Kolumnen

Lufthansa Exclusive: In der Burger-Falle

Manager haben oft keine Zeit für gesunde Ernährung – besonders wenn sie unterwegs sind. Verhungern oder Verfetten?

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  • März 2017

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Reitling und ich treffen uns zum Lunch in einem Berliner Hotel. Wir kennen uns bisher nur vom Telefon. Er ist irgendwas Wichtiges bei einem bekannten Industriekonzern, möchte mich kennenlernen. Keine Ahnung, ob er mir etwas verkaufen will oder ich ihm etwas verkaufen kann. Unverbindliches Kennenlernen sind solche Termine ja nie, auch wenn beide Seiten so tun, als ob. Das Gespräch kreist um Reiseziele, Hotelbars, Abtasten, Suche nach Gemeinsamkeiten, wir schauen auf die Karte. Ich hatte mir vorgenommen, weniger Fleisch zu essen – und wenn, dann bio – und überhaupt auch mal das gesunde Gericht zu wählen. Klappt bisher ganz gut. Reitling schaut nur kurz aufs Menü, grinst verschwörerisch und sagt: Hier muss man den Burger nehmen.

Damit das klar ist: Ich mag Burger, auch die Pommes, die es dazu gibt. Ich bestelle mir in Hotels gern die internationalen Standardgerichte: Club-Sandwich. Steak. Thai-Curry. Comfort food, wie die Amerikaner das nennen. Nur heute hätte ich gern die Bento-Box genommen. Oder den Avocado-Toast. Aber das würde jetzt den Pakt brechen, dieses zarte Pflänzchen entstehenden Minimalvertrauens. Ich grinse zurück und sage: klar.

Bei der Nahrungsaufnahme zeigt sich so deutlich wie selten die Dialektik von Prinzipientreue und Empathie. Gehe ich mit anderen Menschen essen, kann ich nicht anders – ich spiegele ihr Verhalten. Wein zum Lunch? Snack oder Vier-Gänge-Menü? Man kann sein Ding durchziehen, aber Nähe erzeugt das nicht. Hier kommt meist auch das Machtgefälle zum Tragen: Wer in der Hierarchie höher steht, gibt die Richtung vor. Oder der Kunde.

Auch sonst treibt das Thema Essen Führungskräfte besonders um: Wie esse ich richtig, also der Situation angemessen? Und trotzdem so, dass ich meinen Körper nicht kaputtmache? Das gängigste Problem sind die vielen Business-Lunches und -Dinners: Manager essen öfter groß, mehrgängig und schwerer als andere Menschen – Berufsrisiko. Gleichzeitig ist das vollschlanke Unternehmerklischee à la Ludwig Erhard natürlich längst passé. Der zeitgemäße Managertypus ist sportlich-schlank, ernährt sich oft vegetarisch, jedenfalls bio, und läuft im Zweifel jedem Trend hinterher: In meinem Members-Club werden drei von 14 Gerichten mit dem Hipster-Kohl Kale zubereitet, auf Deutsch: Grünkohl. Auch wenn in den Führungsetagen vieler Firmen die Gesundheit wegen des hohen Arbeitspensums zu kurz kommt, gaben 61 Prozent der deutschen Chefs in einer Umfrage an, häufiger auf Fleisch zu verzichten als früher. Vielleicht hätte das Nein zum Burger sogar einen stärkeren Bonding-Effekt bewirkt?

Noch schwerer ist das Problem des unregelmäßigen Essensin den Griff zu bekommen: Man schlingt ein Sandwich am Schreib-tisch runter, oder das Mittagessen fällt gleich ganz aus, was man dann spätnachmittags an knurrendem Magen, mangelnder Konzentration und schlechter Laune merkt. Ich habe auch so Tage, an denen ich zwischen Telefonaten und Meetings nur Zeit für ein paar Cappuccini habe, die ja immerhin ein Sättigungsgefühl erzeugen. Gesund ist das nicht. Zum Glück haben wir in der Firma überall Obstkörbe herumstehen – eine Banane auf dem Weg geht immer. Für Notfälle habe ich eine Box mit Proteinriegeln in der Schreibtischschublade, von denen hat sich die Figur des Holly-wood-Agenten Ari Gold in der TV-Serie „Entourage“ ja auch ernährt – so rede ich mir das schön. Meine Co-Geschäftsführerin entwickelt schon mütterliche Gefühle, wenn sie die Riegel-Verpackung knistern hört und schickt mich dann immer raus: Ich solle mal was Vernünftiges essen.

Fast unmöglich ist es, sich unterwegs ordentlich zu ernähren. Flugzeug, Flughafen, Bahn und Raststätte sind die wohl größten Gefahren für vernünftige Ernährung. Andreas Läsker, Manager der Fantastischen Vier und unter dem Namen „Bär“ auch vielreisender Geschäftsmann, hat darum stets eine Packung Nüsse im Handschuhfach. Auch im Hotel ist die Chance, vernünftig zu essen, dramatisch gering. Das liegt nicht an mangelnden Angeboten, sondern an einem Phänomen, das Verhaltensökonomen „Ego Depletion“ nennen: Nach einem harten Arbeitstag hat der menschliche Geist schlicht keine Energiereserven mehr, die notwendige Selbstkontrolle aufzubringen, um den Salat zu wählen.

Darf man als Chef auch mal allein essen? Führungskräfte kennen das: Man redet den ganzen Tag mit so vielen Menschen, da genießt man die Momente der Ruhe beim Lunch. Zwar gilt es als asozial, allein zu essen – „Never eat alone“ heißt ein Business-Bestseller –, aber ich ignoriere das Stigma mindestens einmal pro Woche. Das bekommt mir und meiner Laune sehr gut.

Reitling und ich debattieren dann noch fröhlich Burger-Esstechniken. Ich schneide meinen mittig durch und nehme die Hälfte in die Hand. Reitling hebt den Deckel ab, verzehrt die untere Hälfte mit Messer und Gabel. Es ist ein guter Lunchtermin, entspannt, warm, und am Ende kommt ganz unangestrengt auch noch etwas fürs Geschäft dabei herum. Ob das auch so gelaufen wäre, wenn ich einen Salat bestellt hätte?