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Einmalig 14: „Die Komplexität von Sicherheitsthemen steigt“

Big Data birgt neue Gefahren, vor allem aber große Chancen — vorausgesetzt Unternehmen werten die vielen Daten richtig aus und speichern sie sicher. Wie das geht, erklärt IBM-CEO Martina Koederitz im Exklusiv-Interview. Und beschreibt, warum Städte klüger werden, mobiles Arbeiten alte Hierarchien verschwinden lässt und sie selbst kaum noch per E-Mail kommuniziert.

Erschienen:

  • März 2013

Kunde:

  • Bundesdruckerei

Art Director:

  • Brian O'Connor

Chefredaktion:

  • Markus Albers

Produktion:

  • Rethink GmbH
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Einmalig: Frau Koederitz, in der Wirtschaft geht der Trend zum Cloud Computing. Was müssen Unternehmen bedenken, wenn sie Daten in fremde Hände geben?


Martina Koederitz: Cloud ist nicht gleich Cloud. Unternehmen müssen sich zunächst einmal überlegen, welche Cloud-Lösung für ihre Geschäftsstruktur und ihre Bedürfnisse die richtige ist. Meist geht es darum, die eigene IT-Infrastruktur zu „cloudifizieren“. Damit ist der Dreisprung der eigenen Infrastruktur gemeint: standardisieren, konsolidieren und virtualisieren.


Viele Firmen haben Angst, ihre Daten auf fremden Servern zu speichern…


Es geht nicht nur darum, Daten in fremde Hände zu geben. „Private Clouds“ betreiben Unternehmen in der eigenen IT-Umgebung mit Zugriff über das Intranet. Die Daten verlassen das Unternehmen also nicht. Diese Form des Cloud-Computings ist zurzeit die verbreitetste in Deutschland. Wir erwarten, dass viele Firmen in den kommenden Jahren Private Clouds nutzen werden.


Aber man kann Daten und Services auch extern auslagern, zum Beispiel an IBM.


Wer eine „Public Cloud“ nutzt, sollte mit renommierten Anbietern zusammenarbeiten, die ihre Rechenzentren in Deutschland betreiben, um den Datenschutz sicherzustellen. Daten sind die Kronjuwelen eines Unternehmens. Sie sollten nur in kontrollierter, sicherer Umgebung vorgehalten werden.


Was heißt das konkret?


Mittelständische Unternehmen können beispielsweise bei Anbietern einer „IBM City Cloud“ IT-Leistungen beziehen, die von der lokalen Datenspeicherung nach deutschem Recht bis zum kompletten Anwendungsmanagement reichen. Basis der City Cloud ist ein hochverfügbares Rechenzentrum, das vor Ort in der entsprechenden Stadt nach deutschen Sicherheitsstandards betrieben wird.


Die Angst vor Datenkraken scheint gerade hierzulande verbreitet zu sein. Sind die Deutschen besonders kritisch, was Datenschutzthemen angeht?


Datenschutz ist in Zeiten weltweiter Datenströme verständlicherweise ein hohes Gut. In Unternehmen helfen intelligente Sicherheitssysteme dabei, dass vertraulich bleibt, was vertraulich ist. Entscheidend dabei ist neben der Technik auch der Faktor Mensch. Jeder muss abwägen: Welchen Vorteil habe ich, wenn ich in Social Media-Plattformen meine Hobbys bekanntgebe oder meine bevorzugten Reiseziele? Welche Risiken gehe ich ein?


Unser Leben spielt sich aber zunehmend online ab. Wir sind, wie wir uns auf Facebook, Xing oder Twitter inszenieren. Wie kann man dabei Missbrauch vorbeugen?


Ich glaube, entscheidend ist ein bewusster Umgang mit Neuen Medien und Plattformen. Das Internet vergisst nichts und verknüpft lange zurückliegende Ereignisse mit tagesaktuellen. Deswegen bringen wir über erfahrene Mitarbeiter auch jungen Menschen bei, wie das Thema „Digital Literacy“, also die Fähigkeit, das ABC der digitalen Medien zu beherrschen, entscheidend werden kann – für den Weg in den Beruf, in die Erwachsenenwelt und für die Nutzung digitaler Medien. Auf der anderen Seite dürfen wir nicht vergessen, welche ungeheuren Vorteile die Digitalisierung mit sich gebracht hat.


An welche denken Sie dabei vor allem?


