Vanity Fair

Das Hilft — Das Tötet

Das Geschäft mit gefälschten Medikamenten boomt. Per Internet bestellen sich Deutsche Millionen Packungen von Potenzpillen, Haarwuchsmitteln und Anabolika aus chinesischen Kellerlaboren. Und spielen dabei fahrlässig mit Ihrem Leben

Erschienen:

  • Oktober 2008

Fotos:

  • Jürgen Schwope
  • Maurice Weiss
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Der Apotheker ist ganz aufgeregt: „Strong, strong!“, ruft er immer wieder: „Stark, stark!“ Nachdem man ihm in einem ruhigen Seitengang mit Gesten unterhalb der Gürtellinie dezent verdeutlicht hat, welche Art von Medikament man sucht, führt er ohne Zögern an eine Glasvitrine. Hier liegen, wie im Supermarkt, verschieden große Packungen der in Deutschland rezeptpflichtigen Potenzmittel Viagra und Cialis. 280 chinesische Renminbi, umgerechnet rund 30 Euro, für je eine Tablette der beiden Mittel. Dazu empfiehlt er noch nachdrücklich eine Dose getrockneten Yak-Penis.

Die Suche hat vielleicht 15 Minuten gedauert. Selbst im verwestlichten Schanghai kann man rezeptpflichtige Medikamente ohne Rezept in der Apotheke kaufen. Die Frage ist nur, ob sie echt sind.

Das Geschäft mit den gefälschten Pillen, Pulvern und anderen Arzneien erlebt nicht nur in Asien einen beängstigenden Boom. 2007 beschlagnahmte der europäische Zoll mit über vier Millionen Packungen 51 Prozent mehr falsche Medikamente als im Jahr zuvor, die hauptsächlich auf dubiosen Websites bestellt wurden. Damit hat sich die Zahl der aufgeflogenen Fälschungen seit 2005 fast versiebenfacht. Besonders beliebt sind Potenzpillen, Haarwuchsmittel und Anabolika. Was schön oder stark macht, wird gefälscht. Die Weltgesundheitsorganisation WHO beziffert den Umsatz mit gefälschter Medizin für 2006 auf 32 Milliarden Dollar. Und die meisten Fälschungen stammen laut EU-Zollkommissar Laszlo Kovacs aus China.

Das ist nicht nur ärgerlich für die Hersteller der Medikamente, die nicht selten, wie im Fall Viagra der amerikanische Pfizer-Konzern, Milliarden in jahrelange Forschung gesteckt haben, bevor ihre Pillen reif für die Apotheke waren. Es ist vor allem brandgefährlich. Weltweit kosten die unter teils hanebüchenen Bedingungen zusammengepanschten Plagiate nach Expertenvermutungen – genaue Zahlen gibt es nicht – jedes Jahr Hunderttausende Menschen das Leben. Geschätzte zehn Prozent aller international gehandelten Medikamente sind falsch.

Was das konkret bedeutet, kann man in Eschborn bei Frankfurt besichtigen. Hier prüft die Pharmazeutin Mona Tawab für das Zentrallaboratorium Deutscher Apotheker die Qualität deutscher Medikamente. Bis vor Kurzem war das ein äußerst öder Job: Jahrelang fand Tawab nie auch nur ein einziges fehlerhaftes Produkt. Doch seit das Labor ein neues Wirkungsfeld entdeckt hat, ist Leben in der Bude.

Mit bunt leuchtenden, rhythmisch wackelnden und rotierenden Spezialautomaten, die Namen wie „Hochdruck-Flüssigkeitschromatograf“ tragen, untersuchen Tawabs Mitarbeiter nun auch potenzielle Fälschungen – und die werden gleich kistenweise vorbeigeschickt. Den Einkauf aus Schanghai nehmen sie auch unter die Lupe. Das Ergebnis: Die Cialis scheinen echt zu sein, aber die Viagra-Tabletten haben eine Wirkstoffkonzentration von 120 Prozent. „Eine derart falsche Dosierung darf bei echten Medikamenten nicht vorkommen“, sagt Tawab. Das sagt man auch bei Pfizer. Die in Schanghai gekauften Viagra sind gefälscht. Es ist vor allem das Internet, das die Flut an Fälschungen ausgelöst hat. Denn seit selbst in den entlegensten Dörfern so ziemlich jeder Haushalt einen DSL-Anschluss hat, trifft das weltweite Angebot auf eine bisher unterdrückte Nachfrage. „Vielen Menschen, gerade in kleinen Städten, ist es unangenehm, beim Apotheker nach Haarwuchsoder Potenzmitteln zu fragen“, sagt Mona Tawab. Etliche dieser Menschen bestellen ihr Viagra deshalb eben in China oder Indien. Computer, Kreditkarte und ein bisschen Glück am Zoll – mehr braucht man nicht.

