gehen. Schwieriger, weil die Hardware transportiert sein will – was unsere Sakkos ausbeult, uns zwingt, Taschen mit Kabeln und Adaptern herumzuschleppen. Und weil die riesige Auswahl im Internet ständig dazu verlockt, Quatsch zu kaufen. Im Sale verliere auch ich den gesunden Menschenverstand – und online ist immer Sale. Das extradicke rote Flanellshirt war zwar um 70 Prozent reduziert, aber ich werde es wohl nie anziehen. Das Digitale macht guten Stil zugleich einfacher, weil uns Online-Shops wie Mr Porter oder Yoox nicht nur zeigen, was es heißt, ordentlich angezogen zu sein, sondern auch eine umfassende Auswahl geschmackvoller Dinge bieten. Suche ich ein Paar Schuhe oder ein Hemd, bestelle ich mir fünf oder sechs, ich behalte eines. Dass wir uns früher mit dem begnügt haben, was der Herrenausstatter zufällig in unserer Größe vorrätig hatte, ist heute nicht zu fassen.

Wo ist der Ausweg aus dem Dilemma, dass keiner mehr sagen kann, welcher Look wann angemessen ist? Ich setze auf zwei Faustregeln. Die erste: Gut angezogen zu sein ist ein Zeichen von Respekt. Underdressed ist man schnell, overdressed fast nie. Im Zweifel nehme ich den Anzug. Die zweite: Klassiker sind besser als modischer Schnickschnack. Im Business-Teil meines Kleiderschranks finden sich ein paar schmale dunkle Jeans, dunkelblaue Sakkos (und eines aus leichtem Tweed, das ich mal unter schwerem Jetlag in Seoul gekauft habe und das – trotz des schwierigen Markennamens „Sieg“ – zu meinen Lieblingsstücken gehört), weiße und hellblaue Hemden, dunkle dünne Pullover mit rundem Halsausschnitt, Falke-Socken, braune und schwarze Brogues – dazu ein guter Regenmantel (ich habe irgendwann mal in einen Mackintosh investiert). Fertig.

In „Turn of the Century“, einem Roman von 1999, in dem Kurt Andersen ein präzises Sittengemälde der New Economy zeichnet, kommt eine Figur namens Bruce Helms vor. Helms ist als Chief Technology Officer im Start-up der Protagonistin einer der fortschrittlichsten Menschen – und zugleich der stilsicherste. Er trägt den immer gleichen taubengrauen Anzug von Brooks Brothers und weiße Button-down-Hemden wie ein spießiger Beamter von 1965 und liebt Blues von Robert Johnson. Dieser scheinbare Widerspruch hat mich damals schon fasziniert. Man muss nicht jedem modischen Trend hinterherlaufen, um zu beweisen, wie modern man ist. Eher gilt das Gegenteil.