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Einmalig15: „Es geht um das ständige Hinterfragen“

Wolfgang Tillmans gilt als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Fotografen und Künstler. Ein Gespräch über Einfachheit in der Fotografie und die Frage, wie Technologie die Kunst beeinflusst.

Erschienen:

  • Januar 2015

Agentur:

  • Rethink

Kreativdirektion:

  • Brian O'Connor

Kunde:

  • Bundesdruckerei
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Einmalig: Herr Tillmans, mit Instagram und Tumblr kann jeder schnell und einfach Fotos veröffentlichen. Ist es damit heute auch einfacher, Fotograf zu sein?

Wolfgang Tillmans: Dass Fotografie jetzt ein-facher verfügbar ist, ist noch nichts Besonderes. Worte sind sogar unendlich verfügbar, trotzdem sind nur wenige Menschen Dichter. Und was ich auf Plattformen wie Instagram sehe, sind vorgefertigte Schablonen, die nur aussehen wie Kunst. Dieses Kunsthandwerk hat es immer gegeben, es gibt ja auch viele Menschen, die hobbymäßig malen.


Wie unterscheidet sich das von „echter“ Kunst?

Das hat eben nichts mit der Art von künst-lerischer Forschung zu tun, die Menschen betreiben, die Kunst als ernsthafte Berufung sehen. Es geht mir dabei um das ungerichtete, ergebnisoffene Forschen. Das sich bewusst in eine Tradition stellt, sich bewusst damit beschäftigt, was davor kam und was danach kommen könnte. Der Smartphonenutzer, der Selfiemacher, der Hobbymaler macht das nur aus dem Impuls heraus: „Ich will mich aus-drücken.“ Aber sie docken das nicht an einen Kontext an. Erst wenn künstlerisches Schaffen sich selbst reflektiert, kann man es überhaupt einordnen.


Ist es nicht heute durch die einfachere Verbreitung der eigenen Werke für Fotografen schwieriger geworden, erst einmal ungestört zu arbeiten, ohne dass die ganze Welt ihr Schaffen beobachtet?

Das kann natürlich ein Problem sein. Aber das Internet ist für Künstler eben auch eine Riesen-chance. Zum Beispiel können sich heute Menschen PDFs von meinen Büchern auf meiner Website herunterladen, die sonst nicht in die Nähe eines Buchladens kämen, der meine Bücher verkauft. Eine fantastische Sache. Ich glaube, der menschliche Geist passt sich immer sehr stark der Zeit an. Physiologisch sind wir nicht anders als vor 20 Jahren, aber wir tun zum Teil ganz andere Dinge. Auch das Aufkommen von Geschwindigkeit als Phänomen hat die Menschen anscheinend nicht entscheidend verändert ...


... obwohl den Menschen zu Beginn des Eisenbahnzeitalters beim Herausschauen erst einmal schwindlig geworden sein soll ...

... aber schon am nächsten Tag hatten sie sich wahrscheinlich bereits daran gewöhnt. Was ich damit sagen will ist, dass ich überhaupt nichts von Kulturpessimismus halte. Manche Leute sagen, dass Smartphonefotografie alles kaputt mache. Das ist natürlich Quatsch. Heute gibt es aufgrund der technischen Möglichkeiten nicht mehr gute Kunst als früher. Aber eben auch auf keinen Fall weniger! Es gibt immer eine gewisse Zahl an kreativen Geistern, die aus der jeweiligen Zeit heraus und mit den jeweils verfügbaren Mitteln angemessene, neue, innovative künstlerische Positionen finden. Daran hat sich nichts geändert.


Aber haben Fotografen mit Photoshop heute nicht viel mehr Ausdrucksmöglichkeiten?

Wenn mir jemand begeistert von „neuen Möglichkeiten“ durch die digitale Bildbearbeitung berichtet, denke ich: Das ist doch nichts anderes als Surrealismus und den gibt es bereits seit achtzig Jahren. Das geht für mich nicht über das hinaus, was Salvador Dalí gemacht hat.


Das müssen Sie genauer erklären.

Damit meine ich, dass das, was hier als neu verkauft wird, eigentlich nur verschobene Pixel sind. Es werden einfach nur Bildpunkte und Bildelemente verschoben, verzerrt, verfärbt und so weiter. Und das alles gab es schon in den fotorealistischen Bildern des Surrealismus vor vielen Jahrzehnten! Das ist überhaupt nichts Neues, obwohl die Werkzeuge heute andere sind.


Was Arbeitswerkzeuge betrifft, hat es in der Fotografie in den vergangenen Jahren eine große Umwälzung gegeben vom analogen Film hin zur digitalen Fotografie. Inwiefern hat das Ihre Arbeit einfacher gemacht?

Ich habe eine Zeit lang weiter Film verwendet, weil er eine viel feinere Auflösung hatte als digitale Kameras. Um 2009 kamen aber erstmals leichte Kameras mit einem Sensor heraus, der genauso groß wie 35-Millimeter-Film ist. Ich dachte: Wenn ich jetzt am Alten fest-halte, wird das irgendwann nostalgisch. Ich will immer das beste, aber auch das einfachste Medium meiner Zeit benutzen.