Niemals zuvor waren so viele Informationen sprichwörtlich auf Knopfdruck verfügbar. Es kommt eben darauf an, Medien mit Verantwortung zu nutzen. Diese Fähigkeit ist unabhängig von bestimmten Kanälen, die gerade en vogue sein mögen. Werkzeuge kommen und gehen – Prinzipien verantwortungsbewussten Handelns bleiben. Wenn wir junge Menschen für die Herausforderungen der digitalen Welt rechtzeitig vorbereiten und sie vor Gefahren schützen, werden sie verantwortungsbewusste „Digital Citizens“, egal ob als Arbeitnehmer, Kunde oder privater Nutzer.


Das Thema Datenschutz wandelt sich schneller, als mancher Politiker oder Unternehmer folgen kann. Was sind aus Ihrer Sicht die drängenden Probleme, vor allem für Unternehmen?


Mobile Anwendungen und die Einbindung von Multimedia-Inhalten in der Kommunikation erzeugen riesige Datenmengen, die oft außerhalb des klassischen Sicherheitsbereichs eines Unternehmens

liegen. Die Grenzen gesicherter Unternehmens-IT verschieben sich und damit steigt die Komplexität von Sicherheitsthemen. Heute müssen Sicherheitsbeauftragte in der Lage sein, Daten zu schützen, egal wo sie liegen. Auf Desktops, Laptops, Tablets oder Smartphones.


Immer mehr Daten werden produziert und müssen geschützt werden. Sie bieten aber gleichzeitig viele Chancen, wenn man sie auszuwerten weiß.


Daten werden zu Recht als Rohstoff, als das Öl des 21. Jahrhunderts bezeichnet. Um die Chancen, die Big Data bietet, zu nutzen, braucht es eine fundierte Analyse, da stimme ich zu. Big Data und Business Analytisch sind das Erfolgsduo für die Datenanalyse und bedingen einander. Wir haben mit unserem Watson-System, das vor zwei Jahren erstmals in der Quizsendung „Jeopardy“ auftrat, gezeigt, welche Kraft hinter „Big Data“ stecken kann.


Ihr Supercomputer gewann damals gegen alle menschlichen Kandidaten – und das bei Wortspielen und Assoziationen, also Feldern, in denen Menschen zuvor Rechnern noch überlegen waren. Aber was bedeutet das für die Analyse von Big Data in Unternehmen?


Unsere immer stärker vernetzte Welt generiert täglich eine Unmenge von Daten. Wobei 80 Prozent davon unstrukturiert sind, also nicht nach bestimmten Kriterien aufbereitet werden können. Das gilt zum Beispiel für Informationen in E-Mails, Beiträge in Blogs, Foren, Videos oder Audiodateien. Darin können Informationen versteckt sein, die möglicherweise geschäftsrelevant sind. Klassische Datenbanken können solche unstrukturierten Daten nicht aufbereiten. Spezielle Big-Data-Werkzeuge schaffen das. Intelligente Analyse-Software hilft dabei, diese Daten zueinander in Beziehung zu setzen.


Wie darf man sich das genau vorstellen?


Durch die stark gestiegene Rechenleistung, die in den vergangenen Jahren für viele Unternehmen erschwinglich geworden ist, entstehen neue Möglichkeiten der Datenauswertung, Simulation und Korrelation. Das bedeutet, dass Unternehmen früher Trends aufspüren, Zusammenhänge erkennen und deswegen ihren Kunden vielleicht auch besseren Service bieten können. Allein das Zusammenführen aller relevanten Daten eines Kunden kann dabei schon Sprünge in der Beratungsqualität möglich machen. Semantische Analysen von Call-Center-Protokollen können zum Beispiel wichtige Hinweise darauf liefern, ob ein Kunde kurz davor ist zu kündigen und welches Angebot man ihm als nächstes unterbreiten sollte.


Nicht jedes Unternehmen kann sich einen Megarechner leisten und nicht jedes braucht ihn. Und für welche ist Big Data besonders relevant?


