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DIE WELT: Insel der Gewürze

Grenada ist berühmt für Zimt und Nelken, Ingwer und Kakao. Nur die Muskatnuss ist selten geworden

Erschienen:

  • 20. Dezember 2008
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Rebecca Thompson will ihren Besuchern unbedingt noch Muskatbäume zeigen, bevor diese wieder ins kalte Deutschland zurückkehren. Das sollte auf Grenada, der selbst ernannten „Insel der Gewürze“, eigentlich kein Problem sein, denn außer Indonesien exportiert kein anderes Land der Welt so viele der wohlriechenden Nüsse. Oder zumindest war das vor dem Sturm so, den alle hier nur in einem vernuschelten Wort „Hurricanivan“ nennen. Oder auch „Ivan den Schrecklichen“.

„Ivan“, der neuntstärkste Hurrikan seit Beginn der Wetteraufzeichnung, traf am 7. September 2004 auf Grenada, wo niemand so recht mit ihm gerechnet hatte, weil derartige Unwetter früher eigentlich immer an der Insel vorbeigezogen waren. Doch „Ivan“ walzte einmal quer über das Eiland, brachte viele kleine Tornados mit, tötete 39 Menschen und zerstörte 85 Prozent der Gebäude und Gewürzpflanzen. Grenada war vorher ein tropisches Paradies, in dem Früchte und Gewürze so reichhaltig wild wuchsen, dass niemand arbeiten musste, wenn er nicht wollte – man konnte einfach die herabgefallenen Muskatnüsse aufsammeln und verkaufen. Oder die Mangos essen, von denen zur Reifezeit so viele auf dem Boden landen, dass sie verfaulen.

Nach dem Hurrikan „Ivan“ war das anders. Selbst der unverwüstliche Regenwald im Inselinneren sah aus wie nach dem Abwurf einer Atombombe. Muskatbäume brauchen jedoch mindestens acht Jahre, bevor sie Früchte tragen, niemand räumte das Unterholz weg, heute umklammern Ranken die Bananenstauden, Mango-, Brotfrucht-, Zimt- und eben Muskatbäume. Ein Paradox: Auf der Insel der Gewürze werden immer weniger Gewürze produziert.

Weshalb Rebecca Thompson, eine britische Malerin, die hier seit 20 Jahren lebt und zusammen mit ihrem deutschen Mann Ulrich Kühn das Fünf-Sterne-Ökoresort „Maca Bana Villas“ betreibt, nun selbst Hand anlegt. Die beiden haben ein 18 Hektar großes Stück Regenwald gekauft, roden die wild wuchernden Ranken, legen Obstbäume frei, bauen Gemüse für das eigene Restaurant „Aquarium“ an. „Finanziell lohnt sich das nicht“, sagt Rebecca, während sie keuchend über die steilen Hänge ihres neuen Anwesens klettert und nach den Nüssen Ausschau hält: „Aber wir wollten unseren Teil dazu beitragen, dass die Insel wieder auf die Beine kommt.“

Zum Glück ist in den Restaurants Grenadas so gut wie nichts von einem Versorgungsengpass zu spüren. Was unter anderem daran liegt, dass die Insel, auf der eigentlich alles wächst, inzwischen viele Nahrungsmittel importiert, wie der ehemalige grenadische UN-Botschafter Dennis Noel beklagt: „Die Muskatnuss war eine Lazy-Man’s-Economy“, sagt er, „ein Wirtschaftssystem für Faulpelze. Man musste diese Nüsse nur aufsammeln, darum ist kaum jemand darin geübt, Land zu kultivieren und Nutzpflanzen anzubauen.“

Auf dem großen Markt in Grenadas Hauptstadt St. George ist die Stimmung deutlich ausgelassener – Obst, Gemüse, und Gewürze gibt es hier jede Menge. Rundliche Damen bieten Gewürzketten als Souvenir an, Vanilleextrakte und Zimtstangen. Sie verkaufen dem Besucher für 60 Cent eine Kokosnuss, aus der er mit einem Strohhalm erfrischenden Saft trinkt, und auf Nachfrage legen sie auch das lokale Aphrodisiakum Bois Bande – eine getrocknete Baumrinde – in Rum ein, ein Getränk, das sie wortreich mit Verschwörermiene anpreisen und das, in zu hohen Dosen genossen, eine schmerzhafte Dauererektion verursachen soll.

