Vanity Fair

Peking Dekadenz

Die chinesische Hauptstadt erfindet sich vor den Olympischen Spielen neu: als mondäne Metropole mit Luxushotels, Szenerestaurants und ganz viel Kunst

Erschienen:

  • Januar 2008

Fotos:

  • Raymond Meier
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An der Jianguomenwai Avenue Nummer B 12, nahe der Verbotenen Stadt im Zentrum Pekings, befinden sich zwei gigantische Bürotürme: die Twin Towers. Nachts, wenn die beiden Hochhäuser verlassen neben der Hauptstraße dämmern, passiert Ungewöhnliches.

Dunkle Limousinen und schnittige Sportwagen halten vor dem Eingang, gut gekleidete Menschen huschen durch das Einkaufszentrum im Erdgeschoss, vorbei an geschlossenen Shops zum Fahrstuhl neben dem Turnschuhgeschäft. Sie fahren in den vierten Stock, die Türen öffnen sich – und sie sind im Herzen des neuen Chinas.

Auf 6 000 Quadratmetern erstreckt sich hier die wohl opulenteste Demonstration ungezügelten Kapitalismus, die es in der Volksrepublik derzeit gibt: Der Lan-Club, von Philippe Starck gestaltet, vermengt postmodernen Plüsch mit schlichter Angeberei. Ein verschachteltes Wunderwerk teuren pompösen Geschmacks mit ausgestopftem Nashornschädel an der Wand, Gemälden an der Decke, Kristalllüstern, goldfarbenen Stühlen, endlos langen Tischen, exquisiten Separees. Früher schürten Chinas Politiker die Angst vor Dekadenz durch Verwestlichung. Lan bestätigt diese Befürchtung aufs Angenehmste.

Mitten im überdekorierten Wahnsinn, zwischen Geschäftsleuten, neugierigen Westlern und reichen Chinesen, steht im weißen Anzug Miguel Evangelista. Der junge Geschäftsführer aus Kalifornien trinkt Wasser und schaut immerzu, ob sich jemand gerade nicht amüsiert, ob alle einen Drink vor sich haben, einen Gesprächspartner, einen Flirt: „Unsere Kunden sind die anspruchsvollsten der Stadt“, sagt er. Sein Tipp für einen gelungenen Abend im Lan: „Trinken Sie ein Glas Shiraz, warten Sie auf die Mädchen.“

Smarte einheimische Damen stehen viele an der Bar. Ein dicker Italiener will einer von ihnen einen Drink ausgeben – sie lässt ihn abblitzen. Dafür gibt es hier einfach zu viele gut aussehende junge businessmen und Kreative mit Geld.

Das heutige Peking, so wird einem hier klar, gibt es zweimal: das vor und das hinter den Fassaden. Wer sich die Stadt als grauen, kommunistischen Moloch vorstellt, mit Plattenbauten, Tristesse und Smog, hat nur auf den ersten Blick recht. Obwohl der Gigant sich permanent häutet und in Rekordzeit imposante neue Gebäude gebiert, ist die chinesische Hauptstadt keine architektonische Schönheit.

Und der Verkehrsstau ist mörderisch. Täglich, ununterbrochen – selbst nach Mitternacht quält sich das Taxi durch Blechlawinen. Und der Smog? Zu den Olympischen Spielen will die Regierung die Großindustrie rund um die Stadt stilllegen und täglich die Hälfte aller Autos von der Straße verbannen – je nachdem, ob das Nummernschild mit einer geraden oder ungeraden Zahl endet, muss man den Bus nehmen. Keiner weiß, wie viel das bringt.

Wer sich Peking aber genauer ansieht – die versteckten Designrestaurants und Cock tailbars, die imposanten Hotels, die wilde Kunstszene –, merkt sehr schnell, dass das Land den großen Sprung vorwärts in Richtung Kapitalismus schon hinter sich hat.