Es gibt viele Anwendungsbeispiele. Im Marketing, in der Produktionssteuerung oder bei der Entwicklung von Produkten. Hinzu kommen vollkommen neue Prognose-Möglichkeiten, die in diesen Tools stecken. Immer mehr Branchen erkennen und nutzen solche Werkzeuge. Die Automobilindustrie nutzt die Technik etwa, um Fahrzeugdaten und Reparaturberichte auszuwerten sowie Händler- und Kundenfeedback zu verarbeiten. Sie nutzen die Daten zur Qualitätssicherung, um wiederholte Werkstattbesuche zu vermeiden, die negative Auswirkungen auf die Kundenzufriedenheit haben oder auch um teure Rückrufaktionen zu verhindern. Diese Einsatzszenarien werden sich in den nächsten fünf Jahren stetig weiterentwickeln. Wir stehen immer noch am Anfang der Entwicklungskurve.


Das sagen Sie als Expertin. Aber wissen das die Unternehmen auch?


Zunehmend ja. Laut unserer neuen Big-Data-Studie, für die wir rund 1150 Unternehmen befragten, glauben zwei Drittel daran, sich mit Big-Data- und Analyse-Technik einen Wettbewerbsvorteil verschaffen zu können. Im Jahr 2010 war nur etwas mehr als ein Drittel dieser Auffassung. Das ist ein Anstieg um 70 Prozent in zwei Jahren.

Die Zunahme der mobilen Daten zeigt auch, dass unser Büro immer mobiler wird. Dabei haben viele Unternehmen Angst, ihre Mitarbeiter loszulassen. Wie sehen Sie diesen Widerspruch?


Den Unternehmen muss klar sein, dass die vernetzte Generation, die mittlerweile in den Chefetagen der Unternehmen angekommen ist, genau dieses Arbeitsumfeld erwartet. Eine mobile Gesellschaft erwartet mobile Unternehmen und mobile Mitarbeiter. Stichworte sind Bring Your Own Device…


…dass also Mitarbeiter mit ihren eigenen Geräten arbeiten können, zum Beispiel einem privaten Smartphone oder Tablet…


…genau. Aber auch transparente Bürolandschaften, flexible Arbeitszeiten und Zeitsouveränität sind wichtig.


Wie sieht das in der Praxis aus?


Am besten gebe ich Ihnen ein Beispiel aus meinem eigenen Arbeitsalltag. Ständig sind mehrere Sametime-Fenster bei mir offen – so heißt bei IBM die Chat-Funktion. Das ist einfach effizienter als E-Mail. Dadurch habe ich meine E-Mails deutlich reduziert und bin viel produktiver. Das setzt eine offene und vernetzte Unternehmenskultur voraus, in der es am wichtigsten ist, konstruktiv zusammenzuarbeiten.


Also weg mit den alten Hierarchien – geht denn das?


Die Kooperation zwischen Führungsebene und Mitarbeitern geschieht mehr und mehr auf Augenhöhe. Hierarchische Top-Down-Prozesse werden verstärkt aus Unternehmen verbannt. Natürlich sind es Technologien, die diese Art von Zusammenarbeit unterstützen: Werkzeuge wie Blogs und Wikis, Smartphones, Net- und Notebooks, flächendeckende Internetverfügbarkeit und soziale Netzwerke fürs Unternehmen sind bei vielen Unternehmen bereits seit Jahren gang und gäbe. Eins ist klar: Veränderungen leben von jenen, die mit gutem Beispiel vorangehen. „Leading by Connections“ wird nicht ohne „Leading by Example” auskommen.


Dass High-Tech-Unternehmen so arbeiten, kann man sich vorstellen. Aber was ist mit den anderen?


Nehmen Sie unseren Kunden Bayer Material-Science. Dieses Unternehmen des Bayer-Konzerns nutzt soziale Netzwerke besonders aktiv für den Wissensaustausch. Mit Hilfe von „IBM Connections“ entstanden dort Communities, in denen die Mitarbeiter Wissen und Ideen zum Beispiel über Blogs und Wikis austauschen. Mobiles Arbeiten ist aber nur ein Punkt.


Was sind die anderen?


Neue Umsatzkanäle erschließen, bessere Services bieten, schneller reagieren. Das sind die wichtigsten Wachstumstreiber in der heutigen Zeit. Es geht darum, dass ein Unternehmen generell mobiler wird. Wir nennen das „Mobile Enterprise“. Technische Entwicklungen und Trends beschleunigen diese Dynamik: mobile Apps, Cloud Computing, Internet der Dinge, Social Media, Maschine-zu-Maschine-Kommunikation, Location-Based-Services oder mobile Kollaborations-Werkzeuge. Diese Instrumente finden immer häufiger auch Eingang in strategische Entscheidungen.


Nicht nur Unternehmen sollen künftig verstärkt Daten auswerten, um bessere Ergebnisse zu erzielen, sondern offenbar auch Städte.


