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Detecon Management Report: Digitale Nomaden

Wenn die Grenze zwischen Arbeit und Heim verschwindet

Erschienen:

  • Juni 2009
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Die Metapher des modernen Nomaden geistert schon so lange durch die Fachliteratur, dass ihre Glaubwürdigkeit stark überstrapaziert scheint. Und doch veröffentlichte die hochseriöse britische Wirtschaftszeitschrift Economist Mitte 2008 einen großen Sonderteil mit dem Titel: „Nomads at last“, in dem sie argumentiert, dass trotz aller verfrühten Prognosen nun endgültig das Zeitalter der Digitalen Nomaden angebrochen sei. Erstmals hatte vermutlich der legendäre Medientheoretiker Marshall McLuhan in den 60er und 70er Jahren den Begriff des modernen urbanen Nomaden aufgebracht. McLuhan skizzierte in seinen Büchern künftige mobile Arbeitnehmer, die fast permanent weltweit unterwegs sind und kein Zuhause mehr brauchen. In den 80er Jahren benutzte der französische Wirtschaftswissenschaftler Jacques Attali – ein Berater von Präsident Francois Mitterand – den Begriff, um eine Zukunft zu skizzieren, in der sich die Gesellschaft zwischen einer hochmobilen Jet-Set-Elite und einer entwurzelten Arbeiterklasse spaltet. In den 90er Jahren schrieben Tsugio Makimoto und David Manner ein Buch, in dessen Titel der Begriff des „digitalen Nomaden“ vorkam und das vor allem die Segnungen neuester mobiler Gerätschaften pries.

Doch nach Einschätzung des Economist lagen alle diese Visionen daneben. Als sie verfasst wurden, war die Technologie nicht so weit wie heute. Zwar gab es schon viele Geräte, aber sie waren noch nicht miteinander verbunden. Das damalige Bild des modernen Nomaden zeigte, wie dieser jede Menge tragbarer Technik mit sich herum schleppte, um zu existieren – und entsprach insofern eher dem Bild eines Astronauten als dem eines Beduinen. Der aktuell zu beobachtende reale Trend, so der Economist, existiere hingegen erst seit wenigen Jahren, weil die tatsächlichen modernen Nomaden sich, wie ihre Vorfahren in der Wüste, nicht durch das definieren, was sie mitnehmen, sondern durch das, was sie zurücklassen. Moderne Nomaden haben keine Papierunterlagen dabei, weil sie auf ihre Dokumente elektronisch zugreifen. Oft haben sie nicht einmal mehr ein Laptop dabei – ihnen reicht ein Blackberry oder iPhone. Alle Informationen, die sie benötigen, sind online abrufbar.

Außerdem umfasst die moderne Definition des digitalen Nomaden nicht mehr notwendigerweise, dass er viel reist. „Er kann genau so gut ein Teenager in Oslo, Tokio oder einer amerikanischen Kleinstadt sein wie ein vielfliegender GeschaÅNftsführer“, so der Economist. Manuel Castells, ein Soziologe der Universität von Süd-Kalifornien sagt: „Permanente Verbindung ist das kritische Element, nicht Bewegung.“ James Katz, Professor an der Rutgers Universität in New Jersey, glaubt gar, dass diese Entwicklung eine „historische Re-Integration“ unserer Arbeits- und Privatsphären zur Folge habe. In der vorindustriellen Gesellschaft arbeiteten die Menschen an denselben Orten, an denen sie lebten. Erst die arbeitsteiligen Fabriken der Industriegesellschaft und die gigantischen modernen Bürokratieapparate machten es nötig, die Sphären zu trennen, weil Arbeiter und Beamte an einem Ort versammelt werden mussten, um effizient zu arbeiten. Heute vermischen sich die beiden Bereiche wieder, so Katz. Wir können arbeiten, wo wir leben und umgekehrt.

Damit findet eine Idee Einzug in unsere Lebenswirklichkeit, die schon Ende der 90er Jahre von MIT-Forscher Nicholas Negroponte verkündet wurde. Etwa gleichzeitig mit seiner Vision der mobilen Internet-Nomaden und Wissensarbeitern der New Economy entstand damals ein zweites Idealbild neuer Arbeitskultur, das erst heute realistisch wird: Der glamouröse und doch oft Jobbezogene internationale Jet-Set, den das von Tyler Brûlé herausgegebene britische Magazin Wallpaper anpries. Retrofuturistische Hotels in Beirut oder Hanoi wurden ebenso vorgestellt wie neue Handymodelle, Anti-Jetlag-Tipps für Vielflieger und Shopping-Ideen für stilsichere Weltenbummler. Was damals als unrealistische Technikträumerei beziehungsweise hedonistische Hochglanz-Fantasie gelten durfte, wird heute dank veränderter technologischer und gesellschaftlicher Parameter plötzlich zur realen Option: Eine Mischung aus Brûlé und Negroponte gibt keine schlechte Anleitung zum beruflichen Glück ab.

