Kolumnen

Lufthansa Exclusive: Schuften in der Kuschelhalle

Riesige Büros, winzige Schreibtische, alle ziehen ständig um: Architekten und Chefs tüfteln an hypermodernen Arbeitsplätzen

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  • September 2017

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Activity Based Working, sagt Gantner. Dann: Clean Desk Policy. Er tippt mit dem Finger auf sein iPad, auf dessen Bildschirm die computergestaltete Ansicht eines Büros zu sehen ist. Eines Büros, das es noch nicht gibt, das Gantner mit seiner Unit aber in zwei Jahren beziehen will. Flexdesk, sagt er und nickt sich selbst zu: viel bessere Flächennutzung! Und erst die Desk Ratio: acht Arbeitsplätze pro zehn Mitarbeiter! Er nickt immer weiter. Das Bild auf dem iPad ist durchs Tippen verrutscht.

Gantner ist Vice President der deutschen Dependance eines internationalen Telekom-Unternehmens, und weil seine Leute seit Jahren in denselben tristen, zunehmend runtergekommenen und auch zu kleinen Räumen sitzen, hat er sich jetzt vom Vorstand das Budget für ein neues Büro freigeben lassen. Die Immobilienmakler fragen ihn, wonach sie genau suchen sollen, also macht er sich nicht nur Gedanken darüber, wie das Büro aussehen könnte. Sondern auch, wie dort gearbeitet werden soll. Die Erkenntnis, dass beides eng miteinander zusammenhängt, sich aber beides zugleich gerade grundlegend verändert, hat sich herumgesprochen. Chefs wie Gantner interessieren sich plötzlich für Interior Design, Möbel, Platzbedarf und Raumkonzepte. Seit einigen Jahren gilt in fortschrittlichen Unternehmen (oder jenen, die sich so sehen), dass das klassische Büro ausgedient hat. Eine Zeit lang war es modern, sich von Google und anderen Silicon-Valley-Vorbildern inspirieren zu lassen, inklusive Kicker, Bällebad und Rutsche neben dem Empfangstresen (die natürlich nie ein Mitarbeiter benutzt). Solche Spielereien gelten den meisten Experten nun als unnütz und gestrig. Aber zu den guten alten Zweierbüros, links und rechts vom Flur, führt auch kein Weg zurück.

Stattdessen setzen moderne Firmen wie die derzeit in Architektenzirkeln viel gelobte Erste Bank Wien auf Gro.raumbüros (die natürlich nicht so heißen), bei denen der CEO zwischen seinen Mitarbeitern sitzt und in denen Activity Based Working praktiziert wird – die verklausulierte Bezeichnung dafür, dass man in solchen Büros meist keinen eigenen Schreibtisch mehr hat. Dafür fühlt man sich hier wie in einer Mischung aus Designhotel-Lobby und Coffeeshop. Vor allem jüngere Mitarbeiter fühlen sich angesprochen. Möbeldesigner reagieren schon auf den neuen Markt: Beim System „Hack“ von Konstantin Grcic lässt sich der Arbeitsplatz zu einer flachen Kiste zusammenklappen, wegrollen und anderswo wieder aufbauen. Der „Mindport“ von Lista Office ist ein würfelf.rmiger Mini-Besprechungsraum, den man nahezu überall aufstellen kann. Fast alles, was sich Innenarchitekten mit Chefs für die künftige Arbeitsumgebung ausdenken, ist, nun, gew.hnungsbedürftig. Aber es ist die Zukunft, darum sollten wir uns besser schnell daran gewöhnen. Die eigenen vier Wände in Firmen sterben aus, Arbeitsbereiche sollen jetzt groß, weit und offen sein – und flexibel natürlich auch.

Wer wissen will, wie das eigene Büro in ein paar Jahren vermutlich aussehen wird, schaut sich bei WeWork um, dem weltweit größten Anbieter von Coworking-Spaces: Heimelige Atmosphäre schafft Ashley Couch, Chefdesignerin der Kette, mit kuscheligen Sesseln, Sofas und jeder Menge Espresso-Bars. Auch Grünpflanzen erleben ein Comeback, wenn auch nicht der gute alte Beamten-Gummibaum – Couch empfiehlt Schlangenpflanzen oder Zamioculcas.

Während die Büros wohnlicher und großflächiger zugleich werden, schrumpfen die Schreibtische. Denn weil wir immer weniger auf Papier erledigen und das Smartphone heute Kalender oder Taschenrechner ersetzt, brauchen wir nur noch Platz, um unseren Laptop abzulegen. Hinzu kommt immer öfter die Clean Desk Policy: Jeden Abend muss der Schreibtisch blitzblank geräumt werden. So ordentlich die Arbeitsplätze, so vielfältig dekoriert – und damit vermeintlich inspirierend – wird der Rest des Büros: Bei Mindspace stehen ein altes Radio, Blasinstrumente, eine Mini-Beethoven-Büste, ein Holzdinosaurier und eine Kuckucksuhr im Regal. Bei WeWork Berlin kommt man auf dem Weg zum Arbeitsplatz an einer Stoffrobbe und Porzellan-Kakteen vorbei. Im neuen Newsroom von T-Online in Berlin, laut Betreiber Ströer „der modernste Deutschlands“, werden Konferenzen im Birkenwald abgehalten oder vor der Kulisse einer Ski-Hütte. Dazu gibt es Kabinen mit Sitzsäcken und eine Mini-Kletterwand.

Ob diese neuen Büros, in denen wir bald wohl alle an täglich neuen Orten sitzen (oder immer öfter auch stehen), eigentlich produktiver, effizienter und zufriedener machen, ist bei aller Innovations-Euphorie völlig offen. Gantner jedenfalls will so ein modernes Ding haben. Hilft ja auch bei Empowerment und Selbstorganisation, hat er in einem Seminar gehört. Er ist sich nur nicht sicher, ob er das Team zur geplanten Bürogestaltung befragen soll. Das könnte kompliziert werden. Besser wohl, er ordnet die futuristischen Segnungen gleich von oben an.