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Cicero: Generation Auswanderung – Heimat ist überall

Auswanderung als Zeitgeistphänomen eines globalen Lebensstils? Wo auf er Welt wollen wir bleiben, wenn wir überall sein können? Der Autor Markus Albers beschreibt, wie das mobile Arbeiten unser Leben verändert.

Erschienen:

  • September 2008
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Wo möchten Sie leben? Nehmen Sie doch einen Globus, drehen ihn schnell und tippen mit dem Finger auf einen beliebigen Punkt. Wahrscheinlich war es noch nie in der Geschichte der Menschheit so einfach, sich den Ort auszusuchen, an dem man sein möchte. Dank moderner Kommunikationstechnik, internationaler professioneller Standards und einem immer dichteren Netz an komfortablen Reiseverbindungen können wir fast überall ohne Karriereknick oder Verlust an Einkommen arbeiten – dafür mit Sonne, höherer Lebensqualität, guter Laune. Metropolen auf der ganzen Welt wetteifern um die gut ausgebildete Kreative Klasse. Malerische Dörfer erfinden sich als breitbandig angeschlossene Businesszentren wieder. Überall entstehen neue Arten des Wohnens, die Nachhaltigkeit und Umweltschutz mir modernster Technologie verbinden.

Wer noch vor wenigen Jahren auswanderte, war entweder ein Aussteiger, der sich selbst finden wollte, oder er wurde von seinem Arbeitgeber in die Fremde geschickt. Abgesehen von Handwerkern am einen Ende der Skala oder Führungskräften in international orientierten Branchen am anderen Ende konnte die Masse der Arbeitnehmer nicht ohne deutliche Kompromisse ihren Beruf im Ausland ausüben – das hat sich in den letzten fünf Jahren grundlegend geändert. Heute fragt sich auch die breite Mittelschicht der gut ausgebildeten Wissensarbeiter – wenn auch manchmal nur in Tagträumen oder zum Spaß: Welches sind die besten Städte der Welt? Wo finde ich ideale Voraussetzungen für meinen Job, wo die höchste Lebensqualität? Die Antwort auf diese Fragen kann man objektivieren.

Für angehende Führungskräfte und Forscher ist es in Deutschland inzwischen sowieso selbstverständlich, einen längeren Auslandsaufenthalt zu absolvieren – schon für den Lebenslauf. Wer als Naturwissenschaftler etwas werden will, muss auf Englisch in internationalen Fachzeitschriften publizieren. Wer in großen Konzernen Karriere machen möchte, muss sich auf internationalem Parkett sicher bewegen.

Die Schwelle, dabei ganz ins Ausland zu wechseln, ist gesunken – auch weil durch Internet und Globalisierung die Welt kleiner wurde. In allen Büros wird Englisch gesprochen, Microsoft Word benutzt, bei Starbucks Kaffee bestellt. Ein Computerexperte aus Köln kann in Stockholm anheuern, weil er weiß, dass er sich mit seinen Kollegen aus Indien und Italien verständigen kann.

Austauschprogramme von Bundeseinrichtungen und Verbänden schicken junge Begabte in die Ferne: Allein die Organisation Inwent zeigt jährlich über 35 000 „Wege ins Ausland“. Schüler und Studenten werden durch einschlägige Programme auf den globalen Arbeitsmarkt hingewiesen, das Arbeitsamt hat 50 Dienststellen für Jobvermittlung innerhalb der EU. All das ist prinzipiell lobenswert, doch kaum jemand kümmert sich um die Rückkehr der Bildungsreisenden. Vielleicht ist es dafür in vielen Fällen auch schon zu spät. Und vielleicht ist dies eine begrüßenswerte Entwicklung.

