SZ Magazin

Hier gibt es nichts zu sehen

Psychologen enthüllen: Ausgerechnet unser wichtigstes Sinnesorgan lässt uns andauernd im Stich.

Erschienen:

  • 15. Juni 2001

Fotos:

  • Fred Stichnoth
IMG_4419~.jpg

Pilot 4 war ein erfahrener Kapitän, der mehr als 2000 Stunden in dem Flugzeugtyp absolviert hatte, den er nun steuerte. Heute sollte er zum ersten Mal ein neues System für sanftere Landungen testen. Man hatte ihm gesagt, dass dazu beim Blick aus dem Cockpitfenster zwei Balken in sein Sichtfeld projiziert würden, die ihm den genauen Abstand des Flugzeugs vom Boden anzeigten. Pilot 4 führte das Landemanöver wie immer routiniert aus, wartete darauf, dass die Balken erschienen. Er blickte dabei ununterbrochen aus dem Fenster Richtung Landebahn. Doch das andere Flugzeug, das quer auf der Piste stand und schließlich mehr als die Hälfte seines Blickfeldes einnahm - das Flugzeug, das er in wenigen Sekunden rammen würde, sah er nicht.

Zum Glück war dies nur ein Experiment des Nasa-Wissenschaftlers Richard Haines, der Pilot steuerte kein Passagierflugzeug, sondern saß in einem Simulator. Doch das Ergebnis verstörte den Flieger: "Ehrlich, ich habe nichts auf der Landebahn gesehen." Er glaubte erst an die Existenz des Hindernisses, als ihm die Videoaufzeichnung des Tests gezeigt wurde. Pilot 4 soll – schockiert vom eigenen Versagen - auf der Stelle seinen Job quittiert haben. Ob das stimmt, steht nicht in der Studie; der Mann hätte jedenfalls keinen Grund dazu gehabt, denn er war nicht der Einzige. Acht getestete Profi-Flieger sahen das Flugzeug auf der Piste im Schnitt erst vier Sekunden, nachdem es aufgetaucht war – beim Landeanflug eine Ewigkeit. Nur einer reagierte auf der Stelle. Zwei Piloten entdeckten das Hindernis überhaupt nicht.

Eine Geschichte, die der deutsche Wissenschaftler Heiner Deubel gern erzählt, illustriert sie doch besonders plastisch seine eigenen Forschungsergebnisse: "Der Eindruck, man könne alle Dinge in seinem Gesichtsfeld gleichzeitig sehen, ist eine Illusion." Der Psychologe an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität – in Deutschland ist er der Einzige, der sich intensiv mit diesem Phänomen beschäftigt – erklärt den Pilotenfehler so: "Noch bevor Menschen etwas anschauen, verlagern sie ihre Aufmerksamkeit dorthin. In diesem Moment sind sie blind für alles andere." Bei den Piloten war die Aufmerksamkeit bereits auf die erwarteten Balken gerichtet. Und für das Flugzeug auf der Landebahn war im Gehirn einfach kein Platz mehr.

Der Mensch nimmt seine Umwelt in erster Linie optisch wahr. Die Augen sind unsere wichtigsten Sinnesorgane, ihnen vertrauen wir intuitiv. Während wir uns schon mal über Geräusche vergewissern ("Hast du das auch gehört?"), Gerüche und Gefühltes als subjektive Regungen interpretieren ("Ist mir nicht süss genug", "Ich finde, der Pullover kratzt"), bestreiten wir normalerweise nicht die Existenz von Dingen, die wir sehen. Sitzen wir mit Freunden an einem Tisch mit Tellern, Servietten, Besteck, Essen und einer Flasche Wein, dann meinen wir, alles ständig im Blick zu haben. Es besteht scheinbar kein Grund zum Zweifel – eine trügerische Sicherheit.