Wird dank neuer Technologie der tägliche Weg ins Büro passé, können wir – konsequent zu Ende gedacht – unsere Arbeit an Orten erledigen, die für unsere Mütter und Väter technisch und finanziell unzugänglich waren. Diese Zeilen schreibe ich zum Beispiel in einem sehr erschwinglichen, gleichzeitig unglaublich geschmackvollen Hotelzimmer in Shanghai. Der Internetanschluss per W-Lan ist selbstverständlich kostenlos. Der Zimmerservice hat gerade frisches Obst gebracht. Die großartigen neuen Maßhemden, die ich mir für 20 Dollar pro Stück habe anfertigen lassen, werden gleich geliefert, später treffe ich Freunde zum Abendessen. Noch vor ein paar Monaten saß ich als Festangestellter Bürosklave in Deutschland jeden Tag am immer selben Schreibtisch im immer gleichen Gebäude und ging erst nach Hause, wenn es draußen dunkel wurde. Sagen Sie mir, welche Variante besser klingt...

Tyler Brûlé ist inzwischen Herausgeber einer anderen Publikation, die für unser Thema noch interessanter ist als Wallpaper: Die Zeitschrift Monocle berichtet in Form eines internationalen „Briefing“ aus aller Welt und begeistert sich für so unterschiedliche Themen wie die japanische Marine, eine isländische Fluglinie, Popkultur in Südkorea oder den neuen Nachtzug der deutschen Bahn. Vereinendes Element: Monocle ist ein Magazin für Weltreisende (und sei es nur im Geiste), deren Interessen über die Grenzen des eigenen Landes hinausgehen. Und es versteht sich darauf, praktische Tipps für eine Flugmeilen sammelnde Elite zu geben: Welches Hotel in Hongkong hat die beste Lobby? Warum ist der Iris-Scanner für Frequent Traveller am Flughafen Heathrow eine tolle Erfindung? Welche Expansionsstrategie verfolgt Finnair? Die Themen kreisen um das Thema „Unterwegs arbeiten“, denn das Magazin richtet sich dezidiert nicht an Urlaubsreisende. Mit großer Leidenschaft wird hier zum Beispiel für drahtlosen Internetempfang in Pasagierflugzeugen gekämpft: „Obwohl wir uns wünschten, wir würden dieses Magazin recherchieren und redigieren, während wir in einer umgebauten koreanischen 777 sitzen und W-LAN benutzen – ist das leider nicht der Fall“, heißt es im Schwerpunkt „Travel Top 50“. Es folgt ein kurzes Wehklagen über den leider abgeschalteten „Connexion“ Internet-Service an Bord von Boeing-Maschinen, um dann zu frohlocken, dass Panasonic an einer Lösung des Problems arbeitet und Quantas als eine der ersten Linien Online-Arbeiten während des Fluges ermöglichen wird – sobald sie ihren Airbus A380 bekommt.

Ähnlich kosmopolitisch agieren vielleicht nur die deutschen Schriftsteller Christian Kracht und Eckardt Nickel, die schon 1998 mit ihrer literarischen Reportagensammlung „Ferien für immer“ oder Artikeln wie „Der Schneider von Bangkok“ das Ideal des globalen Flaneurs postulierten. Mal eben auf einen Gin Tonic in den Foreign Correspondents Club der thailändischen Metropole, das las sich damals noch ebenso weltläufig wie unrealistisch. Angesichts von Billigfliegern und zunehmender beruflicher Mobilität sieht dies heute anders aus.

Man kann all das nun blasiert finden, realitätsfern oder persönlich irrelevant. Tatsache ist aber, dass diese Haltung des konsequenten mobilen Lifestyle aufs Schönste mit einer Konsequenz der neuen technischen Entwicklungen zusammenfällt: Wer nicht mehr an den Schreibtisch gekettet ist, für den rückt diese globale Perspektive des Lebensentwurfes plötzlich in greifbare Nähe. Vergessen Sie bitte für einen Moment die Schlangen beim Einchecken, die Verspätungen und das Gedränge in der Kabine. Ignorieren Sie für kurze Zeit die Sachzwänge, die es garantiert vollkommen unmöglich machen, so etwas Verrücktes jemals wirklich zu tun. Birgt die Verheißung von etwas mehr internationalem Jet Set und mobilem Lifestyle nicht doch erhebliche Verführungskraft, verglichen mit der Monotonie Ihres Büroalltages? Ein bisschen zu träumen schadet nie. Und wirkt enorm motivierend. Denn wer sich nicht vornimmt, demnächst ein paar Tage pro Monat unter Palmen zu arbeiten, der schafft es garantiert nicht.

