Kolumnen

Lufthansa Exclusive: Nächte des Grauens

Harte Tage, Dauerstress – also brauchen Chefs unbedingt ihren Schlaf. Aber was, wenn der partout nicht kommen will?

Erschienen:

  • Januar 2017

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Carl ist mein Friseur. Das heißt, er würde sich gegen den Begriff verwahren. Carl ist Barber. Den Unterschied googeln Sie besser, das sprengt hier den Rahmen. Nur so viel: Carl ist tätowiert, bärtig, trägt teure Jeans, Arbeiterstiefel, und er weiß, wie man einen Scheitel ausrasiert. Natürlich reden wir über alles Mögliche. Heute bin ich dran mit einer Beichte: Ich schlafe wie ein Baby. Immer. Außer wenn ich nicht gut schlafe. Was extrem selten passiert, dann aber extrem unangenehm ist. Folter eigentlich.

Was mir Sorgen bereitet: Es passiert in letzter Zeit immer öfter. Und jedes Mal nach demselben Muster: Ich gehe gegen 23.30 Uhr ins Bett, weil ich weiß, dass ich um 6.30 Uhr wieder raus muss – duschen, anziehen, die Tochter antreiben und zur Schule bringen. Ich lese noch, mache gegen Mitternacht das Licht aus, schlafe ein. Das ist mein Rhythmus, klappt immer.

Wenn mich dann aber nach kurzer Zeit etwas weckt – meine Freundin, die später ins Bett kommt, eines der Kinder, das einen Albtraum hat, oder einfach meine eigene Unruhe, dann geht es los. Ich mache mir Gedanken. Über die Arbeit, über Deadlines, Probleme, Konflikte ... Ich sehe all diese Verpflichtungen als digitale To-do-Listen vor mir, als E-Mail-Konversationen, als Word-Dokumente. Also wälze ich mich im Bett. Das Herz pocht in den Ohren. Ich versuche ruhig zu atmen, an anderes zu denken. Es klappt nicht, der Schlaf will nicht kommen. Stattdessen immer neue, vermeintlich unlösbare Aufgaben.

Ich will nicht auf die Uhr schauen, tue es dann aber doch. 2.30 Uhr. Ich liege seit einer Stunde wach. Langsam schleicht sich Panik ein: Was, wenn ich nicht wieder einschlafen kann? Ich muss doch morgen wieder früh raus! Habe einen langen Arbeitstag vor mir! Meetings mit Kunden! Mitarbeiter, die Entscheidungen von mir erwarten! Ich stehe auf und trinke ein Glas Wasser. Hilft nichts. Nach einer weiteren halben Stunde ein Glas Wein. Unvernünftig, ich weiß, aber ich bin langsam verzweifelt. Der Schlaf kommt nicht. Meine Augen schmerzen, mein Herz pocht immer stärker, die Gedanken drehen sich. 3.45 Uhr. Ich ziehe aufs Sofa um. Hilft das? Tut es nicht.

4.40 Uhr, mir wird langsam übel – ich weiß nicht, ob vom Schlafmangel oder beim Gedanken daran, dass ich jetzt nicht mal mehr zwei Stunden Schlaf vor mir habe, selbst wenn mich Morpheus sofort in seine Arme nimmt. Was er natürlich nicht tut. Ich gehe zum Rechner und schreibe die Dinge auf, die ich mir in den vergangenen Stunden für den nächsten Tag vorgenommen habe. Vielleicht hilft das, den Kopf leer zu bekommen.

Ich weiß nicht, wann ich in dieser Nacht eingeschlafen bin. Ich kann mich erinnern, um 5.30 Uhr noch einmal auf die Uhr geschaut zu haben. Vermutlich war es kurz danach. Als um 6.30 Uhr der Wecker klingelt, bin ich im Tiefschlaf. Ich stehe auf, erledige die üblichen Morgen-Handgriffe wie ein Automat – Espressomaschine an, Milch aufstellen, Tisch decken, Schulbrote schmieren – und wundere mich selbst, dass das geht. Ich bringe die Tochter zur Schule, fahre wieder nach Hause. Schreibe eine Mail ans Büro, dass ich mich heute krankmelde. Ich bin geschäftsführender Gesellschafter meiner eigenen Firma – also normalerweise NIE krank, wenn ich nicht mit einem gebrochenen Bein im Krankenhaus liege, und selbst dann würde ich dort noch den Laptop aufklappen.

Ich mache das Handy aus, lege mich wieder hin und schlafe wie ein Stein bis um 11 Uhr. Als ich aufwache, lasse ich das Handy aus und den Laptop in der Tasche. Gehe in ein Café, bestelle ein Frühstück. Schaue einfach nur den Menschen um mich herum zu. Lese eine Zeitung. Und weiß, dass ich etwas ändern muss. Immerhin bin ich nicht allein. In einer Studie des Robert Koch-Instituts gaben knapp 70 Prozent der Befragten an, mehr als dreimal in der Woche nur schlecht einzuschlafen oder nicht richtig durchzuschlafen. Demnach wären über 50 Millionen Deutsche mit ihrem Schlaf unzufrieden. Mehr als jeder Zehnte schläft weniger als fünf Stunden pro Nacht.

Die Ursachen sind gesellschaftlich begründet, sagen Experten: zu viel Stress, ständige Erreichbarkeit, aber auch die Technologie. Chronobiologen der Universität Basel sagen, das blaue Licht unserer Laptops, Tablets und Smartphones störe den Schlaf-Wach-Rhythmus, vor allem am Abend. Ich glaube: Chefsein hilft auch nicht. So viele Details, so viele Meta-Informationen … Meine Leute müssen über drei oder vier Projekte Bescheid wissen, ich soll sie alle kennen.

Carl sagt, das kommt ihm vertraut vor. Sein Rekord sind fünf Tage nacheinander mit nur drei Stunden Schlaf. War scheiße, sagt er. Wir schauen uns im Spiegel an und nicken wie zwei Veteranen, die durch die Hölle gegangen sind. Dann überlegen wir: Was tun? Ich bin für Meditation, Carl ist für Whiskey. Wir vereinbaren, das bis zum nächsten Haarschnitt zu testen und unsere Erfahrungen auszutauschen. Carl dreht die Rockmusik lauter, zückt den Rasierer und macht sich an den Scheitel.