Spiegel

Näher dran

Trotz Indizierung sind gewalttätige Videospiele bei Jugendlichen beliebter denn je. Der Schocker "Resident Evil 2" bricht alle bisherigen Rekorde.

Erschienen:

  • 22. Juni 1998
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Wenn Stefan Grigoleit vor seinem Videospiel sitzt, fühlt er sich wie ein Held: Mit der Schrotflinte bewaffnet, wandert der Zehnjährige dann durch die düsteren Gänge eines Gruselhauses, bekämpft das Böse. Manchmal verliert er: „Der eine Zombie kam so schnell um die Ecke”, erzählt er aufgekratzt, „und dann hat er mir den Kopf abgebissen.” Das letzte, was der Junge sah, waren pulsierende Ströme seines - angeblich - eigenen Blutes.

Der westfälische Grundschüler berichtet dann aber betont abgeklärt vom Horror auf dem Bildschirm. „Resident Evil” heißt das Spiel, für das er sich begeistert. Das gewalttätige Machwerk markiert einen neuen Härtegrad in einem ohnehin nicht zimperlichen Genre. Die Story ist simpel: ein Haus voller Zombies, die der Spieler niedermetzeln muß. Ist er zu langsam, wird er gefressen.

Das Spiel bietet einen nervenzerrei ßenden Soundtrack und benutzt dreidimensionale Kamera-Blickwinkel, die die klaustrophobische Wirkung der Bilderwelten noch verstärken.

Zwar galten Videospiele auch bislang kaum als Horte von Moral und Anstand. Neu ist die technische Perfektion, mit der die ekligen Details - abgerissene Gliedmaßen und durchlöcherte Eingeweide - in Großaufnahme auf den Schirm gezaubert werden. „Die Darstellung in Bild und Ton ist exzellent”, so der Münchner Medienpädagoge Ullrich Dittler, „und der Spieler ist näher dran.”

Der Nahkampf-Terror verkaufte sich bislang weltweit viermillionenmal. Die Fortsetzung „Resident Evil 2”, die Ende April in deutsche Läden kam, wird vom britischen Magazin „The Face” als „bislang furchteinflößendstes Computerspiel” gerühmt. Beim Hersteller Virgin erwartet man denn auch einen neuen Umsatzrekord. In den USA und Japan hat sich dieses Gemetzel seit Januar bereits dreieinhalbmillionenmal verkauft und belegte Anfang des Jahres jeweils den ersten Platz der einschlägigen Hitliste.

In Deutschland allerdings sind besonders blutrünstige Werke von der „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften “ (BPS) indiziert. Die Jugendschützer setzten auch „Resident Evil 2” gleich nach Erscheinen auf die Werbeverbotsliste, Virgin mußte eine große Marketing-Kampagne samt den zugehörigen Fernsehspots auf Viva, MTV und Pro Sieben stoppen.

Doch die Indizierung hält kaum einen cleveren Zehnjährigen davon ab, Raubkopien zu kaufen oder sie mit Papas CDBrenner gleich selbst zu produzieren. Schon um den Ladenpreis von knapp 100 Mark zu sparen, tauschen Stefan Grigoleit und seine Freunde auf dem Schulhof: „Im letzten Jahr habe ich 26 PC-Games gespielt und 35 auf Playstation”, behauptet der Bub, „fast alle waren schwarz gebrannt.”

Schon für die Jüngsten gehören Videospiele heute zur Popkultur. Jahrelang galt Daddeln an Computer und Konsole als sinnleerer Zeitvertreib traniger Teenager. Doch seit Anfang der neunziger Jahre bietet die Industrie immer neue Variationen mit oft hoher grafischer Qualität an - und erreicht damit vor allem eine finanzkräftige Zielgruppe zwischen 20 und 30, die sich am liebsten an martialischen Handlungen berauscht.

Die Fans weiden sich häufig am drastischen Realismus. Das Kampfspiel „Bushido Blade” etwa stellt Verletzungen anatomisch korrekt dar: Ist das Bein kaputt, humpelt die Figur.

Der spätpubertäre Spielspaß ist für junge Erwachsene zwar geschmacklos, aber nach Ansicht der meisten Experten eher harmlos, solange die Spieler der Altersempfehlung „ab 18” folgen. Gefährdet allerdings sind, zumal nach Meinung konservativer Fachleute wie des Augsburger Pädagogikprofessors Werner Glogauer, unbefugte Halbwüchsige vor dem Bildschirm: „Das Kind ist selbst Akteur, schießt Köpfe weg und wird dabei auch noch positiv bestätigt”, so Glogauer.Vor allem Vielspieler seien nachweislich aggressiver.

Egbert Meyer, Spiele-Redakteur der Computerzeitschrift „c’t” und Autor des Buches „Krieg im Kinderzimmer”, hält dagegen: „Außerhalb von Deutschland gibt es diese hysterische Diskussion über Computerspiele nicht. Karneval, wo Cowboys auf Indianer schießen, ist viel gewalttätiger.”

Der Medienpädagoge Ullrich Dittler sieht die Eltern in der Pflicht: „Wenn ein Kind zwei Stunden mit der Kettensäge Monster schlachtet, dann aber in die Küche gehen und sich über Schulprobleme unterhalten kann, ist alles halb so schlimm.”

Der westfälische Zombiekiller Stefan träumt nach dem Spielen oft schlecht. „Resident Evil 2” will er sich trotzdem unbedingt besorgen, „weil da einfach Super-Action drin ist”.