Kolumnen

Lufthansa Exclusive: Vernetzt oder verheddert?

Networking ist wichtig – doch wer zu all diesen wahnsinnig inspirierenden Events geht, hat bald keine Zeit mehr zum Arbeiten

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  • Juli 2017

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Tolle Sache, sagt Weissborn, Super-Leute, musst du dabei sein. Ich bemühe mich um ein Pokerface, denn Weissborn erzählt von einem sogenannten Networking-Event, und da muss man vorsichtig sein. Gerade in Großstädten ist ja kein Mangel an Business Clubs, Konferenzen, gar Geheimlogen für Geschäftsleute. Das meiste davon ist reine Zeitverschwendung. Kaum war ich vor einigen Jahren als Geschäftsführer meines eigenen Unternehmens im Handelsregister eingetragen, bekam ich Post vom Capital Club: ob ich nicht Mitglied werden möchte. Ich bin aus Neugierde hingegangen, mal schauen, wo andere nicht reindürfen. Der Club, auf seiner Website als „international renommiert“ angepriesen, ist im Grunde ein Restaurant neben dem Hilton mit Blick auf den Gendarmenmarkt, kostenlosen Konferenz- und kostenpflichtigen Veranstaltungsräumen. Um hier essen zu dürfen, zahlt man 4500 Euro Aufnahmegebühr und einen Jahresbeitrag von 1475 Euro. Das sei doch toll, um Kunden zu bewirten, pries die Vertriebsmitarbeiterin das Paket an. Den Hinweis, allein am Gendarmenmarkt gebe es diverse hochwertige Restaurants, um genau dies zu tun, konterte sie mit einem Verschwörerblick. Der eigentliche Wert seien ja die Kaminabende, Lounges, Gentlemen’s Dinners, oft mit Bundespolitikern, kurz – das Ganze sei „ein exklusives Forum, um im edlen Ambiente geschäftliche Kontakte zu pflegen“, wie es auf der Website heißt.

Ich habe dankend abgelehnt und bin stattdessen Mitglied im Soho House geworden, einem Private Members Club, der für einen deutlich geringeren Monatsbeitrag ein Fitnessstudio anbietet, ein eigenes Kino, eine Dachterrasse mit Pool, Kinderbetreuung am Wochenende sowie ein spannendes Veranstaltungsprogramm. Was natürlich nur postrationalisiert, dass ich offenbar trotz allem das Gefühl hatte, als Geschäftsmann mein Netzwerken professionell betreiben zu müssen.

Nun gibt es neben solchen Orten, zu denen in Berlin auch der China Club und der International Club gehören, alle möglichen informellen, sogar geheimen – oder zumindest geheimniskrämerischen – Business-Netzwerke. Zu einem wurde ich gerade eingeladen, es versteht sich als Club ohne Räume. Man darf nur auf Empfehlung mitmachen, trifft andere Inhaber und Geschäftsführer. Dazu kommen soziale Events, die traditionell mit einer geschäftlichen Relevanz aufgeladen sind, wie Vernissagen, klassische Konzerte, VIP-Lounges im Stadion. Sowie die schlimmen Networking-Einladungen, die man über Plattformen wie Xing bekommt und sofort löscht („High Heels on the Dancefloor am Potsdamer Platz“, „176. After-Work-Golf.net Berlin“).

Und schließlich sind da jene Treffen, die der Start-up-Berater Paul Graham „spekulative Meetings“ nennt. Man hat wen auf einem Kongress kennengelernt und versprochen, zusammen einen Kaffee zu trinken, wenn er in der Stadt ist. Der Bekannte eines Bekannten würde gern vorbeikommen und zeigen, woran er gerade so arbeitet. Ein internationales Netzwerk haben zu können ist eine der großen Errungenschaften der Digitalisierung. Das Problem entsteht immer dann, wenn diese lockeren Kontakte – unter Soziologen: weak ties – kurzzeitig zu strong ties werden. Etwa, weil Weissborn und ich zu einem beruflichen Thema gemailt hatten und einer von uns in einem schwachen Moment den folgenreichen Satz schrieb: Müssen uns mal wiedersehen. Worauf der andere die fatale Antwort gab: Lunch?

All diesen Verabredungen ist gemein, dass sie keine klare Agenda haben. Vorab zu fragen, wozu das Treffen dienen soll, wäre unhöflich. Bei mir hat darum ein eh schon voller Kalender noch weitere Termine hinzubekommen, an denen ich mehr oder weniger fremde Menschen treffe, noch dazu ohne Anlass. Mal kommt etwas Spannendes heraus, meist bleibt es beim unverbindlichen „Lass in Kontakt bleiben, müssen unbedingt mal wieder …“ – und dann hört man nie mehr voneinander.

Die wohl größte Gefahr der globalen Vernetzung ist, dass man ständig Leute kennenlernt. Die einfach mal so mit einem skypen wollen. Einen in endlose E-Mail-Konversationen verwickeln. Zu Charity-Dinners, Cocreation-Workshops und Design-Thinking-Seminaren einladen. Alles spannend, alles Zeitfresser. 90 Prozent davon abzusagen gehört zu den Kernkompetenzen effizienter Menschen. Ich bekomme es oft nicht hin, aber ich arbeite daran. Denn für Chefs muss das Verhältnis von Vielleicht- Geschäft-Reinholen vs. In-der-Firma-präsent-sein stimmen. Für viele ist, nun mal ehrlich, Netzwerken eine Ausrede für Gratis-Alkohol. Und den Networking-Bestseller mit dem schönen Titel „Never Eat Alone“ habe ich zwar gelesen, aber nicht beherzigt. Denn ich esse manchmal ganz gern allein, um dem Trubel kurz zu entkommen und durchzuatmen.

Jetzt will mich Weissborn auch noch zu seinem ganz tollen wöchentlichen Business-Salon einladen. Wir reden über Kunst und alles Mögliche, sagt er, keiner pitcht, Leads passieren einfach. Ich mag schon die Wortwahl nicht, murmele etwas von anderweitigen Verpflichtungen, die ich an diesem Wochentag immer habe. Und denke: ein Buch lesen. Sport machen. Leute treffen, die nichts mit der Arbeit zu tun haben. Networken mit den interessantesten Menschen, die ich kenne: meinen Kindern.