Tom Friedman hat in seinem Buch „Die Welt ist flach“ fesselnd beschrieben, wie moderne Kommunikationstechniken es früheren Entwicklungsländern etwa seit 2001 erlauben, bei der Globalisierung gleichberechtigt mitzumischen. Was er dabei nicht erwähnt – die umgekehrte Logik funktioniert ebenso: Für viele Bürger entwickelter Länder bietet sich heute erstmals die Möglichkeit, ihren Wohnsitz weltweit (fast) frei zu wählen und dabei beruflich (mindestens) genauso erfolgreich zu sein. Dank schneller Internetverbindungen, arbeitsteiliger Workflow-Software und zunehmend internationaler Projekt-Teams und Ausschreibungen kann die Kreative Klasse nahezu überall leben und arbeiten.

Das Modell von Arbeit als einem Ort, an den man für eine festgelegte Zahl von Stunden geht, ist obsolet. Man kann Chefs und Kollegen daran gewöhnen, Arbeit als die Ergebnisse zu betrachten, die man produziert – dadurch eröffnet sich eine ganze Welt von Möglichkeiten. Die Alltagspflichten lassen sich per Internet-Services und Dienstleistern automatisieren. Virtuelle Persönliche Assistenten (VPAs) in fernen Ländern erledigen in Echtzeit unseren lästigen Papierkram. Schnelles Internet und kollaboratives, ortloses Arbeiten lassen uns am professionellen Leben teilhaben, egal wo wir gerade sind – ob mit dem Laptop vor der Strandhütte, mit dem iPhone am Flughafen, beim Kunden oder im Austausch mit anderen digitalen Nomaden per Internet oder in einem so genannten Co-Working-Raum irgendwo auf der Welt.

Genau das nutzen viele Menschen: Deutschland hat, was die Auswanderung angeht, die Normalität anderer Staaten eingeholt. Im Jahr 2005 verließen erstmals 16 700 mehr Einheimische die Bundesrepublik als aus dem Ausland zurückkamen. 2006 wanderten 155 000 Bundesbürger aus – so viel wie noch nie. Eine Tendenz, die andere europäische Länder schon vorweggenommen hatten: Ob Schweden, Großbritannien, die Niederlande oder Dänemark – alle messen seit Jahren einen Nettoverlust an Staatsbürgern. Menschen, die scheinbar paradoxerweise aus Ländern mit hohem Einkommen, Wohlfahrtsstaat und guter Infrastruktur in die weite Welt ziehen, um – so der Titel einer Studie – „das gute Leben zu suchen“. Auch das Fernsehen hat mit Serien wie „Die Auswanderer“ „Mein neues Leben“ oder „Deutschland Adé“ den Fernweh-Trend entdeckt.

In diesen Sendungen sieht man den in der Heimat oft eher mäßig Erfolgreichen beim Neustart in Afrika oder Australien zu. Ein verzerrtes Bild. Denn es sind nicht die Frustrierten, sondern häufig gerade die Hochqualifizierten, die Deutschland den Rücken kehren: Biochemiker, Architekten, Ärzte und Ingenieure verdienen hierzulande zu schlecht, stecken in bürokratischen Strukturen fest oder bekommen erst gar keinen Job. Die USA, die Schweiz oder Großbritannien bieten Ihnen mehr Geld, mehr Verantwortung, bessere Karrierechancen und Rundumbetreuung für Ihre Familie.

Deutschlands klügste Köpfe packen ihre Koffer, und man kann es ihnen nicht verdenken. Allein jeder siebte bei uns promovierte Nachwuchs-Wissenschaftler geht in die USA. Von allen europäischen Gastforschern stellen die Deutschen dort mit 18 Prozent die größte Gruppe. Viele kehren nach ein paar Jahren zurück, aber ein Drittel bleibt auf Dauer – es sind die besten. Drei von vier Nobelpreisträgern deutscher Herkunft arbeiten in Amerika.

