Kolumnen

Lufthansa Exclusive: Teurer Spaß in Davos

Soll man zu den großen Konferenzen fahren, oder trifft man da nur Wichtigtuer? Unser Autor war da – und hat es nicht bereut

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  • Mai 2018

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Musst du hin, sagt Weber. Sind alle da, auf dem Weg nach Davos. Er unterbricht kurz sein Plädoyer, wir bestellen Schnitzel, er setzt nahtlos wieder an: superkleiner Kreis! Hochkarätig! Man lernt total spannende Leute kennen, CEOs, internationale Experten, beim Kaffee oder abends beim Bier. Die stehen da so rum, total locker, man spricht einander einfach an. Fantastische Kontakte, sagt Weber, fan-tas-tisch!

Er will mich überreden, zum DLD zu gehen, offiziell „Digital-Life-Design“. Eine Konferenz, die tatsächlich eher klein und fein ist, sich mit Digital- und Businessthemen beschäftigt, aber auch mit Kunst, Innovation und dem überstrapaziertesten aller Buzzwords, der Disruption. Ich bin bei so etwas immer erst mal skeptisch. Über 3000 Euro kostet ein Ticket. Dafür darf man drei Tage lang Vorträgen und Paneldiskussionen lauschen. Am ersten Abend gibt es einen Gala-Empfang, am zweiten Helles und Hax’n im Brauhaus, denn die Konferenz findet in München statt, spielt also mit der international erfolgreichen Mischung aus Hightech-Playern und Traditionsambiente. Laptop und Lederhose, hätte man früher gesagt.

Ich zögere. Der Eintritt ist, machen wir uns nichts vor, verdammt hoch. Stärker noch wiegt die Frage, ob es sich lohnt, dass ich als Chef drei Arbeitstage investiere, an denen ich für Kollegen und Kunden kaum erreichbar sein werde. Klassischerweise würde man das nach drei Kriterien entscheiden: New Business Leads, Networking und Status. Je nach Branche variiert die Gewichtung, doch potenzielles Neugeschäft sollte vorn stehen. Nur: Will ich überhaupt drei Tage lang die Firma hart reinverkaufen? Das wäre mindestens unelegant. Networking könnte an zweiter Stelle stehen, aber die Frage, wen ich da kennenlerne, den ich nicht auch so treffen könnte, scheint mir offen. Bleibt der Status, also die Befriedigung der eigenen Eitelkeit. Ich bin in einem Raum mit dem neuen CEO von Uber: ein Ego-Boost, den ich nicht dringend brauche.

Die Kombination aus allen dreien ist aber eben doch verlockend. Also bin ich hingegangen, und ich habe es nicht bereut. Der Kreis war tatsächlich klein: CEO-Typen, VCs, Start-up-Gründer, Experten, Hustler. Extrem interessant und teils auch extrem nervig. Ich habe einen Stapel Visitenkarten eingesammelt, und der Uber-CEO war sehr charismatisch. Doch fängt man einmal mit diesem Konferenzzirkus an, stellen sich rasch die nächsten Fragen: Muss ich nicht erst recht zur SXSW? Wie wichtig ist das Tech Open Air? Der Web Summit – eine Woche Lissabon im späten Herbst? Und: Ist das dann noch Arbeit oder schon Urlaub? Oder vielleicht sogar die höchste Form von Arbeit für Chefs?

Falls diese letzte Annahme stimmt, würde das auch die Kosten rechtfertigen – und da liegen die genannten Konferenzen mit ihren vierstelligen Euro-Beträgen noch im unteren Bereich. Wer in die Sphären namhafter Weltkonzern-CEOs und internationaler Vordenker gelangen will, muss nicht nur kurz beim DLD haltmachen, sondern zum Summit, dem eigentlichen Event eingeladen sein. Davos! Schon der Name lässt Chefherzen deutlich schneller schlagen. Schnee! Macht! Die Welt verbessern! Ich kenne einen Technologiekonzern, der einen Experten beschäftigt hat, dessen wenn nicht einziges, so doch vorrangiges Ziel es war, irgendwann den Boss einmal nach Davos zu bringen, irgendwie.

Dabei sind die Spielregeln simpel. Bei allem Pathos geht es auch hier ums liebe Geld, es gibt eine Preisliste. Wer hartnäckig genug nachfragt – ich habe das für den Tech-Konzern getan –, der bekommt sie. Und die New York Times hat sie vor einiger Zeit mal aufgeschrieben: Der Grundpreis für ein Unternehmen betrug damals 50 000 Schweizer Franken, damit ist die Firma Mitglied des World Economic Forum, das die Veranstaltung organisiert. Das Eintrittsticket für eine Person kostete noch einmal 18 000 Franken. Danach folgen, das gilt bis heute, diverse Mitgliedsklassen, deren wohlklingende Namen vor allem signalisieren, wie viele Gäste man mitbringen darf. Für eine halbe Million Franken war man damals „Strategic Partner“. Man durfte maximal zu sechst aufkreuzen, zum Preis von 18 000 Schweizer Franken pro Kopf. Smarte kleinere Unternehmen crashen deshalb Veranstaltungen wie Davos: Sie mieten für die Zeit, in der die Konferenz stattfindet, ein Apartment oder Haus in der Stadt – mindestens ein Restaurant an einem Abend. So können sie Kunden und Geschäftspartner auch „nach Davos“ oder „zum Web Summit“ einladen – für einen Bruchteil der offiziellen Kosten.

Weber traf ich ein paar Wochen nach der Konferenz wieder, und wir haben Konferenz-Storys ausgetauscht: vom pensionierten Daimler-Manager, der jetzt in Tel Aviv deutsche Investments für israelische Start-ups einfädelt und uns abends beim Rehbraten formvollendet seine Visitenkarte mit Wappen überreichte. Vom FC Bayern, der jetzt auch – wie fast alle Konzerne – ein Hackathon veranstaltet hat, um Innovations-Ideen einzusammeln. Von der ehemaligen Facebook-Führungskraft, deren neue Firma nichts weniger als Gedankenlesen möglich machen will. Es waren drei wilde und lehrreiche Tage. Nächstes Jahr müssen wir wieder hin.