Vanity Fair

Dampf der Kulturen

Damaskus ist seit jeher ein Ort der Völkerverständigung. Doch nirgendwo in der syrischen Hauptstadt finden die Menschen so sehr zusammen wie im traditionellen Badehaus: dem Hamam

Erschienen:

  • April 2008

Fotos:

  • Philip Lee Harvey
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Nach dem schnauzbärtigen Sadisten, der nicht aufhörte, mir freundlich lächelnd mit dem Schwamm Seifenwasser ins Gesicht zu reiben … Nach dem Aufseher, der mich dreimal ins Dampfbad zurückschickte, weil ich seiner Meinung nach noch nicht sauber genug war … Nach einer Dreiviertelstunde, in der ich nackt, nur mit einem nassen Tuch um die Hüften, herumkommandiert wurde und man mir mit einem groben Handschuh aus Ziegenhaar die Haut vom Leib gerieben hatte … Als nach all dem der bullige Masseur mit der Filmstarfrisur befahl, mich mit dem Gesicht nach unten hinzulegen, um mich sodann in fünf rabiaten Knetminuten durchzuwalken, musste ich an Naram Omrans Warnung denken.

Die junge Frau, die in Paris aufgewachsen ist, fast akzentfrei Englisch spricht und nun in ihrem Geburtsland Syrien für das Luxushotel Four Seasons Damascus arbeitet, hatte mir heute Morgen noch von all dem abgeraten. Sie hielt nichts vom Hamam, dem arabischen Badehaus. Zu unhygienisch fand sie das und wohl irgendwie auch zu unkultiviert.

Die weltläufige Naram wollte viel lieber von einer modernen Stadt erzählen. Wollte Tipps geben, in welchen Bars und Nachtclubs man tanzen kann oder welcher Bildhauer auf internationalem Niveau arbeitet. Wollte beweisen, dass Syrien nicht nur aus verschleierten Frauen und einer reaktionären Regierung besteht, sondern dass eine Frau wie sie hier genau so viel Spaß haben kann wie in Paris, „vielleicht sogar mehr als dort“.

Bei der nächtlichen Recherche im Oxygen, dem angeblich coolsten Club der Stadt, stellte sich allerdings heraus, dass sie damit vielleicht etwas übertrieben hatte – es sei denn, Musik von Chris de Burgh und ein Fernseher mit amerikanischen Actionfilmen sind im Pariser Nachtleben neuerdings en vogue.

Auch deshalb mochte ich das mit dem Hamam nicht glauben. Außerdem sind Frauen in dieser Männerwelt aus Zigaretten, Seife, Schweiß und schwarzem Tee auch nur eingeschränkt zugelassen. Und tatsächlich: Der Hamam, genauer gesagt der Nour Eddin Al Shaheer, der schönste und älteste der Stadt, war weder unhygienisch noch unkultiviert, sondern eine ruppige Übung in Völkerverständigung.

Bei viel Schulterklopfen und Männerbündelei hatte ich hier gleich am ersten Tag in der syrischen Hauptstadt eine Erfahrung gemacht, die sich danach verfestigen sollte: Spätestens wenn man die Menschen mit „Marhaba“ (Hallo) oder „Salaam Aleikum“ (Friede sei mit dir) begrüßt und statt „Thank you“ auch mal „Shukron“ sagt, ist das Eis gebrochen. Dann sind Syrer die vielleicht freundlichsten, offensten und herzlichsten Menschen, denen man auf dieser Welt begegnen kann. Und ja – das gilt auch im Vergleich mit Thais oder Rheinländern.

Da war der Taxifahrer, der mir gleich einen Schluck Wasser anbot und für mich den englischsprachigen Radiosender Fresh FM einstellte, sodass sich auf dem Weg durch die engen Altstadtgassen türkischer Pop von Tarkan mit amerikanischem Hip-Hop abwechselte. Da waren die Passanten, die einem eilfertig den Weg wiesen, auch wenn man sie gar nicht gefragt hatte. Und da war der Einseifer aus dem Hamam, der zum Abschied viermal quer durch den Raum winkte, als ich mir meine Kleidung wieder über den inzwischen rosa glänzenden Körper zog.

Es gibt also zwei Konflikte im Herzen des europäischen Damaskus-Besuchers. Der eine ist Narams Frage, ob man während seines Aufenthalts das arabische Klischee oder die globalisierte Wirklichkeit zu sehen vorzieht. Der andere ist die Diskrepanz zwischen den Vorurteilen, die man mit auf den Weg genommen hat – Mittlerer Osten, muslimisches Land, staatliche Unterstützung radikaler Islamisten –, und den unvoreingenommen offenherzigen Menschen, die man trifft.

Beide Widersprüche mischen sich schon beim Gang durch die Altstadt aufs Unübersichtlichste. Hier auf dem Weg zur unterirdischen Kirche des heiligen Hananias, der laut Bibel den Apostel Paulus vor knapp 2 000 Jahren von seiner Blindheit heilte und so von Damaskus aus den Siegeszug des Christentums ermöglichte. In den Suks, den schmalen Einkaufsstraßen, sieht man neben den allgegenwärtigen Bildern des syrischen Präsidenten Assad auch Konterfeis des iranischen Staatschefs Ahmadinedschad oder des im Februar vom israelischen Geheimdienst getöteten Hisbollah-Anführeres Emad Maghanija. Doch weit mehr Poster zeigen igelhaarige junge Popsänger.

