Vanity Fair

Die Zukunft des Wohnens

Ausgerechnet die Umweltsünder-Nation China baut die erste Ökostadt der Welt. Und will damit allen anderen Staaten vormachen, wie nachhaltiges Wachstum aussehen kann. Ein Besuch auf der Baustelle

Erschienen:

  • Dezember 2007

Fotos:

  • ARUP
  • Markus Albers

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Schanghai liegt gerade weit genug entfernt. Der Lärm der Metropole, der Smog, die Menschenmassen sind weit weg. Hier wogt goldenes Gras bis zum Horizont. Doch wenn Alex Mitchell auf diese raue, ursprüngliche Landschaft blickt, sieht er Probleme. Er sieht Müll, und er sieht die Stadt, die hier für eine halbe Million Menschen entstehen soll. Er sieht weggeworfene Verpackungen und Plastikflaschen, vergiftete Seen, Autoabgase. Mitchell lächelt bei dem Gedanken. Denn er und seine Kollegen werden all das verhindern.

Der in Hongkong geborene Abfallexperte arbeitet für den Londoner Arup-Konzern, der weltweit schon mehr als ein Architekten-Hirngespinst in Beton gegossen hat. Arup hat etwa das Opernhaus in Sydney mit verwirklicht oder das Centre Pompidou in Paris. In Chinas Hauptstadt Peking errichtet das Unternehmen für die Olympischen Spiele im kommenden Jahr einen ganzen Satz futuristischer Bauten: das „Vogelnest“ des Architektenbüros Herzog & de Meuron, das blau leuchtende Schwimmstadion „Wasserwürfel“, die statisch unmöglich erscheinende CCTV-Zentrale von Rem Koolhaas und den spektakulären neuen Flughafen-Terminal des britischen Granden Lord Norman Foster.

Rund 1 000 Kilometer weiter südöstlich rettet man allerdings gleich die Welt. Hier, auf der Insel Chongming vor Schanghai, entsteht die erste Ökostadt des Planeten. Dongtan heißt das Projekt, und es ist der am Reißbrett entworfene Traum jedes Umweltschützers: In unterirdischen Pflanzenfabriken wachsen Nahrung für die Bewohner und Brennmaterial für Mini-Kraftwerke, deren Abwärme wiede rum das Wasser erhitzt. Nur emissionsfreie Fahrzeuge dürfen in die Stadt.

Alle Gebäude sind nach höchstmöglicher Energieeffizienz gebaut, Entfernungen so bemessen, dass Bewohner gern zu Fuß gehen. 65 Prozent des Stadtgebietes bleiben grün, dazu kommen viele Seen und Kanäle. Außerdem – hier fangen Mitchells Augen an zu strahlen – werden 90 Prozent des Mülls recycelt oder zur Energiegewinnung genutzt. Ein Dorf für antimodernistische Ökofanatiker?

Im Gegenteil. Dongtan ist Hightech-Projekt und Marketing-Geniestreich. Die geplante Kundschaft: wohlhabende Chinesen, die den Smog ebenso leid sind wie den schlechten Ruf einer Nation von Umweltsündern. Die Zeitwahl könnte nicht besser sein. Rechtzeitig zu Olympia hat die chinesische Regierung die Disziplin Ökologie entdeckt.

Auf dem jüngsten Parteitag sprach Präsident Hu Jintao das Thema so offen an wie noch nie. Chinas Wirtschaftswachstum werde „mit unmäßig hohen Kosten bei unseren Rohstoffen und unserer Umwelt erzielt“. Einer Studie der Weltbank zufolge sterben in seinem Land jedes Jahr 460 000 Menschen vorzeitig an den Folgen verseuchter Luft und verschmutzten Trinkwassers. Zudem ist die Zahl der mit Fehlbildungen geborenen Babys in nur fünf Jahren um fast 40 Prozent gestiegen. Die Umweltschäden lösen zunehmend Unruhen und Proteste im Land aus.

Auch die Zensur scheint bei diesem Thema weitgehend aufgehoben zu sein. Wer derzeit englischsprachige chinesische Zeitungen wie die „Shanghai Daily“ liest, findet täglich Berichte über verdreckte Seen und Landstriche oder Leserbriefe mit Klagen über mancherlei Sauerei. Da passt es gut ins Bild des langen Marsches zum Saubermann-Image, dass in China nun die erste Ökostadt der Welt entsteht.

