Kolumnen

Lufthansa Exclusive: Kurz die Welt aufräumen

Hieß es nicht, sagt Walter, dass Technik uns von Ballast befreien würde Papierloses Büro und so? Mein Handy kann dasselbe wie früher der Rechner?

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  • September 2015

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Hieß es nicht, sagt Walter, dass Technik uns von Ballast befreien würde? Papierloses Büro und so? Mein Handy kann dasselbe wie früher der Rechner? Er schaut mich an, Schweißtropfen auf der Stirn, es ist zu heiß, der Espresso war ein Fehler. Hier, sagt Walter, und zeigt auf das Ungetüm zu seinen Füssen: Meine Tasche war noch nie so groß. Und noch nie so schwer. Laptop UND Tablet, Dienst- UND Privathandy. Adapter, Netzteile, Kabel, Ersatzakku. Ist doch so, sagt Walter: Dank der Technik schleppen wir nicht weniger Krempel mit uns herum, sondern immer mehr. Er hat ja recht. Auch mein bewährter Porter-Shorthauler in Olivgrün war zum Universaltransporter geworden: Stets mit den Basics gepackt, damit ich im Fall der spontanen Dienstreise alles dabei habe: Ohropax und Schlafbrille, Ray-Ban und Kopfhörer, Visitenkarten und diese schwarzen Filzschreiber von Muji in Stärke 0,5. Dazu, wie bei Walter, die ganze Kabel-, Stecker-, Gerätefamilie. Was haben Männer bloß früher gemacht, als Handtaschen als Frauen-Accessoire galten?

Und dann sah ich vor ein paar Wochen meinen Kollegen entspannt vor dem Büro anrollen: Statt Umhängemonster hatte er nur noch ein kleines ledernes Etui am Fahrradlenker. Statt MacBook und Netzteil nur noch das iPad. Kam entspannt und frisch an, ohne Muskelkater vom Schulterriemen. Ich nahm mir sofort den Inhalt meiner Arbeitstasche vor. Ersatzbatterien fürs Diktiergerät? Raus! Papierblock, den ich eh nie benutze? Raus! iPad oder Rechner? Je nach Anlass, aber nie mehr beide! Meine Tasche sieht immer noch aus wie der Werkzeugkoffer eines Heizungsmonteurs. Aber: Nach dem Aufräumen wiegt sie schon mal ein Drittel weniger. Weil es gerade so gut lief, habe ich im Büro weitergemacht. Schlimmster Übeltäter: der Schubladenschrank. Da kann eigentlich alles raus: Heftklammern, Gummibänder, Hängeregister ... Zeug aus dem letzten Jahrtausend. Weg damit – ein Stift und ein schönes gebundenes Notizbuch reichen. Alte Magazine, Broschüren, Bücher im Regal? Das meiste schaut man doch nie wieder an. Ab ins Altpapier.

Jetzt war ich in Fahrt. Habe zu Hause den Kleiderschrank entrümpelt, das Bücherregal vertikutiert, sämtliche DVD-Boxen auf eBay verkauft. Ich war wie im Wahn, aber es fühlte sich gut an: Komplexität reduzieren! Leichter reisen, leichter leben! Bücher kaufe ich seitdem nur noch auf dem Kindle, Zeitungen gar nicht mehr. Nur meine CD-Sammlung macht mich ratlos. Alle in den Rechner zu importieren würde Tage dauern. Und in Wahrheit streamen Apple Music oder Spotify mir ja alle Musik der Welt aufs Handy. Die CDs konsequenterweise einfach wegzuschmeißen bringe ich nicht über Herz. Kluge Leute predigen ja schon länger, man solle seinen Kram loswerden. Laut Kelly Sutton, 27-jähriger Betreiber der Website „Cult of Less“, sind Bücher-, Platten- und CD-Regale Angeberei, etwas, das er amüsiert und mit leichtem Unverständnis betrachtet. Online listete er seinen kompletten Besitz in verschiedenen Kategorien auf. Wenige Dinge, die er behalten wollte; einige mehr, die er zum Kauf anbot; und alle übrigen, die er verschenken wollte. Gleichzeitig machte er sich daran, allen Besitz, der digitalisierbar war, auf Festplatten zu übertragen – Bücher und Musik-CDs, die er anschließend weggab. Am Ende sollte alles, was er besaß, in zwei Kisten und zwei Koffer passen.

Für Ben Hammersley, einen vielfliegenden Technologieberater, wurde aus dem Versuch, unterwegs möglichst wenig Dinge mitzunehmen, der Zwang, nur noch mit Handgepäck zu boarden. Am Ende, sagt er, will man auf diese Art nicht nur reisen, sondern auch leben: Auf alles, was nicht unter den Sitz vor ihm passt, könne er getrost verzichten. Und der Blogger Leo Babauta, der über Produktivität und Zen schreibt, rät, für jedes Produkt, dass man neu kauft, zwei Gegenstände aus dem Besitz abzugeben, um Wohnung und Alltag kontinuierlich zu entrümpeln. Das Reduzieren der Komplexität unseres analogen Lebens mit digitalen Mitteln ist also gerade en vogue. Dank veränderter technischer Möglichkeiten wird Verzicht zum neuen Luxus. Wer, wie ich, Kinder hat, sieht den Kampf gegen die ewige Unordnung der Dinge etwas gelassener. Kram sammelt sich an. Dinge wollen durcheinander sein. Man muss sie halt jeden Tag wieder in eine – ihrer Natur offenbar zuwiderlaufende – Ordnung bringen und alle paar Monate konsequent Zeugs weggeben.

Walter wünscht sich mehr Klarheit: Warum all dieses Zeug, fragt er zum Abschied, in der digitalisierten Welt geht es doch um den Zugang zu Services, nicht um Besitz. Ich nicke und bestelle einen zweiten Espresso. Als er sich umdreht, sehe ich, dass sein Hemd am Rücken einen Schweißfleck hat, dessen Umrisse ziemlich genau der Form seiner Fahrradkuriertasche entsprechen.