Kolumnen

Lufthansa Exclusive: Mein digitaler Trainerstab

Golombek keucht neben mir. Ist ziemlich außer Atem. Kein Wunder, wenn er nicht aufhört zu reden, obwohl wir gerade bei Kilometer fünf unseres Laufs die Spree entlang sind. Das Kanzleramt haben wir links liegen gelassen, Schloss Bellevue ebenso.

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  • Dezember 2015

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Golombek keucht neben mir. Ist ziemlich außer Atem. Kein Wunder, wenn er nicht aufhört zu reden, obwohl wir gerade bei Kilometer fünf unseres Laufs die Spree entlang sind. Das Kanzleramt haben wir links liegen gelassen, Schloss Bellevue ebenso. An der übernächsten Brücke werden wir den Fluss kreuzen und auf der anderen Uferseite wieder zurückjoggen, am Hauptbahnhof vorbei, durchs Charité-Gelände nach Mitte. Meine Laufstrecke. 8,6 Kilometer, etwa 44 Minuten. Normalerweise ist das Zeit für mich, ohne E-Mails, ohne alles.

Nur heute klappt das nicht, denn Golombek ist dabei. An der Spree, klingt super, hatte er gesagt. Lass doch mal zusammen laufen, macht doch mehr Spaß. Jetzt versucht er, völlig außer Atem, Small Talk zu machen, und ich würde sehr gern – wie sonst – meinen Kopfhörer aufsetzen und einen Blick auf den Smartphone-Screen an meinem Arm werfen. Wäre aber unhöflich. Also japse ich kurze Antworten („Ja“, „Nein“, „Ach?“) und nehme mir vor, es bei diesem Mal zu belassen. Ich laufe lieber ohne Gesellschaft, genauer: ohne menschliche Gesellschaft.

Allein bin ich auch sonst nicht. Im Kopfhörer unterhält sich Tyler Brûlé über Innovationen in der Zeitschriftenbranche und Andrew Tuck über Urbanismus, stellt Daniel Giaocopelli Start-ups vor und Josh Fehnert Designtrends. Ich höre Monocle 24, den digitalen Radiosender des gleichnamigen Magazins, dessen Sendungen stets die richtige Länge für ein Work-out haben und sich per Podcast-App aufs Smartphone streamen lassen. Zwischen den englischsprachigen Stimmen meldet sich regelmäßig eine strenge deutsche Dame, die mich über die gelaufene Strecke und mein aktuelles Durchschnittstempo informiert. Denn gleichzeitig mit dem Podcast läuft die Runtastic-App, mit der ich mein Training dokumentiere und archiviere.

Kurz: Es ist auch ohne Golombek ganz schön was los auf meiner Laufstrecke, und ich genieße den Mix aus On-Demand- Media, Landschaft, körperlicher Anstrengung und digitalem Coach sehr. Für mich ist das wie Meditation. Die Technologie hilft mir, in diesen Zustand des Flow zu kommen. Und das ist ja, so blöd das klingt, als Unternehmer besonders wichtig: Führungskräfte sollen entspannt sein, aber auch fit, schlank und ausdauernd. Dass das durch Dauerbeschallung mit To-dos, unregelmäßige Arbeitszeiten, zu viele Geschäftsessen, Sandwiches am Schreibtisch und Konferenzkekse verdammt schwierig ist, kann man ahnen. Also: schlechte Angewohnheiten durch gute ersetzen, zum Runterkommen ins Gym statt ans Weinregal.

Dabei hilft mir moderne Technologie, denn sie motiviert, unterhält, gibt Feedback. Vorausgesetzt, sie funktioniert, was sie natürlich ständig nicht tut. Und dann nervt sie noch mehr als Golombek. Dann sorgt der dazwischen plappernde Runtastic Voice Coach dafür, dass der Podcast anhält, sodass ich stehen bleiben und das Ding wieder starten muss. Wobei das iPhone längst in den Sleep-Modus gegangen ist, weshalb ich den Code eintippen muss. Denn die Fingerabdruckerkennung funktioniert natürlich nicht, wenn das Gerät im Neopren-Halter steckt. Da stürzte die Monocle-App, mit der ich bis vor Kurzem die Radio- Beiträge gehört habe, ständig ab und nervte mit viel zu kleinen Buttons, die man vielleicht zu Hause auf dem Sofa, sicher aber nicht beim Laufen bedienen konnte. Es war eine Erlösung, als ich herausfand, dass ich ja auch Apples Podcast-App nehmen kann – die stürzt nicht ab und hat schön große Buttons für Grobmotoriker wie mich.

Es sind irre Momente, in denen ich stehen bleibe, mit verschwitzten Fingern durch die sich spiegelnde Plastikhülle auf dem Bildschirm an meinem Arm herumtippe, um die nächste Sendung zu starten, währenddessen die Lauf-Stoppuhr anzuhalten, die Lautstärke zu regulieren – und dann sehe ich auch noch die SMS vom Kunden, die ich doch mal für eine Stunde ignorieren wollte. Passanten schauen mich dann immer so komisch an, halten ihre Handtasche fest oder schieben sich vor ihre Kinder.

Aber sonst verbinde ich vor allem schöne Erinnerungen mit den englischen Moderatorenstimmen und dem zackigen „Aktivität gestartet“ der Lauf-App. Daran, wie mich Google Maps über Pfade durch toskanische Olivenhaine leitete, wie ich im drängeligen Seoul einen einsamen Kanal mitten in der Stadt fand und dem Trubel für eine halbe Stunde entkam. Wie ich – egal wo – zuerst meine Laufschuhe auspacke, das iPhone an den Arm schnalle, den guten alten Koss-Kopfhörer aufsetze und zum beruhigend vertrauten Soundtrack vor die Hoteltür trete, um mir die Gegend vor den Geschäftsterminen zu erlaufen.

Golombek hat inzwischen aufgegeben, ein Gespräch zu simulieren, konzentriert sich allein auf Schritte und Atmung. Stumm laufen wir nebeneinander her, fühlen uns beide ein bisschen unwohl dabei. Schon erstaunlich, dass es Maschinen manchmal besser gelingt, uns ein Gefühl von Geborgenheit, von Bei-uns-selbst-Sein und Vertrautheit zu vermitteln als anderen Menschen. Aber vielleicht ist das ja auch nur bei mir so.