Die Marktforscher der amerikanischen Future Foundation haben 2006 im Auftrag des japanischen Büroausstatters Brother untersucht, wie sich die Arbeitswelt in den kommenden Jahren verändern wird, und dabei folgendes Szenario aufgestellt: „Ein signifikanter Trend ist, dass Arbeitnehmer sich aus Bussen, Hotels, Schlafzimmern und abgelegenen Hütten einloggen, verbinden und Daten downloaden können. Die Arbeiter von Morgen werden von überall aus arbeiten können und viele von uns werden das auch tun.“ Unsere Körper werden unser Büro sein, so die Forscher – wir tragen unseren Arbeitsplatz also immer mit uns herum. Wir werden zwar nach wie vor auch in Büros gehen oder zu Hause Arbeitsbereiche haben. Das Wachstum der Telearbeit werde aber die Grenzen zwischen Arbeit und Heim verwischen und interessante neue Lösungen erfordern, wie wir für beides in unserem Leben Platz schaffen. In den meisten Wohnungen wird man auch arbeiten können, aber es wird neuer Regeln und Strategien bedürfen, um den berufstätigen Familienmitgliedern auch tatsächlich die Ruhe und Abgeschiedenheit zu ermöglichen, die ein konzentriertes Erfüllen der joblichen Angelegenheiten verlangt.

Die Menschen werden ihre Arbeit beginnen und beenden können, wann es ihnen am besten passt, immer mehr private Aufgaben werden während des Arbeitstages erledigt. Manche werden dann wohl mehr arbeiten als heute, vor allem ehrgeizige Berufstätige, die immer erreichbar sein werden. Die Büros selbst werden sich verändern und zunehmend Orte kollaborativer und sozialer Interaktion werden, anstatt wie bisher für die Arbeitsaktivität selbst da zu sein.

Arbeiten auf Entfernung und stärkere individuelle Verantwortung des einzelnen Mitarbeiters werden das Verhältnis von Arbeitnehmer und Arbeitgeber auf scheinbar paradoxe Weise verändern: Einerseits wird es eine stärkere Betonung der messbaren Ergebnisse geben. Gleichzeitig werden fortschrittliche Arbeitgeber feststellen, dass im Umgang mit ihren Angestellten Vertrauen und soziale Netzwerke an Bedeutung gewinnen. Der Auftraggeber der Studie, Brother-Chef Yuji Furukawa, sieht es so: „Unternehmen müssen Vertrauen in ihre Angestellten entwickeln – in die Freiheit, eine bessere Balance zwischen Leben und Arbeiten zu entwickeln.“

Die Basis dieser flexibleren und, so die Forscher, „flüssigeren“ Arbeitsweisen wird die Kommunikation sein. Mehr als je zuvor werden wir einen großen Teil unseres Arbeitstages damit verbringen, miteinander in Kontakt zu bleiben, Beziehungen zu pflegen, neue Verbindungen zu knüpfen. Neue Technologien werden es uns ermöglichen, dies auf immer einfachere und subtilere Arten zu tun. Am interessantesten fanden die Forscher den voraussichtlichen Einfluss dieses Trends auf unsere Definition von Arbeit und Privatleben. Arbeit werde immer weniger ein Ort, an den wir gehen, und immer mehr eine Frage dessen, wie wir unsere Zeit insgesamt nutzen: „Wir werden im Jahr 2020 nicht mehr zur Arbeit gehen,“, schreibt die Future Foundation in ihrem Bericht, „wir werden unsere Arbeit einfach machen.“

Bis zu diesem Zeitpunkt, so die optimistische Voraussage der Experten um Studienautor Paul Flatters, würden in Deutschland 81 Prozent der Arbeitnehmer als flexible und mobile so genannte „freE-worker“ – wir nennen sie neue Freiangestellte – arbeiten. Man darf sich diesen Prozess nun aber nicht als Automatismus vorstellen, den man bequem zurückgelehnt einfach abwarten kann. Aus Arbeitnehmersicht lohnt es sich, die Entwicklung schon heute aktiv einzufordern, denn bis 2020 würde man doch noch eine ganze Weile an den Schreibtisch gekettet verbringen. Als Arbeitgeber muss man erst recht zu den aktiven Protagonisten dieses Wechsels gehören, denn nur so kann das Unternehmen von den oben beschriebenen Vorteilen profitieren und zu den fortschrittlichen First Movern gehören.