Spiegel

Hat Hollywood ein Herz für Engel?

Autorenfilm gegen Kommerzkino: US-Regisseur Brad Silberling über sein Remake des Wim-Wenders-Films "Der Himmel über Berlin".

Erschienen:

  • Juli 1998
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Durch einen wolkenverhangenen Himmel bricht die Sonne, ein Auge öffnet sich, und auf der Gedächtniskirche steht ein Mann mit Flügeln. Er blickt hinab auf das Treiben der Menschen. "Guck mal", ruft ein Mädchen, zeigt zu ihm hoch, aber niemand reagiert. So beginnt "Der Himmel über Berlin", Wim Wenders' Autorenkino-Klassiker.

Es ist ein Film über das Glück zu leben, eine Träumerei über die Liebe, eine Komposition aus Bildern und Peter-Handke-Texten. Ein Remake davon schien undenkbar: zu eigenwillig, zu kopflastig für Hollywood.

Die amerikanische Produzentin Dawn Steel hat es trotzdem versucht. So bezaubert war sie von der Idee, "einen Engel vor die Wahl zu stellen, aus Liebe ein Sterblicher zu werden", daß sie die Rechte an dem Film schon 1989 erwarb und Wenders dafür mehr Geld zahlte, als dieser als Autor und Regisseur an "Himmel über Berlin" verdient hatte.

Als "City of Angels" dann endlich im Frühjahr dieses Jahres in den USA ins Kino kam, verdrängte der Film "Titanic" von Platz eins und spielte 75 Millionen Dollar ein.

Schauplatz ist Los Angeles, die Stadt der Engel. Hier sitzen Engel auf den Freewayschildern und versammeln sich zum Sonnenaufgang und zum Sonnenuntergang am Pazifikstrand. Wo "Der Himmel über Berlin"vor allem von Stimmungen und Charakteren lebt, ist "City of Angels" auf Handlung und Spannung konzentriert. Im Mittelpunkt des Films steht die Liebesgeschichte zwischen dem Engel Seth (Nicolas Cage) und der Chirurgin Maggie (Meg Ryan), die Seth trifft, als einer von deren Patienten stirbt. Von da an ringt er mit der Entscheidung, ein Sterblicher werden zu wollen.

Das Überraschende an dieser Hollywood-Version ist, daß Regisseur Brad Silberling etwas von der Poesie des Originals bewahren konnte. Genau wie dort sind die Engel auch bei ihm nur für Kinder und Kranke sichtbar, sie trösten die Menschen und sehnen sich nach weltlichen Genüssen. Sogar Wenders ist mit dem amerikanischen Remake einigermaßen einverstanden: "Natürlich hätte der Film völlig danebengeraten können, aber dem ist nicht so."

Ein Interview mit Regisseur Silberling darüber, wie es ihm gelang, aus europäischem Autorenkino einen Hollywood-Film zu machen.


KULTUR EXTRA: Wann haben Sie sich "Der Himmel über Berlin" zum erstenmal angesehen?

Silberling: Das war 1988 in einem kleinen Kino, zusammen mit etwa 200 anderen Leuten. Intelligentes Publikum, die mochten den Film.

KULTUR EXTRA: Und Sie?

Silberling: Ich war beeindruckt. Aber ich wußte auch, daß so etwas in den USA nie in größerem Stil laufen würde.

KULTUR EXTRA: Warum nicht?

Silberling: "Der Himmel über Berlin" besteht ja zu großen Teilen daraus, wie sich Bruno Ganz durch das Stadtgeschehen treiben läßt. Dafür hätte das amerikanische Publikum keine Geduld.

KULTUR EXTRA: Trotzdem haben Sie sich um den Job als Regisseur bemüht, als Sie hörten, daß ein Remake gedreht werden sollte.

Silberling: Ja. Ich mochte die Idee, daß es Engel gibt, die das Wunder unserer menschlichen Existenz beobachten und feiern.

KULTUR EXTRA: Kann man aus einem Kultfilm des europäischen Autorenkinos überhaupt ein Stück Hollywood-Mainstream machen?

Silberling: Man kann und man muß. Der Film hat rund 50 Millionen Dollar gekostet - die Studios und die Produzenten wollen ihr Geld zurückbekommen. Aber im Vergleich zu anderen Hollywood-Filmen lassen wir uns Zeit, die Charaktere zu entwickeln. Außerdem hat dieser Film eigentlich wenig Handlung. Dem Publikum gefiel das trotzdem, obwohl viele verwirrt aus dem Kino kamen. Wir haben da Umfragen gemacht.

KULTUR EXTRA: Hätten Sie diesen Film auch ohne Superstars wie Nicolas Cage und Meg Ryan machen dürfen?

Silberling: Ich wollte eigentlich mit unbekannten Schauspielern drehen. Hätte nur einer von beiden gefehlt, wäre der Film nie realisiert worden.

KULTUR EXTRA: Ein amerikanischer Kritiker schrieb, "City of Angels" sei für Hollywood-Maßstäbe fast ein Kunstfilm. Trotzdem haben Sie so ziemlich alles rausgeworfen, was schwer zugänglich war: die Improvisation, die Schwarzweißaufnahmen, den von Curt Bois gespielten alten Historiker, vor allem aber Peter Handkes Texte. Warum?

Silberling: Wenders' Film war ein Film ohne Drehbuch. Peter Handke lieferte Stückwerk an Gedichten und Gedanken, die niemals wirklich an die Bilder angebunden wurden, und die Schauspieler improvisierten dazu. So was kann man in den USA nur machen, wenn man einen Film für zehn Millionen Dollar oder weniger dreht. Das Traurige ist eben, daß wir hier ein weißes Mainstream-Publikum haben, das sich nicht herausfordern lassen will.