Peking hinter der Fassade ist bunt, vielgestaltig, mutig und luxuriös. Kurz: ein faszinierendes Reiseziel auch jenseits von Großer Mauer, Verbotener Stadt und Rikschafahrten durch enge Altstadtgassen. Wobei man trotzdem keine dieser Attraktionen verpassen darf. „Peking wird in zehn Jahren die aufregendste Stadt der Welt sein – und ist jetzt schon auf dem Weg dorthin“, sagt Alexander Schillinger, der für alle Restaurants und Bars der Shangri-La Hotels in Peking verantwortlich ist. Der Manager aus Deutschland muss es wissen – er hat schon in vielen Ländern gelebt, zuletzt in Bangkok.

An seinen neuen Arbeitsplatz hat es ihn und viele seiner Kollegen gezogen, weil die Hotelszene in Peking boomt. Zu den Olympischen Spielen sollen 1,5 Millionen Besucher in die Stadt kommen, und kleine Boutiquehotels bereiten sich ebenso darauf vor wie die großen Luxusketten: Ritz-Carlton, Peninsula, Four Seasons, Marriott und Park Hyatt haben gerade neue Häuser eröffnet oder sind kurz davor.

Schillingers Arbeitgeber eröffnete im Shangri-La Beijing vor Kurzem den Anbau Valley Wing. In dessen gedämpfter Atmosphäre von perfektem Service, großzügigen Suiten und Spa mit Blumenbad und Fußmassage findet man genau jene Art von komfortablem Rückzugsort, der mit einem Tag zwischen Taxistau, Smogalarm und Kulturschock versöhnt.

Der Hotelmanager George Wee sieht den Bedarf an Luxushotels in Peking dramatisch wachsen, und das nicht nur wegen der Olympischen Spiele: „Es gibt zwei magische Städte in China: Schanghai und Peking. Beide haben viele Geschäftsreisende, aber vom touristischen Standpunkt aus betrachtet ist Peking mit seinen historischen Bauten noch attraktiver.“

Eine ungewöhnlich charmante Art zu wohnen bietet das nur 14 Zimmer kleine Côté Cour. In einem traditionellen Pekinger Hofhaus, von dem in den Hutongs, den verwinkelten Gassen im Zentrum nahe der Verbotenen Stadt, nur noch wenige existieren, hat die ehemalige Finanzunternehmerin Shauna Liu eine Oase des guten Geschmacks eingerichtet: Ein Lilienteich und ein hundert Jahre alter Dattelbaum im Hof, liebevoll renovierte kleine Zimmer, eine Dachterrasse und junge, freundliche Mitarbeiter machen das Côté Cour zu einem Geheimtipp. „Meine alten Kollegen haben mich für verrückt erklärt, als ich ein kleines Hotel eröffnete“, sagt Liu. Jetzt ist sie für 2008 schon fast ausgebucht. Zum Glück mangelt es in Peking nicht an komfortablen Hotelbetten. 4 000 hochklassige Zimmer entstanden im Jahr 2007, weitere 7 000 sollen 2008 dazukommen.

Das Shangri-La Hotel Beijing hat auch eines der aufregendsten Restaurants der Stadt: das Blu Lobster, in dem der preis gekrönte irische Koch Brian McKenna seltenen blauen Hummer zu bereitet. Wer Glück hat, ergattert den chef’s table, den Tisch mitten in der Küche, wo McKenna englische Floskeln wie „Cheers, mate“ murmelt und dabei dem Gast persönlich die Kokosmilch ins mit Trockeneis gefüllte Reagenzglas gießt – ein bisschen Molekularküche ist auch in China gerade angesagt.