Und oft sind die peinlichen Pillen im Internet auch günstiger: Etwa zehn Euro kostet eine regulär erstandene Viagra-Tablette in Deutschland. Im Netz gibt es sie für einen Euro. Der Apotheker in Schanghai verlangt für seine falschen Pillen ganz offensichtlich auch noch, nun ja, Apothekenpreise.

Doch wer „Viagra“ bei Google eintippt, findet vor allem jede Menge wenig vertrauenerweckender Angebote. Das Mittel wird mit Slogans wie „Gesundheit, Glück, Freiheit“ beworben – oder, etwas direkter: „What women really want“. Kaum einer der Anbieter ist zugelassen, wurde je geprüft oder ist von einer offiziellen Institution gefragt worden, von wem er seine Pillen bezieht oder wer sie in welchem Labor zusammengekocht hat. Allein über den Vertriebsweg Internet, so schätzen Experten, sind inzwischen sechs bis acht Prozent der gängigen Medikamente auf den deutschen Markt gelangt. „Und das ist nur die Spitze des Eisberges“, sagt Hans-Joachim Mill, Chef der Anti-Fälscher-Taskforce von Pfizer: „Wir haben von 2006 auf 2007 eine Verdoppelung der sichergestellten gefälschten Viagra festgestellt.“

Der Pharmakonzern MSD, in Deutschland Hersteller des häufig imitierten Haarwuchsmittels Propecia, hat sich kürzlich in die Rolle des Konsumenten versetzt: Er kaufte einfach bei den ersten 14 Google-Treffern und ließ die Pillen von Mona Tawab untersuchen: „Sechs Produkte haben wir als Fälschungen identifiziert“, sagt Fulvia Kipper von MSD. „Vier enthielten gar keinen Wirkstoff, zwei hatten einen stark verringerten Wirkstoffgehalt und enthielten einen anderen Bestandteil. Der war aber nicht identifizierbar.“

Wobei „nicht identifizierbar“ immer noch besser ist als giftig: Auch mit Strychnin, exotischen Schmerzmitteln und krebserregenden Substanzen wie Chloroform oder Benzol verunreinigte Pillen wurden schon gefunden. Hat der Kunde hingegen Glück, bekommt er im Ausland legale Generika oder mit fast korrekten Inhaltsstoffen ohne Lizenz hergestellte Pillen – das ist zwar hierzulande illegal, bringt einen aber immerhin nicht um.

Verwunderlich ist die kriminelle Energie hinter den Plagiaten kaum: Medikamente zu fälschen ist noch lukrativer, als Raubkopien von Uhren oder Taschen herzustellen. Die Herstellung ist selbst bei korrekten Kopien günstig, denn der größte Teil der Preise von Originalpräparaten soll die Entwicklungskosten decken – und die hat ein Fälscher eben nicht.

Noch mehr Profit bringt es, statt des Wirkstoffs einfach irgendetwas in die Pillen zu panschen. Die enormen Summen, die sich so verdienen lassen, führen dazu, dass nicht selten das organisierte Verbrechen hinter Medikamentenfälschungen steckt. „Kriminelle verdienen in dem Sektor so gut wie mit Rauschgift“, sagt Hans-Joachim Mill.

Haupteinflugschneise wie auch letztes Bollwerk gegen die Schieberei ist der Flughafen Frankfurt. „Reisende aus Asien werden besonders oft nach Medikamenten durchsucht“, sagt Christine Kolodzeiski vom deutschen Zoll. Aber jeder Fund ist Glückssache. Denn vor Spürhunden brauchen Medikamentenschmuggler keine Angst zu haben – die schlagen nur auf Drogen an.

Und die meisten Pillen kommen in Frankfurt sowieso nicht in Koffern an, sondern in Briefumschlägen. Im Internationalen Postzentrum auf dem Flughafengelände durchleuchten Rüdiger Kurz und seine 60 Kollegen deshalb säckeweise Post aus verdächtigen Ländern mit sogenannten Weichstrahlern. „Eigentlich suchen wir vor allem nach Drogen“, sagt Kurz – wofür man auch schon mal Teddybären aufschlitzen oder Zahnpastatuben ausdrücken müsse. Die Form der Pillen und Blisterverpackungen erscheine hingegen stets eindeutig auf den Bildschirmen. „Wir finden alles, was bei uns landet“, sagt Kurz.