Der Pilot, der das Flugzeug nicht sah, ist nur ein eindrucksvolles Beispiel für zwei verwandte und wenig bekannte Phänomene, die Psychologen "Inattentional Blindness" und "Change Blindness" nennen, zu Deutsch: Blindheit bei Unaufmerksamkeit und Blindheit gegenüber Veränderungen. Die Sehfehler können verschiedene Ursachen haben, aber jeder ist von ihnen betroffen. Ein anderer Versuch: Ein Wissenschaftler fragt eine Testperson auf der Straße nach dem Weg. Während die Testperson grübelt und vielleicht einen Blick auf den Stadtplan wirft, tragen zwei Arbeiter eine Tür zwischen dem Wissenschaftler und dem Testkandidaten hindurch. In diesem Moment wird der ursprüngliche Fragesteller hinter der Tür gegen eine andere Person ausgetauscht. Obwohl Wissenschaftler Nummer zwei anders gekleidet ist, eine andere Frisur und Statur hat, haben viele Testpersonen sich nicht daran gestört und ihm wie selbstverständlich den Weg erklärt. Unmöglich? Die amerikanischen Psychologen Daniel Simons und Daniel Levin haben das Experiment gemacht – die Hälfte aller Kandidaten bemerkte keinen Unterschied.

Heiner Deubel hat eine Erklärung für das verblüffende Versagen vieler Versuchsteilnehmer parat: "In den für die Verarbeitung visueller Reize zuständigen Arealen des Gehirns sind nur drei bis vier so genannte Items, also Details, repräsentiert." In einer Gesprächssituation zum Beispiel liegt unsere Aufmerksamkeit vielleicht auf den Augen des Gegenübers, seinen Händen, dem Schreibtisch vor ihm. Müssten wir aber aus dem Zimmer gehen und dann beschreiben, welches Muster seine Krawatte hatte oder ob hinter ihm eine Zimmerpflanze stand, würden wir versagen. Deubel: "Wir glauben, ein komplettes Bild unserer Umgebung wahrzunehmen, aber sehen bewusst nur extrem wenige Ausschnitte." Angesichts dieser Erkenntnisse schrieb das britische Wissenschaftsmagazin New Scientist: "Wir sehen viel weniger, als wir glauben. Unsere visuelle Welt ist eine Illusion."

Philosophen von Plato über Descartes bis Kant haben sich mit der Frage beschäftigt, ob das, was wir an Sinnesreizen empfangen, wirklich etwas mit einer realen Außenwelt zu tun hat. Und auch wenn Plato meinte, wir sähen lediglich schwache Abbilder von "Ideen", Descartes zunächst zweifelte, ob wir überhaupt etwas über die Welt wissen und Kant zeigte, dass jede Sinneswahrnehmung nur innerhalb bestimmter Kategorien wie Raum und Zeit Gültigkeit hat, so waren doch alle in einem Punkt einig: Unsere Sinnesorgane nehmen Entsprechungen – möglicherweise verfremdet – aus unserer Umwelt auf und speichern sie.

Wahrnehmungsforscher zeigen, dass gerade dies häufig misslingt. Vor allem die Psychologen unter ihnen haben dem philosophischen Zweifel, ob die Außenwelt real ist oder Illusion, einen neuen Dreh gegeben: Wir meinen nur, die Welt um uns vollständig und mit vielen Details wahrzunehmen, aber sehen in Wahrheit einen geradezu lächerlich kleinen Ausschnitt. Und selbst den nur zeitweise.

Bestimmte Veränderungen in unserer Umgebung können wir gar nicht registrieren: Der Mensch ist darauf angewiesen, Bewegungen zu erkennen. Dafür gibt es im Gehirn spezielle Detektoren. Bewegt sich etwas in unserem Gesichtsfeld, verlagern wir automatisch unsere Aufmerksamkeit dorthin und sehen die Veränderung. Schwierig wird es, wenn wir die Bewegung nicht bemerken, was viel häufiger der Fall ist, als man zunächst glauben mag.

Ein paar Zahlen: Etwa alle drei Sekunden blinzeln wir. Während dieses 200 Millisekunden dauernden Lidschlages sehen wir naturgemäß nichts. Auch die unwillkürlichen Blickbewegungen, die wir drei- bis viermal pro Sekunde vollziehen und die jeweils 50 bis 100 Millisekunden dauern, verhindern, dass unsere Augen klare Reize empfangen. Das ergibt im Schnitt 250 Tausendstel pro Sekunde, in denen unsere Wahrnehmung blockiert ist. Heiner Deubel: "Mindestens ein Viertel unserer wachen Zeit sind wir blind."