Dahinter steckt ein Paradigmenwechsel, der unsere ganze Generation betrifft: Wir bekommen die ganze Welt als Aktionsradius in den Blick. Unser persönlicher Ereignishorizont erweitert sich dramatisch. Dabei stellen sich uns plötzlich ganz neue Fragen an Lifestyle-Design, ökonomische Vernunft und alltägliche Pragmatik: Hat Argentinien oder Thailand den höchsten Lebensstandard bei bestem Währungskurs? Wie lebt es sich zwei Wochen in einem italienischen Internet-Dorf? Bewähren sich die neuesten Videokonferenz-Systeme, wie klappt die Zusammenarbeit mit den Kollegen zu Hause per Kollaborations-Website und Wiki? Wo auf der Welt wollen wir bleiben, wenn wir überall sein können? Wo sind die Menschen am glücklichsten, wo wir selbst?

Der amerikanische Soziologe Richard Florida beschreibt in seinen Arbeiten über die Mobilität der Kreativen Klasse, welche Wohnorte diese bevorzugt: Mit harten statistischen Methoden untersucht er, was Städte weltweit tun müssen, um diese moderne Elite anzuziehen. Und die Städteplaner hören sehr genau zu – mit unterschiedlichem Erfolg. Florida untersucht mit statistischen Methoden, was Städte weltweit tun müssen, um diese moderne Elite anzuziehen. Nicht nur Hamburg mit seiner neuen, schicken Hafencity versucht, seine Lehren umzusetzen.

Jenseits von touristischem Trendmetropolen-Gerede und oberflächlichen Medienhypes kristallisieren sich auch bei den Rankings von Simon Anholt – dem Erfinder des Nation- und City-Branding – plausible Kriterien heraus, nach denen Städte sich im 21. Jahrhundert aufstellen müssen, wenn sie im weltweiten Wettbewerb um die besten Arbeits- und Lebensbedingungen für die Wissenselite mithalten wollen: Toleranz und Offenheit sind dabei genau so wichtig wie hervorragende Bildungseinrichtungen und gute Infrastruktur.

Gleichzeitig entstehen faszinierende neue Arten des Zusammenlebens: Vor Shanghai wird mit Dongtan die erste Ökostadt der Welt gebaut – ein Anspruch, den Abu Dhabi ebenfalls erhebt – mitten in der Wüste baut es die High-Tech-Metropole Masdar-City und steckt so einen Großteil seiner Öldollar in die naturverträgliche Zukunft des Wohnens. Vom niedersächsischen Jühnde bis zum britischen Northstowe und von Libyen bis Costa Rica entstehen ähnliche Projekte.

Die von Google-Mitarbeitern gegründete Stiftung Seasteading will gleich ganz neue Staaten mit experimentellen politischen und Sozialsystemen starten – auf schwimmenden Plattformen auf hoher See. Die Pläne existieren, die technische Machbarkeit ist bestätigt, das Geld vorhanden. Der finnische Stadtforscher Roope Mokka empfiehlt so genannte Wikicities, „selbst gemachte Städte“, in denen Einwohner ihre Ideen für Stadtentwicklung per Internet sammeln und in der Politiker dann diese Bürger-Vorschläge nur noch ausführen müssen.

Der brandneue Appartementkomplex Linked Hybrid in Peking ist gar eine Stadt in der Stadt: 650 Luxuswohnungen in 21 Hochhäusern, die über eine hochgelegene Promenade zur himmlischen Fußgängerzone werden: Galerien, Cafés, Bars, Läden, ein Skateboard-Park und Tai-Chi-Plattformen – alles innerhalb des Gebäudes – machen es nahezu unnötig, an die eh nicht frische Luft zu gehen. Dazu hat das Riesenhaus eine selbstversorgende Infrastruktur mit Wasser-Recycling und Erdwärme-System. Nicht zuletzt gut verdienende, anspruchsvolle Expats werden hier die Mieter sein.

Wie und wo wir leben und arbeiten können, wird derzeit in nahezu unfassbarem Ausmaß neu verhandelt. Das Ergebnis dieser gigantischen Umdefinition scheinbar starrer Begriffe wie Stadt, Haus, Wohnung, von Heimat, Mobilität, Ökologie und nicht zuletzt von persönlichem Glück geht uns alle an.