„Mit Dongtan zeigen wir, wie Städte in Zukunft wachsen können, ohne die Umwelt zu zerstören“, sagt Peter Head, Nachhaltigkeitsbeauftragter bei Arup und Leiter des Projekts. Der Konzern hat das sau bere Bauen als Wachstumsbranche erkannt: Städte wie Dubai, Khartoum, Lagos, Mumbai und Rio de Janeiro werden ihre Einwohnerzahlen in den kommenden 30 Jahren verdoppeln. „Unsere chinesischen Auftraggeber meinen es sehr ernst“, sagt Head. Die Ingenieure wollten die neue Stadt ursprünglich nur zu – auch schon fortschrittlichen – 60 Prozent mit erneuerbarer Energie versorgen. Aber die Chinesen verlangten 100 Prozent.

Alex Mitchell wandert weiter über die Grasfelder, auf denen Ende des Jahres die Bauarbeiten für die Ökostadt beginnen. Irgendwo hier lebt der Schwarzstirnlöffler, einer der seltensten Vögel der Welt, der das Ganze angeblich erst ausgelöst hat. Weil ein unkontrolliert expandierendes Schanghai den sowieso schon vom Aussterben bedrohten Tieren den Lebensraum genommen hätte, kamen die Chinesen überhaupt erst auf die Idee zur umweltverträglichen Großstadt.

Wobei ihnen das nicht jeder glaubt. Chinesische Umweltschützer beklagen vielmehr, dass ausgerechnet die Bauarbeiten für die neue Ökostadt dem raren Vogel endgültig den Garaus machen könnten. Schon aus Imagegründen gibt man sich bei Arup deshalb alle Mühe, die Tiere vor Unbill zu bewahren: Der breite Streifen grasbewachsener Auen, in denen der Schwarzstirnlöffler lebt, bleibt unbebaut – auch in Zukunft, egal, wie sehr Dongtan wächst. 2010 werden die ersten Apartments verkauft, und schon 2050 sollen hier über 500 000 Einwohner leben – etwa so viele wie heute in Bremen oder Düsseldorf. Damit der Müll dieser Menschen nicht das schöne Ökoprojekt zunichtemacht, hat sich Alex Mitchell ein zentrales Abfall-Ansaugsystem ausgedacht: Wer seinen Mülleimer ausleert, schüttet den Inhalt in eine Art Rohrpost, die per Unterdruck alles in die Müllsortier- und Recyclinganlage saugt.

Dort wird der Müll entweder recycelt oder zur Energiegewinnung verbrannt. Es gibt zwei getrennte Wasserversorgungssysteme: eines mit Trink- und eines mit wiederaufbereitetem Abwasser, um Toiletten zu spülen oder Pflanzen zu gießen. „Eine grüne Insel, die beweist, dass man wirtschaftliche Entwicklung von den Folgen für die Umwelt abkoppeln kann“, sagt Alejandro Gutierrez, der für das Projekt zuständige Architekt.

Er hatte mit seinem über 100 Mann umfassenden Team herausgefunden, dass eine Ökostadt keineswegs leer sein muss; ursprünglich war geplant gewesen, nur 50 000 Menschen auf der Insel anzu siedeln. Doch das hätte zu einer wenig energieeffizienten Vorstadtarchitektur mit Einfamilienhäusern und Gärten geführt. Frei stehende Häuser nämlich haben zu viel Außenfläche, die Einwohner brauchen Autos für das Pendeln zur Arbeit, öffentliche Verkehrsmittel rechnen sich nicht.

Erst wenn genügend Menschen auf einem Fleck leben, entstehen ökologische Synergieeffekte. Alejandro Gutierrez fand die perfekte Zahl bei etwa 5 500 Einwohnern pro Quadratkilometer. Das entspricht in etwa der Bevölkerungsdichte von Kopenhagen.

Und auch wenn auf der Insel heute noch das Gras rauscht und Vögel durchs Marschland tapsen – die Autobahnabfahrt gibt es schon fast. Die Hängebrücke, die Dongtan mit dem Festland um Schanghai verbinden wird, ist zehn Kilometer lang; damit wäre sie die längste der Welt. Die meisten Pfeiler stehen schon, aber von der Insel aus gesehen verschwindet das Ende des Bauwerks im Dunst.

In Deutschland würden Genehmigungsverfahren und Bau eines solchen Monstrums Jahrzehnte dauern – wenn sie denn überhaupt zustande kämen. „Hier: zwei Jahre“, sagt Alex Mitchell und grinst. Noch ist China eines der schmutzigsten Länder der Welt. Aber die sauberste Stadt der Welt kann vielleicht tatsächlich nur hier entstehen.