Smarter Cities sind ein Trend, der ohne moderne, vernetzte Infrastrukturen und neue Lösungen überhaupt nicht funktionieren könnte. Laut den Vereinten Nationen leben bereits jetzt mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Schätzungen zufolge steigt dieser Anteil bis 2050 sogar auf 70 Prozent. Zum Vergleich: 1990 waren es 13 Prozent. Wenn die Weltbevölkerung noch bis 2040, 2050 weiter wächst, wird das Thema der intelligenten Stadt zu einer Frage des Überlebens von Gesellschaften..


Wie können Städte denn intelligent werden?


In einer Stadt kommen die Aufgaben und Probleme eines Staates wie in einem Mikrokosmos zusammen: Metropolen müssen öffentliche Sicherheit gewährleisten, das Thema Verkehr angehen, aber auch Fragen in den Bereichen Energie, Wasser, Abfallwirtschaft beantworten. Gleichzeitig müssen sie modernes und humanes Wohnen und Arbeiten ermöglichen, um attraktiv zu sein.


Können Sie das an einem konkreten Beispiel erläutern?


Wir haben gerade mit der Stadt Köln ein Pilotprojekt durchgeführt. In einer der staureichsten Städte Deutschlands wollen wir den Verkehrsfluss besser vorhersagen und ihn schneller machen. Die Genauigkeit der Prognosen lag bei über 90 Prozent.


Und jenseits von Pilotprojekten?


Ein Beispiel für die intelligente Vernetzung der gesamten Stadt ist das sogenannte „Intelligent Operation Center“, das wir in Rio de Janeiro umgesetzt haben. Das ist eine Art Betriebszentrale, in der alle Informationen eingehen, wo Infrastruktur und Abläufe gesteuert und kontrolliert werden. Von dort kann man beispielsweise den Wasser- und Energiebedarf effizient koordinieren, Gefahrensituationen so schnell wie möglich erfassen und die Reaktionszeit von Polizei und Feuerwehr minimieren. Verkehrsstaus lassen sich bereits vor der Entstehung erkennen und verhindern.


Sie glauben natürlich schon berufsbedingt eher an die positiven als negativen Folgen von mehr Technologie und Big Data.


Die Verstädterung bringt viele Chancen. Wenn es den Städten gelingt, die aus der Migration folgenden

sozialen Probleme und die Umweltverschmutzung abzufangen, kann dieser Wandel als Antrieb eines neuen kulturellen, ökonomischen und wirtschaftlichen Aufschwungs dienen. Kreative und junge Talente können angezogen und dauerhaft an die Stadt gebunden werden.


Demnach wäre die Smart City ein Wettbewerbsvorteil im Kampf um die besten Köpfe?


Nur ein innovativer Standort ist in der Lage, das Interesse des qualifizierten Nachwuchses zu wecken. Attraktive Lebensräume sind jene Städte, die einen Nährboden bieten für innovative Ideen und attraktive Arbeitsplätze schaffen. Die hohe Lebensqualität zu vertretbaren Kosten bieten. IBM hat mit verschiedenen Städten und in Modellprojekten Erfahrungen gesammelt, die weltweit helfen können, von erfolgreichen Beispielen zu lernen.




Martina Koederitz leitet seit knapp zwei Jahren das Deutschland-Geschäft der IBM und ist die erste Frau an der Spitze der größten Regionalgesellschaft des Konzerns in Europa.


Bereits seit ihrem Diplom-Abschluss in Betriebswirtschaft an der Berufsakademie Baden-Württemberg arbeitet Koederitz in ihrem jetzigen Unternehmen. Begonnen hat sie als Systemberaterin, bekleidete aber schon Ende der Neunzigerjahre Führungspositionen im Vertrieb der Deutschland-Zentrale in Ehningen bei Stuttgart. Der Aufstieg führte sie bis in den Hauptsitz der IBM in den USA, wo sie im Büro des Vorstandschefs arbeitete und die weltweiten Kundenkontakte betreute.


Die Süddeutsche Zeitung nannte Koederitz einmal „oberste Büronomadin“, denn im Gegensatz zu anderen Unternehmen sitzt die Geschäftsführerin der deutschen IBM nicht isoliert in einem Chefbüro, sondern teilt sich mit anderen Mitarbeitern einen flexiblen Schreibtisch in einem Grossraumbüro.