KULTUR EXTRA: Wie muß sich ein Film für dieses Publikum von einem europäischen Film unterscheiden?

Silberling: Man muß sehr früh die Charaktere einführen und eine klare Richtung vorgeben, in die sich das Ganze entwickeln wird. In diesem Fall haben wir eine Love-Story, also hofft man, daß die beiden Charaktere zusammenkommen. Was dem entgegensteht, wird ebenfalls sehr früh und unmißverständlich eingeführt. Das sind die Primärfarben, die groben Striche, an die das amerikanische Publikum gewöhnt ist. Außerdem mußt du, egal wie dramatisch die Handlung sein mag, immer auch Humor mitliefern, ansonsten fürchten sie, daß das Ganze zu esoterisch wird.

KULTUR EXTRA: Das sind Drehbuch-Aspekte. Aber auch optisch gibt es ja Unterschiede. Im Vergleich mit Wenders' Film finden sich bei Ihnen Hochglanzbilder, die aber weniger expressiv sind.

Silberling: Hochglanz - das ist für mich ein dämliches Kriterium. Wenn man ein Remake mit soviel mehr Geld macht, dann sieht man das dem fertigen Film auch an. Wir hatten einen viel größeren Spielraum, unsere Phantasien zu entfalten. Wims Film wurde offensichtlich mit einem radikal kleineren Budget realisiert, einer kleineren Crew und in kürzerer Zeit. Einen Hollywood-Film zu machen ist dagegen, als würdest du einen Krieg planen. Wenn du meinst, du müßtest Engel zu einer bestimmten Zeit oben auf einem Baseballstadion stehen haben, dann kannst du das auch tun. Raum für Improvisationen bleibt da nicht.

KULTUR EXTRA: Sie haben eine Menge Motive aus dem Original übernommen. In beiden Filmen stehen die Engel auf hohen Gebäuden, hören Bibliotheksbesuchern beim Lesen zu, umarmen und trösten Menschen. Auch die Tonspur mit dem Chor leiser Stimmen im Hintergrund ist sehr ähnlich.

Silberling: Das war die Herausforderung: in der großen Hollywood-Maschine zu sitzen und trotzdem die Sensibilität der Zuschauer, die sie hoffentlich doch haben, herauszufordern. Ich fühlte mich bei den Dreharbeiten die ganze Zeit wie auf einer geheimen Mission. Ich wartete jeden Tag darauf, daß das Studio anruft und sagt: Das kannst du so nicht machen.

KULTUR EXTRA: Warum ließ man Sie gewähren?

Silberling: Weil sich damals bei Warner alle nur Gedanken über den neuen "Batman" machten. Wir waren quasi der kleine Film, um den sich niemand kümmerte.

KULTUR EXTRA: Haben Sie Wenders kennengelernt?

Silberling: Das Studio hatte vor langer Zeit die Rechte bei Wenders gekauft und das Drehbuch ohne ihn entwickelt. Als ich schließlich einstieg, hatte immer noch niemand Wim kontaktiert oder ihm das Drehbuch geschickt. Nicolas Cage und ich haben das nachgeholt, weil wir uns darüber im klaren waren, wie schwierig die Situation für ihn war: Da nimmt jemand seinen Film und macht etwas komplett anderes daraus. Als ich ihm von unserem Drehplan erzählte, da hat er nur noch gelacht. "Oh, Mann", sagte er, "ich wünschte, ich hätte solche Möglichkeiten gehabt."

KULTUR EXTRA: Laut Klischee haben Hollywood-Filme immer ein Happy-End, europäische Kunstfilme nicht. Diesmal ist es umgekehrt.

Silberling: Wenders hat das sehr gut gefallen. Es gibt diese wunderschöne Szene in "Himmel über Berlin", in der Bruno Ganz den Kopf eines sterbenden Motorradfahrers hält und ihn durch die Erinnerungen seines Lebens begleitet. Unser Film ist, so hoffe ich es wenigstens, wie diese Szene - ausgebreitet über knapp zwei Stunden.

KULTUR EXTRA: Beweist der große kommerzielle Erfolg von "City of Angels" die Überlegenheit des amerikanischen Kinos über das europäische? Hat der deutsche Autorenfilm versagt?

Silberling: Nein. Für mich ist das wie mit dem Fußball: Bei uns ist das Spiel nicht besonders populär und findet nur in kleinen Stadien statt. Es gibt vielleicht zehn Teams im ganzen Land. Die machen ihre Sache gut, aber es fehlen die Zuschauer. So ist das auch mit den europäischen Filmen in den USA: Sie laufen nur in wenigen Kinos und haben keine Chance. Es sind einfach zwei verschiedene Welten, die nebeneinander existieren. Die europäischen Filmer der siebziger und achtziger Jahre haben an ihre Visionen geglaubt - in den USA sucht jeder nach einem Computerprogramm für den perfekten Film, aber das existiert nicht.

KULTUR EXTRA: Ihr erster Kinofilm war "Caspar", eine Steven-Spielberg-Produktion mit vielen Spezialeffekten und wenig Tiefgang. Nun das Remake eines Autorenfilms, was machen Sie als nächstes?

Silberling: Mein nächstes Projekt mache ich wieder für Steven Spielberg, aber es wird eine ganz kleine, intime Liebesgeschichte, die bisher kleinste Produktion seines Dreamwork-Studios. Das habe ich dem deutschen Autorenfilm abgeschaut: Je kleiner das Budget, desto größer die Freiheit.