Der Onlineboom hat auch Markus Redanz ordentlich Arbeit beschert. Ein paar Räume weiter sitzt er zwischen deckenhohen Bergen von Umschlägen und klagt. Er ist Chef von 13 Leuten, er brauchte eigentlich viel mehr. Hier kommen die von Kurz aufgespürten Pillenpäckchen an, werden geöffnet und von Hand sortiert. Ein Mitarbeiter recherchiert gerade einen Wirkstoff auf Wikipedia, auf dem Schreibtisch liegt ein großes gelbes Buch mit allen am Markt erhältlichen Medikamenten. Sind die gefundenen Pillen rezeptfrei, werden sie an den Empfänger weitergeschick:, „Vitamintabletten zum Beispiel“, sagt Redanz. Handelt es sich um verschreibungspflichtige Medikamente, werden sie entweder zu Nachforschungen dem deutschen Rechteinhaber geschickt – Viagra geht so etwa an Pfizer – oder gleich als Sondermüll vernichtet. Der Kunde, der das Präparat im Internet bestellt hat, bekommt statt Pillenpäckchen dann eine Notiz mit der Nachricht, seine Sendung sei beschlagnahmt worden. „Wir finden zu 90 Prozent Potenzmittel“, so Redanz.

Angesichts der Masse an Fälschungen ist das mühselige Durchsuchen von Briefumschlägen aber kaum eine dauerhafte Lösung. Die Pharmakonzerne verlegen sich daher zunehmend darauf, das Problem in den Ursprungsländern anzugehen. Keine 15 Taximinuten von der chinesischen Fälscherapotheke entfernt sitzen deshalb Oliver Lutze und Xiaohai Liu in einem hochmodernen Glasbüro und versuchen zu erklären, warum ihr etwas trockenes Fachgebiet eigentlich ein spannender Krimi ist.

Der deutsche Patentanwalt und der Professor für Urheberrecht bilden zukünftige chinesische Richter und Verwaltungsbeamte in Sachen Patentrecht aus. Lutze arbeitet für den deutschen Pharmariesen Bayer, der natürlich ein großes Interesse daran hat, der chinesischen Fälschermafia den Garaus zu machen. Die Firma hat der Schanghaier Tongji-Universität den Lehrstuhl „Geistiges Eigentum“ spendiert. Nicht so aufregend wie Razzien in Fälscherlabors, aber letztlich vielversprechender. „Die Ausländer sollen nicht auf China schimpfen, sie sollen ihre Fälle ordentlich vor Gericht bringen“, sagt Liu.

Doch dafür müssen sie erst einmal einen Angeklagten präsentieren – was gar nicht so einfach ist auf einem Markt, der von hochprofessionellen Banden ebenso bedient wird wie von dörflichen Pillenküchen oder bestechlichen Fabrikanten, die Fälschungen nebenher mitproduzieren. Die chinesische Polizei wird in der Regel erst tätig, wenn Beweise vorliegen. Darum haben viele Pharmaunternehmen entweder eigene Ermittler oder heuern Privatdetektive an.

Einer der erfolgreichsten sitzt im Zhao Feng World Trade Center, einem von vielen unauffälligen Bürotürmen. Hier hat die amerikanische Detektei Pinkerton ihr Büro, und hier im 24. Stock arbeitet Raymond Chiu. Graue Flure, überall Kartons, vor den Computern sitzen fast nur Frauen.

Er besorge vor allem Informanten und recherchiere im Internet sowie auf Straßenmärkten, erzählt Chiu bei stillem Wasser aus einer Kaffeetasse – Detektive haben selten Besuch. Aber man dürfe sich nichts vormachen: Solange die chinesische Regierung nicht hart gegen die Fälscher vorgehe, sei alles ein Tropfen auf den heißen Stein. Erste Anzeichen dafür gibt es, seit die Kopien auch in China selbst zum Problem werden. Erst Ende Mai starben sechs Patienten eines Krankenhauses nach der Einnahme falscher Medikamente. Als herauskam, dass der Chef der staatlichen Medikamentenaufsicht bestochen worden war und unzureichend untersuchte Medikamente zugelassen hatte, wurde er hingerichtet.

Man könne nur abwarten und sich bis dahin selbst neue Tricks ausdenken, sagt Raymond Chiu. Der beste sei übrigens ein ganz simpler: Chiu hat eine „Beschwerde-Hotline“ eingerichtet. Bei der schwärzen sich die Gauner nun gegenseitig an. Auch Fälscher haben eben Konkurrenten.