Also eher eine rationale, technische Entscheidung als eine dogmatische?

Es gab einfach keinen Grund mehr, noch weiter an Film festzuhalten. Ich würde sagen, es war eine Frage der Haltung. Eben nicht nur eine Frage des Geschmacks. Weil es mir darum geht, das relevante Medium meiner Zeit zu nutzen. Wenn ich heute zum Beispiel in einer Ausstellung von Studenten Videoinstallationen mit Super-8-Filmen sehe, denke ich mir: nett, aber auch merkwürdig nostalgisch.

Das Prinzip der Einfachheit ist eine Art Leitlinie Ihrer Arbeit. Wie schwierig ist es, Dinge einfach aussehen zu lassen?

Dinge kompliziert zu machen, ist sehr einfach. Das erfordert relativ wenig geistigen Aufwand. Dinge einfach aussehen zu lassen, ist dagegen komplizierter. Ich habe als junger Mensch gemerkt, dass mich Kunst nicht interessiert, die von sich selbst sagt: „Ich bin komplex“ – statt es einfach zu sein. Die Kunst, die ein-fach oder sogar „unkünstlerisch“ daherkommt, hat mich dagegen immer viel stärker beeindruckt. Ein auf Leinwand gedrucktes Foto von Warhol hat mich emotional mehr berührt als ein monumentales Werk von Markus Lüpertz, wo „Emotion“ dick vorn draufsteht. Was meine Augen sehen, ist bereits erstaunlich genug, das muss ich nicht komplizierter machen, über-arbeiten oder verfremden.


Ist jede Kunst nicht auch eine Manipulation, weil der Blick des Künstlers auf die Welt völlig subjektiv ist?

Manipulation hat ihre Grenzen. Kunst bildet immer die Absichten ab, die hinter ihr stecken. Wenn Manipulation die Hauptabsicht ist, wird das auch in der Arbeit sichtbar sein. Meine Bilder waren immer Selbstporträts, weil sie eben meine Haltung und meine Absichten abbilden. Einfachheit kann man nie komplett beherrschen. Denn dann ist es nicht mehr unmittelbar. Diese Unmittelbarkeit ist unheimlich stark, wenn man durch Zufall oder Intuition ein bestimmtes Resultat erzeugt hat. Dann versucht man, das zu reproduzieren. Und merkt, dass das nicht dieselbe Energie hat wie beim ersten Mal. An diesem Phänomen sind ja auch schon unendlich viele Bands gescheitert.


Diese Unbekümmertheit lässt sich nur schwer konservieren.

Nein, man kann schlecht vorgeben, für immer ein absolut unwissender Wilder zu sein. Man kann aber auch nicht sagen, nur weil das nicht mehr geht, ist es jetzt vorbei. Man muss sich immer wieder neu interessiert halten. Auch das kann man aber nicht erzwingen. Entweder ist man an bestimmten Dingen interessiert oder man ist es nicht. Ich versuche vor allem, nicht das zu reproduzieren, was gestern erfolgreich war. Es geht um ein ständiges Hinterfragen. Und genau das ist der Kern meiner Arbeit.


Dabei hilft es vielleicht auch, hin und wieder Form oder Medium zu wechseln, zum Beispiel Experimente in der Dunkelkammer zu machen wie für Ihre abstrakteren Arbeiten.

Das ist verrückt: Wenn das Sujet nicht auf den ersten Blick erkennbar ist, wird immer reflexhaft von einem „Experiment“ gesprochen. Wenn etwas klar auf einem Bild zu erkennen ist, aber nicht. Dabei ist für mich jedes Bild ein Experiment. Wenn etwas für mich kein Experiment ist, ist es eigentlich von vornherein zum Scheitern verurteilt. Dann bilde ich nur ab, was ich bereits weiß.


Steckt nicht auch eine interessante Spannung zwischen möglichst großer Einfachheit einerseits und dem immer komplexeren Alltag, der uns umgibt?

Natürlich ist die Welt unendlich komplex und letztlich unergründbar. Es wäre Unsinn, das Gegenteil zu behaupten. Schön wäre, wenn alle Menschen ein Grundverständnis darüber haben, dass sie nicht wissen, woher sie kommen, und auch nicht wissen, wohin sie gehen werden. Das können aber nur wenige Menschen akzeptieren und mit diesem Unwissen leben. Vielleicht versuche ich, auch das mit meiner Arbeit zu zeigen: Man kann lebensbejahend sein, man kann an Werte glauben, ohne an dieser Unergründbarkeit der Welt zu zerbrechen.


Der tägliche Kampf gegen die immer größer werdende Informationsdichte in unserer Welt ...

Das führt zu ganz praktischen Schwierigkeiten. Nach gut 25 Jahren Arbeit werden die Festplatten meines Studios voller und voller. Ein Fotograf sammelt ja immer mehr Material an. Wogegen ein Maler, wenn er Glück hat, sein Studio regelmäßig entleert, weil er seine Bilder verkauft. