Kolumnen

Lufthansa Exclusive: Jeder Keks wird jetzt gezählt!

Kaminsky ist der Erste, an dem es mir in Deutschland auffällt. Mitte 40, Vertriebschef eines Hamburger Logistikers, dunkler Anzug, kariertes Hemd, unter dem ein von zu vielen Meetingkeksen leicht rundliches Bäuchlein spannt.

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  • September 2014

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Kaminsky ist der Erste, an dem es mir in Deutschland auffällt. Mitte 40, Vertriebschef eines Hamburger Logistikers, dunkler Anzug, kariertes Hemd, unter dem ein von zu vielen Meetingkeksen leicht rundliches Bäuchlein spannt. Am linken Handgelenk die Submariner in Stahl-Gold, aber am rechten, was ist das? Ein Gummi-Armband? Kaminsky ist eindeutig nicht der Typ für Schmuck. Er fummelt am Armband, kleine Dioden leuchten auf … ein Fitbit!

Kurz zuvor am MIT in Boston, Thinktank zur Zukunft der Arbeit. Da hatten die Amerikaner alle so ein Ding. Die deutschen Besucher, CEOs und Wissenschaftler, waren fasziniert und dankbar für ein Smalltalk-Thema: Was kann das denn? Schritte zählen und den Schlafrhythmus aufzeichnen. Braucht man so etwas? Klar, wahnsinnig interessant, sich mit der dazugehörenden App auf dem Smartphone selbst zu monitoren. Wo krieg ich eins? Um die Ecke, bei Best Buy. Zehn Minuten später sausten zwei Taxis voller deutscher Manager von der Technik-Uni in den Elektronikladen. Beim Dinner gab es kein anderes Thema als die kleinen Hightech-Bändchen.

Ja, ich habe mir auch eins gekauft. Fand es lustig, dass es abends an meinem Arm vibrierte, wenn ich mein Tagesziel von 10 000 Schritten erreicht hatte. War fasziniert, dass die Aufzeichnung meiner nächtlichen Wachphasen sich tatsächlich mit den Alpträumen und Papapapa-Rufen meiner kleinen Tochter deckten. Nach vier Wochen ließ der Novelty-Faktor nach, das Armband landete auf eBay. Genau wie es Ben Waber in Boston vorhergesagt hatte. Der Mann muss es wissen, denn er hat am MIT das Prinzip der People Analytics erfunden und eine Firma gegründet, die im Auftrag von Unternehmen Bewegungs- und Kommunikationsmuster ihrer Angestellten analysiert. Waber verdient also mit dem Messen der persönlichen Daten von Wissensarbeitern sein Geld, und er sagt: In Zukunft werden Wearables unser Leben – auch das Wirtschaftsleben – massiv verändern, aber die heutige erste Generation sei ein Gag, mehr nicht.

In Deutschland sind sie trotzdem das neue heiße Ding. Hier, sagt Kaminsky, und zeigt seins stolz vor. Hab’s jetzt seit zwei Wochen, bin ganz begeistert, be-geis-tert. Und, fitter geworden? Logisch! Zucker in den Cappuccino, Keks in den Mund, der Bauch spannt beim Dreh zur Kellnerin. What gets measured gets managed, heißt es. Und Führungskräfte, die immer alles optimieren wollen, nicht nur im Job, auch privat, messen jetzt also ihre Körperdaten. Das verschafft ihnen die Illusion von Kontrolle. Und ist nicht selten Ersatz fürs eigentliche Training – entsprechend meiner Faustregel, dass sich der Mitgliedsbeitrag eines Fitnessstudios umgekehrt proportional zum Leistungslevel seiner Mitglieder verhält. Die Profis pumpen für 20 Euro pro Monat im Hinterhof, ab 70 Euro trifft man in der Umkleide nur noch dickliche Managertypen, die kurz am Stepper das schlechte Gewissen beruhigt haben und nun erst mal in die Sauna schlurfen.

Fürs bessere Gewissen haben sie jetzt also die Körpercomputer. Quantified Self sagen die Amerikaner dazu, und was vor zwei Jahren bei den Nerds anfing, kommt in der Chefetage an. Die tragbare Technik ist das Statussymbol des Post-Protz-Zeit-alters. Unauffällig versteckt unterm Revers, sodass nur Eingeweihte die Funktion des Accessoires erkennen, das signalisiert: Ich kümmere mich nicht nur um meinen Körper, ich bin auch noch technisch ganz vorn. Mit den Fitness-Armbändern fängt es an, als nächstes kommt Apples iWatch, und Google Glass hätten sie auch alle gern, zumindest mal ausprobiert, ist nur so schwer zu bekommen. Ein Google-Mann erzählte mir neulich, er habe die Digitalbrille dem Vorstand eines deutschen Autokonzerns nicht besorgt, weil dann dessen Mitbewerber neidisch geworden wären, und für jeden gab es dann doch keine.

Kaminsky würde sein Stahlgestell sofort gegen die Google- Brille tauschen. Kann ich bei langweiligen Präsentationen heimlich E-Mails lesen, sagt er, und grinst plötzlich ganz verschlagen. Bewerber googeln, während sie mir gegenübersitzen. Den Namen dieses Typen nachgucken, der beim Empfang auf mich zukommt, und mir fällt partout nicht ein, wie er heißt. Den Vorstand unauffällig beim Weihnachtsfeier-Flirt fotografieren – wer weiß, wofür’s mal gut ist. Kaminskys Augen leuchten, seine schwitzige Handfläche hinterlässt einen Abdruck auf der Tischplatte.

Da erkenne ich die wahre Funktion tragbarer Technik: Sie ist ein Katalysator, der tief sitzende Interessen enthüllt und verstärkt. Gesund bleiben ist ein weicher Faktor, das reicht nicht. Es geht vielmehr um Macht, heute also: um Wissen. Wearables werden ihren Trägern schon bald einen kritischen Informationsvorsprung gegenüber nicht permanent vernetzten Kollegen und Mitbewerbern verleihen. Und weil Macht eben sexy ist, wird erst das die kleinen Dinger dann auch als männliches Fashion- Item salonfähig machen. Apple hat ja schon vorsorglich Manager von Burberry und Yves Saint Laurent angeheuert. Ich prognostiziere mindestens Manschettenknöpfe mit Gewinnwarnungen, Socken, auf denen Vertragsdetails erscheinen, und Cloud-synchronisierte To-do-Listen auf der Rückseite von Schlipsen.