Dummerweise ist darüber hinaus unser Kurzzeitgedächtnis im Hinblick auf visuelle Informationen keineswegs so ausgeprägt, wie wir meinen. Der Psychologe Kevin O'Regan stellte 1992 in Paris erstmals die These auf, die später als seine Theorie der Großen Illusion bekannt wurde: Er behauptet, dass wir während der Wahrnehmung gar keine Abbilder der externen Welt in unseren Köpfen speichern. Stattdessen täuschen wir uns selbst mit einem Trick: In dem Moment, in dem ein Aspekt in unserer Umgebung wichtig wird, schauen wir einfach kurz hin. Eine Operation, die wir gar nicht bemerken, die aber die Illusion erzeugt, wir hätten dauernd alle Details unserer sichtbaren Umgebung im Kopf.

An O'Regans These vom "externen Wahrnehmungs- speicher" glaubt auch Deubel: "Es würde viel zu viel Gehirnleistung erfordern, wenn wir unser gesamtes Blickfeld ständig im Kurzzeitgedächtnis speichern müssten. Statt des Gehirns ist die Welt unser Speicher."

Genau das aber hat fatale Folgen. So bemerken wir Veränderungen in unserer Umgebung nur, wenn sich unsere Aufmerksamkeit gerade auf das betreffende Detail richtet. Aber das ist eben nicht immer der Fall. Autofahrer kennen das: Eine Ampel ist auf Rot gesprungen, aber wir haben es einfach nicht gesehen, obwohl wir sehr wohl meinten, auf die Straße konzentriert gewesen zu sein. Deubel: "Selbst wenn ich eine Sache fixiere, verschiebt sich meine Aufmerksamkeit unabhängig davon ständig im Raum. Wenn ich also auf ein Ding schaue, ohne meine Aufmerksamkeit darauf zu haben, kann es sich verändern und ich merke es nicht."

Um seinen Studenten dieses "Schauen, ohne zu sehen" zu demonstrieren, wiederholt Deubel einen Versuch von John Grimes, jenem US-Psychologen, der das Phänomen der Change Blindness erstmals untersucht hat. Deubel zeigt seinen Probanden am Monitor das Foto eines Pärchens auf einer Veranda. Immer wenn der Versuchsteilnehmer blinzelt, tauscht der Computer blitzschnell das Bild aus. In Bild zwei ist ein Detail verändert, das Geländer der Terrasse, zum Beispiel, wurde etwas nach oben gerückt. Da die Bilder genau in dem Moment wechseln, in dem die Augen des Beobachters geschlossen sind, kann er keine Bewegung erkennen. Und weil er immer nur drei oder vier Items zugleich im Kopf behalten kann, muss er das Foto bei jedem Bildwechsel Detail für Detail durchforsten, um den Unterschied zu finden. Deubel: "Wenn es sich um ein weniger wichtiges Item wie einen Schatten oder einen Lichtreflex handelt, können Sie da stundenlang draufschauen und finden es nicht."

Wären die Forschungsergebnisse von Deubel und seinen Kollegen allgemein bekannt, hätten sie bemerkenswerte praktische Folgen: So müssten viele der Fahrzeuglenker, die nach einem Unfall behaupten, die rote Ampel oder das Bremslicht einfach nicht gesehen zu haben, vor Gericht Recht bekommen. Dass das nicht praktikabel ist, weiß auch der Münchner Forscher. Aber er drängt darauf, technische Lösungen zu finden, die dem Phänomen gerecht werden. "Bremslichter, zum Beispiel, sollten nicht einfach rot leuchten, sondern blinken, denn Bewegung zieht automatisch die Aufmerksamkeit auf sich", fordert Deubel. Auch für Menschen, die in Stresssituationen viele Informationen verarbeiten müssen, brauche es neue Ideen, sonst könnte beispielsweise ein Techniker im Kernkraftwerk die entscheidende Warnlampe übersehen. Deubel: "Wenn dort alle Lampen blinken, dann übersieht man die eine wichtige."

Womit wir bei der Auflösung eines kleinen Experiments wären: Denn auch die Veränderung, die wir in die beiden Bilder auf den Seiten 11 und 13 eingebaut haben, war alles andere als unbedeutend: Ausgetauscht haben wir die Versuchsperson. Ob Sie die Veränderung bemerkt haben oder nicht – vielleicht sollten Sie sich ebenfalls von der Illusion verabschieden, über Ihre Sinnesorgane einen kompletten, umfassenden Zugang zu der Welt da draußen zu haben.

Denn, wie Deubel und O'Regan in ihrer jüngsten Veröffentlichung mahnen: "Etwas anzuschauen garantiert nicht, dass man es auch sieht."