Stern

Spinnen im Netz

Dank der verrückten Ideen zweier Amerikaner hat Deutschland eine Spitzenagentur für Webdesign

Erschienen:

  • 20. August 1998

Fotos:

  • Jan Riephoff
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Jeremy Abbetts Diät für Helmut Kohl ist radikal: Schweinebraten, Kirschkuchen - und Ecstasy: Was anderes bekommt der Kanzler nicht in dem Internet-Computerspiel, das Abbett sich ausgedacht hat. Verrückte Ideen wie diese sind das Kapital des 26jährigen. Zusammen mit David Linderman, 27, gründete er „Fork Unstable Media“ – für Internet-Profis die beste Webdesign-Agentur Deutschlands (www.fork.de).

Auf den Seiten, die „Fork“ für Beiersdorf, Spar oder die Hamburger Sparkasse entwirft, dreht sich alles, blinkt, schreit förmlich: „Klick mich an.“ Und wo Hitlisten für Kreativität im Internet aufgestellt werden - ob im USMagazin „Atlas“ oder im japanischen „Shift“ - finden sich Arbeiten von David und Jeremy.

1996 machten sich die beiden gebürtigen Amerikaner nach ihrem Studium in Deutschland selbständig. Weil keine Bank Kredit gab, fingen sie mit ihren Privatcomputern an und mit dem Konzept: keine Kompromisse. Linderman kokett über die heute vierzehnköpfige Agentur in Hamburgs Schanzenviertel: „Wir kommen vom Skaten oder Breakdance und haben nichts davon für unseren Job aufgegeben. Das ist unsere Stärke.“

Doch die Mischung aus Gaga-Spaß und Profi-Busineß ging nicht immer gut. Mit Ecstasy für Kohl, Bomben auf BSE-Kühe oder Ping-Pong mit der Nivea-Dose bekam man noch Beifall, aber der „Princess Diana Tunnel Racer“, der im März die Todesfahrt von Lady Di simulierte, war zuviel. Englands Boulevardblatt „Mirror“ entrüstete sich über die „kranke“ Idee, befragte Mercedes („Ekelerregend!“) und einen Labour-Abgeordneten („Schlechtestmöglicher Geschmack!“).

Dem Ruf hat der Skandal nicht geschadet: Die Bertelsmann-Stiftung engagierte das Duo als Dozenten. Im Herbst will „Fork“ ein Online-Magazin starten, dann ein Büro in New York eröffnen.

Vorher würden die Designer noch gern in der Parteienwerbung mitmischen. „Politiker werden in Deutschland so langweilig verkauft. Das wäre für uns eine tolle Herausforderung.“ Es gibt nur ein Problem. Abbett: „Kohl würde uns nie nehmen.“