Kolumnen

Lufthansa Exclusive: Im Zeichen der Blume

Die Zeit, in der wir auf Handy-Bildschirme starren, ist bald vorbei – aber sind wir schon reif für Augmented Reality?

Erschienen:

  • Dezember 2016

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Balzer und Kern stehen sich in einem halbdunklen Raum gegenüber. Balzer in blauem Anzug, weißem Hemd, Kern schon fürs Wochenende in Jeans und Blazer. Sie blicken auf einen Punkt zwischen ihnen, wo nur leerer Raum ist. Balzer fasst dorthin, bewegt seine Hand. Kern geht in die Knie, legt den Kopf zur Seite, tastet in der Luft, nickt, murmelt: Wahnsinn. Ja, sagt Balzer, Wahnsinn. Beide tragen Geräte, die aussehen wie eine Mischung aus übergroßer Sonnenbrille und futuristischer Fönhaube. Es sind Hololens-Brillen, die dem Nutzer eine Augmented oder Mixed Reality auf eine halbtransparente Fläche vor die Augen projizieren. Ursprünglich waren dies Begriffe für zwei verschiedene Arten der digitalen Erweiterung unserer Realität, die jedoch immer mehr miteinander verschmelzen. Anders als bei der viel beschriebenen Virtual Reality, bei der sich Nutzer in komplett künstlichen Computerwelten bewegen, sind Augmented und Mixed Reality eben eine Mischung aus der richtigen und der vom Rechner generierten Welt. Balzer und Kern sehen also den Raum, in dem sie stehen, sie sehen sich auch gegenseitig. Und noch viel mehr – das nimmt ihnen offenbar den Atem.

Wir sind bei Microsoft und bekommen eine der seltenen persönlichen Demonstrationen dieser neuen Technologie, über die viele schon gelesen, aber die nur wenige selbst ausprobiert haben. Als ich die Brille aufsetze, die ganz ohne lästige Kabel auskommt, verstehe ich, warum Balzer und Kern so wortkarg sind. Vor uns steht das anatomisch korrekte lebensgroße Modell eines Menschen. Doch können wir ihn nicht nur von allen Seiten anschauen und um ihn herumgehen, wir können auch in ihn hineinschauen und Organe aus nächster Nähe betrachten.

Dann verschwindet der gläserne Mensch, und eine Galaxie erscheint. Nein, viele Galaxien – wir können nah heran- und wieder wegzoomen. Wir fliegen, nein, gehen durchs Weltall. Flanieren zwischen Planeten. Sausen zu Sonnen. Fassen mit den Händen eine virtuelle Erde an und legen sie auf einem realen Tisch im Raum ab. Dann lernen wir, in diesen künstlichen Welten zwischen verschiedenen Anwendungen zu navigieren, Funktionen aufzurufen. Da wird es sofort deutlich prosaischer. Um virtuelle Knöpfe zu drücken und Menüs aufzurufen, stochern wir mit den Fingern in der Luft herum, wedeln mit den Händen und versuchen, dabei nicht allzu albern auszusehen.

Wir scheitern spätestens in dem Moment, da uns der Betreuer die wichtigste Geste zeigt, um der Computerwelt unseren Willen aufzuzwingen: die Blume. Wir halten eine Hand in Augenhöhe vor uns, alle Finger zeigen geschlossen nach oben, wie eine Knospe. Dann spreizen wir die Finger, als würde sich die Knospe öffnen. Was als Geste offenbar so einzigartig ist, dass das System es als Aufforderung erkennen soll, sein Hauptmenü einzublenden. Das klappt natürlich oft nicht, so dass sich drei Erwachsene gegenüberstehen und solange Blumengesten machen, bis sie kichernd zusammenbrechen. Augmented Reality, so viel ist klar, macht aus Führungskräften kleine Kinder.

Immerhin ist Balzer Vertriebschef eines großen Finanzinstituts, Kern CEO eines internationalen Automobil-Zulieferers. Als sie sich wieder beruhigt und die Brillen abgesetzt haben, zeigen sie trotz aller zeitweiligen Albernheit nachdenkliche Gesichter. Wenn das hier in ein paar Jahren Mainstream wird – und es spricht viel dafür, weil nahezu alle großen Technologiekonzerne, von Samsung über Google bis Sony, Facebook, Apple und eben Microsoft, hier investieren –, verändert das auf noch nie dagewesene Weise unsere Arbeit und unser Lernen. Verändert, wie wir neue Produkte entwickeln und existierende erklären. Wie wir kommunizieren und reisen. Wie unsere Büros aussehen.

Der Technik-Vordenker Kevin Kelly schrieb kürzlich in einer Titelgeschichte für das Magazin Wired: Sobald dieser kleine Bildschirm vor unseren Augen die Realität perfekt abbildet, wird er zum wichtigsten Bildschirm überhaupt. Auch Filmregisseur Peter Jackson erwartet, dass solche Mixed-Reality-Anwendungen in zehn Jahren genauso viel genutzt werden wie Smartphones, vielleicht sogar häufiger. Kurz: Die Epoche, in der wir uns alle über kleine Bildschirme beugen und unsere Umwelt nicht mehr wahrnehmen, neigt sich womöglich dem Ende zu.

Ob das eine gute oder eine schlechte Nachricht ist, lässt sich nur schwer absehen. Mixed Reality könnte dazu führen, dass sich jeder Einzelne eine zunehmend individuelle und immer weniger anschlussfähige Welt baut und das Bedürfnis nach einer intersubjektiv überprüfbaren gemeinsamen Realität verliert. Auch stellt sich die Frage, wessen Algorithmen die intelligenten Assistenzsysteme steuern, die dann unser Fenster zur Welt sind. Wird Microsofts Cortana unsere beste Freundin werden, Apples Siri, Googles Assistant oder Amazons Alexa? Und lassen sich diese Systeme überhaupt steuern, gar regulieren? Das sind die Themen, die Balzer, Kern und mich umtreiben, als wir nach dem Termin wieder durch die schnöde Realität von Berlin-Mitte spazieren. Bis wir an einer Ampel stehen. Und erst mal alle, wie auf ein Kommando, auf unsere Handys schauen.