Stern

Was macht eigentlich Ray Cokes?

Der Engländer moderierte vier Jahre lang beim Musikkanal MTV die schräge interaktive Erfolgsshow MTV'S MOST WANTED. 1996 überwarf er sich mit dem Sender und kündigte

Erschienen:

  • 2. August 2001

Fotos:

  • MTV
  • privat
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Sie haben mal gesagt: Wenn ich 50 bin, möchte ich in Frankreich für einen kleinen Fernsehsender arbeiten und es mir gut gehen lassen. Wird das noch was?

Bis dahin habe ich ja noch sieben Jahre. Ich würde am liebsten in St.Tropez leben, aber dafür bin ich wohl nicht reich genug. Ich liebe Frankreich, deshalb arbeite ich dort ja jetzt schon.

Was machen Sie da?

Ich bin jede Woche zu Gast in einer Sendung. Sechs Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern erzählen aus ihrer Heimat. Ich gebe den typischen Engländer und mache mich über die Klischees lustig.

Sie haben nie öffentlich darüber gesprochen, warum Sie MTV verlassen haben.

Ich war damals sehr wütend und fürchtete, dass ich zu bitter und beleidigt wirke. Aber jetzt muss ich die Geschichte einmal erzählen.

Raus damit.

Es war die Zeit, als MTV Probleme hatte, weil in Deutschland gerade Viva erfolgreich gestartet war. Ich war sehr populär, und die Manager wollten, dass ich mit einer Live-Show in die Schlacht ziehe. Ich sagte: Gern, lasst mich eine Idee entwickeln, Prominente einladen, damit es richtig gut wird. Die Bosse aber sagten: Nein, du machst die Show in drei Wochen. Das schien mir unmöglich.

Aber Sie waren doch berühmt für Ihre Spontaneität und Ihr Improvisationstalent.

Das geht in einer kleinen Studiosendung wie "Most Wanted", aber hier sollte ich eine 90-minütige Live-Show mitten auf der Hamburger Reeperbahn machen. Das muss man professionell vorbereiten. Ich wollte also nicht. Aber MTV rief mich an und sagte: Wenn du die Show nicht machst, wirst du nie wieder einen Job kriegen. Es wurde ein Desaster. Es waren keine Prominenten gebucht, es regnete, es war kalt. Und MTV hatte fälschlicherweise behauptet, die Toten Hosen würden live auftreten, die waren aber nur per Satellit zugeschaltet.

Das enttäuschte die Fans.

Schlimmer. Als die Band nur auf dem Bildschirm erschien, drehte die Menge total durch. Punks warfen Bierflaschen auf die Bühne. 80 Minuten hielt ich durch, dann habe ich gesagt: Lasst uns hier verschwinden, die Situation gerät außer Kontrolle.

Und anschließend haben Sie gekündigt.

MTV gab mir die Schuld. Sie behaupteten, ich hätte die Kontrolle verloren, die Ausschreitungen provoziert. Sie kippten meine Sendung und wollten mir später ein anderes Angebot machen. Aber das war für mich nicht mehr akzeptabel - es war eine Frage des Stolzes, und so verließ ich MTV.

Nach der Trennung gab es böses Blut.

Absolut. Ich hörte Gerüchte, es sei unmöglich, mit mir zu arbeiten, und ich sei völlig durchgedreht - das Ende meiner Karriere.

Wie erging es Ihnen danach?

Eine Zeit lang war ich glücklich, meine Freiheit wiederzuhaben. Ich besuchte Freunde, reiste, grub meinen Garten um. Aber dann kam ich vom Weg ab. 95 Prozent der Freunde aus der MTV-Zeit kannten mich nicht mehr, das war sehr traurig. Ich wurde depressiv. Zum Glück geht es mir seit zwei Jahren wieder besser.

MTV feiert in diesen Tagen seinen 20. Geburtstag. Ein Anlass, sich zu versöhnen?

Der MTV-Schwestersender VH-1 hat in England vor einigen Wochen eine Sondersendung mit mir gemacht. Ein großer Erfolg. Nach 45 Minuten Sendezeit hatten wir 600 E-Mails, 2500 SMS-Nachrichten, Hunderte von Anrufen von Zuschauern, die alle sagten: Toll, dass du wieder da bist, Ray. Leider wollen mich VH-1 und MTV trotzdem nicht wiederhaben.