Inzwischen gibt es viele gute Restaurants in der Stadt, manche sind regelrecht spektakulär. Nicht weit vom Lan-Club liegt das People 8, dessen Eingang wirklich nur Insider finden: Kein Schild weist den Weg. Stattdessen versteckt sich hinter einer Bambushecke in der schwarzen Hauswand eine schwarze Tür, die sich nur demjenigen öffnet, der mutig ins Gestrüpp tritt. Innen folgt ein schwach beleuchtetes Labyrinth aus Spiegeln und noch mehr schwarzen Wänden.

Der gesamte Gastraum ist lediglich mit einem Minispot pro Tisch beleuchtet. Um die Karte zu lesen, reichen die Kellner und Kellnerinnen dem Gast Minitaschenlampen. Der hervorragende argentinische Rotwein zum Sukiyaki mit Rind entschädigt für die Umständlichkeiten. Der Weg zur Toilette durch die Dunkelheit und verwinkelte Gänge ist dann wieder halsbrecherisch.

Spätestens an derartigen Extravaganzen merkt man, dass das moderne Peking eine stilbewusste Stadt geworden ist, die Praktikabilität zuweilen Coolness unterordnet. Wer aus dem Shangri-La im Westen zum Zentrum des künstlerischen Peking will – dem Galerieverbund 798 im Osten –, quält sich gute anderthalb Stunden im Stau durch die City.

Das 798, auch bekannt als Dashanzi Art District, ist ein seit 2002 komplett von zeitgenössischen Künstlern übernommener riesiger Industriekomplex. In den Fabrikhallen und loftähnlichen Bauten finden sich heute Hunderte Ateliers, Galerien, Cafés und kunstgewerbliche Läden.

„Chinesische Kunst ist heiß“, sagt eine 23-Jährige, die sich nur LJ nennt. Was sie meint: Die Kunst ist auf dem internationalen Markt sehr gefragt. Die Studentin jobbt in einem der renommiertesten Häuser, der Redstar Gallery. Die großen Fotomontagen von Chen Jiagang, die derzeit hier hängen, kosten zwischen 12 000 und 15 000 Euro. Ein üblicher Preis auch für großformartige Gemälde, wie ein Gang durch angrenzende Galerien zeigt.

Der Reiseführer Jamie Wang fühlt sich hier nicht wohl. Noch auf der Chinesischen Mauer sprudelte er vor Anekdoten und referierte im Stau vorbei an den Baustellen für Olympia Statistiken. („Erst vier Prozent aller Chinesen haben ein Auto.“ „1 500 neue Wagen werden täglich zugelassen.“ „Ingesamt gibt es in Peking 3 Millionen Autos für 15 Millionen Einwohner.“)

Die moderne Kunst im 798 gefällt ihm weniger. Figuren von weiblichen Rotarmisten in Netzstrümpfen findet er „respektlos“. Tatsächlich bemühen sich viele Künstler hier, mit möglichst harten Schockeffekten die sozialistische Propagandakunst der Mao-Ära zu ironisieren. Immerhin verbietet ihnen das niemand. Wenn es in China heute noch eine strenge Zensur gibt, ist im 798 nichts davon zu spüren.

Zurück im Lan-Club wähnt man sich sowieso in New York oder Hongkong. Um 23 Uhr tritt in der Lounge eine Jazzband auf, eine Bardame versucht, den dicken Italiener davon abzubringen, weitere Einladungen an hübsche Chinesinnen zu richten. Die resolute junge Frau, gebürtig aus Deutschland, heißt Kim Chisholm und ist eine 21-jährige blonde Studentin, die hier am Wochenende jobbt.

Was ist das Besondere an Peking, der Reiz? Da müsse sie erst mal überlegen, sagt Kim. Sie mixt noch ein paar Gin Tonics, maßregelt aufmüpfige Gäste, notiert sich Stichpunkte auf einer Papierserviette. Dann trägt sie ihr Ergebnis vor: Peking sagt sie, sei so toll, weil es sich jeden Tag verändere: „Wer hier vor einem Jahr war, erkennt die Stadt nicht mehr wieder.“