Man sieht Pferdewagen, mit Kanistern voller Sonnenblumenöl beladen, die am Stau vorbeizuckeln, aber auch tiefergelegte japanische Sportwagen mit Chromfelgen. Man hört den Muezzin, riecht Kardamom, Kaffee und Kurkuma. Aber es gibt auch Handyläden und Dessousgeschäfte. Man geht von der Moschee ins Internetcafé, bestellt sich zum Importbier eine Wasserpfeife und denkt sich – zum Teufel mit den Konflikten, Vorurteilen und scheinbaren Widersprüchen –, Damaskus ist einfach eine tolle Großstadt. Und eine, die mehr Geschichte hat als Paris, London und Berlin.

Die syrische Hauptstadt ist die wahrscheinlich älteste Metropole der Welt – Ausgrabungen im Hof der Omaijaden-Moschee im Zentrum der Altstadt datieren erste Siedlungen auf 3000 vor Christus. Im Verlauf der wechselhaften Geschichte haben die Perser und die Römer die Stadt beherrscht, die arabischen Kalifen, die Mongolen, Mamelucken und die Türken und schließlich von 1920 bis 1945 die Franzosen. Weshalb mir der Aufpasser in der Moschee „Monsieur, Monsieur!“ hinterherruft, als ich geistesabwesend in jenen Teil schlendere, der den Frauen vorbehalten ist.

Der in Deutschland lebende, aber in Damaskus geborene Schriftsteller Rafik Schami erinnert in einem seiner Heimatstadt gewidmeten Buch daran, „wie viele Kulturen in Damaskus neben- und miteinander gelebt haben und immer noch leben“. Schon immer habe eine besondere Freundlichkeit gegenüber Besuchern die Bewohner der Stadt ausgezeichnet: „Das nehmen die Fremden wahr. Die Ursache dieser Freundlichkeit bleibt ihnen aber in der Regel verborgen.“ Es ist die entspannte Souveränität einer historisch multikulturellen Gesellschaft.

Mehr als zehn Prozent der syrischen Bevölkerung sind Christen. Das lockere Nebeneinander der drei großen Weltreligionen verblüfft angesichts von Islamismus und Irakkrieg – doch Muslime, Christen und Juden leben in Damaskus seit knapp 14 Jahrhunderten zusammen, größtenteils ohne sich die Köpfe einzuschlagen. Kirchen stehen direkt neben Moscheen, und zum Ruf des Muezzins dekorieren junge Verkäufer an einem Straßenstand bunte Plastikkruzifixe. Dass man sich gerade in einem muslimischen oder einem christlichen Stadtteil befindet, erkennt man eigentlich nur daran, ob es im Restaurant Bier und Arak-Schnaps zu den Mezze-Vorspeisen gibt.

Damaskus ist eine faszinierende Mischung aus Weltgeschichte und orientalischer Exotik: Die gigantischen römischen Ruinen von Palmyra außerhalb der Stadt sollte man genauso wenig verpassen wie die grüne Oase des osmanischen Azempalastes, die Pracht der Karawanserei Khan Assad Pascha – ehemaliges Warenlager und Handelsplatz für Kameltracks – und die Omaijaden-Moschee, die auch Nicht-Muslime besuchen dürfen. Unter der gigantischen Kuppel umschreiten Besucher einen Schrein, in dem das Haupt Johannes des Täufers ruhen soll.

Geschichtenerzähler und Derwische trifft man in den traditionellen Cafés. Moderne Restaurants wie das Elissar oder das Naranj servieren exzellente Küche. Und das von Einheimischen empfohlene Nationalmuseum gibt einen Überblick über die wechselhafte Geschichte des Landes.

Im Café vor dem Museum sitzen syrische Fremdenführer zusammen und trinken in ihrer Pause süßen Tee. „Bonjour“, sagt einer, „Welcome to Syria, Sir“, ein anderer, „Grüaß Gott, I sprech oa Bayrisch“, der Dritte. Muhammed Jamal Hannan hat 13 Jahre in Süddeutschland gelebt und weiß um die Ängste europäischer Syrien-Reisender: „Die Menschen sehen im Fernsehen nur Terror und das Schlechte am Islam.“ Für ihn ist das alles „Politik und Geschäft“, habe nichts mit dem richtigen Leben zu tun.

May Mamarbachi, Gründerin des ersten Luxusboutiquehotels der Stadt, des Beit Al Mamlouka, meint sogar: „Syrien ist eines der sichersten Reiseländer der Welt.“ Eine Einschätzung, die Reiseführer bestätigen. Mamarbachis mitten in der Altstadt gelegenes umgebautes Damaszener Haus mit acht exklusiven Zimmern ist durchgehend von europäischen Besuchern belegt. Die resolute Frau hat wenig Zeit, zündet sich schnell noch eine Zigarette an, zückt ihr schon wieder klingelndes Handy und gibt mir zum Abschied ihren, wie sie sagt, Geheimtipp mit auf den Weg: „Werfen Sie den Stadtplan weg. Get lost in the Souks!“

Sich in einer fremden, unübersichtlichen und größtenteils muslimischen Altstadt absichtlich zu verlaufen ist eine Vertrauensübung. Ausprobieren sollte man es trotzdem. Also los: Zufällig in Karawansereien und türkische Stadtpaläste stolpern, viele kleine Kaffees mit Kardamom trinken, von einem Jungen vor der Moschee lernen, wie man die Oud spielt, die syrische Flöte. Und plötzlich merkt man, dass Rafik Schami recht hat, wenn er schreibt: „Alle Wege führen immer wieder zu jedem beliebigen Punkt in der Altstadt.“ Denn nach ein paar Stunden steht man wie durch ein Wunder wieder vor seinem Hotel. Und hat sich tatsächlich nie Sorgen gemacht, ob das jetzt mutig war oder gefährlich. Hat nicht an Terroristen und Islamisten oder auch nur an Touristenfänger gedacht.