Die lokale Küche ist kreolisch, eine schweißtreibende Mischung aus indianischen, afrikanischen und indischen Einflüssen, also kurz gesagt: viel Fisch, Fleisch, Kokosmilch, dazu Piment, Koriander, Ingwer, Nelken und eben doch auch Muskatnuss. Als Beilage gibt es Gemüse, Brotfrucht oder Reis, und alles ist immer sehr, sehr scharf, weshalb man es am besten wie die Einheimischen hält und schon mittags ein lokales „Karib“- Bier dazu trinkt.

Direkt am Hafen hat Brian Benjamin das „BB’s Crab Back“ eröffnet. Genauso hieß sein Restaurant in London, die Ausrisse aus Hochglanzmagazinen an der Wand zeugen davon, dass damals die jungen Hipster aus Notting Hill bei ihm einkehrten. Heute, zurück in seiner Heimat, hat Benjamin seinen Laden erdiger gemacht, ehrlicher. Sein Spezialgericht, der „Crab Back“ – überbackenes Krabbenfleisch, serviert in einem halben Krabbenpanzer –, zeugt noch von urbanem Stilwillen, aber das Lammcurry mit Chutney wirkt bodenständig einheimisch. Und ist – natürlich – extrem scharf, wozu Benjamins Trainingshose passt, auf der feuerrote Chilischoten abgebildet sind.

Typische lokale Spezialitäten der Insel finden sich noch auf den Karten der hochwertigsten Restaurants: Im „Cinnamon Hill“, mit dem der britische Investor Peter de Savary die Insel aus dem touristischen Dornröschenschlaf wecken will, bestellt man zum Frühstück statt Rührei besser den einheimischen Salt Fish, danach ein Toast mit Muskat-Marmelade – die die Nuss umgebende Frucht kommt nie nach Deutschland, wird hier vor Ort aber zu süsser Konfitüre verarbeitet. Im wunderschönen Resort „La Luna“, an dessen entlegenem Strand regelmäßig Modefotos entstehen, ist die Küche überwiegend italienisch, authentischer ist die typisch grenadische Kürbis-Ingwer-Suppe.

Das einfache, aber sympathische „Nutmeg“ serviert die typischen Lambie-Fritters, das sind frittierte Schneckenmuscheln. Und wer Rebecca Thomsons „Aquarium“ besucht, kann eine Suppe aus Callaloo probieren – einem einheimischen Gemüse, das ähnlich wie Spinat schmeckt – und einen typisch kreolischen Blackened Fish.

Im hochwertigsten, aber auch teuersten Resort der Insel, dem „Spice Island“, isst man direkt am klischeehaft schönen Karibikstrand und genießt die nächtliche Abkühlung der Luft auf relativ milde 25 Grad – vorausgesetzt, dass man genügend Mückenschutz aufgetragen hat. Dann bestellt man clevere Cuisine aus lokalen Zutaten: ein Callaloo-Soufflé zum Beispiel, Mahi-Mahi-Fisch mit Stachelgurke und zum Nachtisch einen Schokoladen-Rum-Pudding. Apropos: Wie der Rum auf traditionelle Weise hergestellt wird, kann man sich in der Destillerie „River Antoine“ anschauen, wo das 75-prozentige Teufelszeug auch verkostet werden kann, tränende Augen garantiert. Und der kleine Anteil einheimischer Schokolade, der nicht in die Schweiz geliefert wird, findet sich in den hervorragenden Produkten der Grenada Chocolate Factory, deren tiefdunkle Tafeln ein großartiges Mitbringsel sind.

Wer Fisch, Rum, Süsses und einheimische Lebensart auf einem Fleck erleben möchte, fährt freitags in das kleine Dörfchen Gouyave, das dann einmal pro Woche komplett zum Open-Air-Restaurant wird, mit vielen Ess-Ständen, Freiluftbars und Livemusik. Hier drängeln sich auch mehr Einheimische als Touristen, und man kann üben, einen halben Hummer vom Grill mit Plastikgabel und Fingern zu essen. Gar nicht so einfach.

Rebecca Thompson hat die Muskatnüsse dann doch noch gefunden. Zwei Bäume verstecken sich auf ihrem neuen Grundstück. Eines Tages will sie vielleicht mit ihrem deutschen Mann hier hinaufziehen, weg vom Strandtrubel. Aber bis dahin ist dieses Gelände für sie das, was ganz Grenada bald wieder sein wird: ein tropischer Garten, der viermal pro Jahr frischen Nachschub für die Küche liefert.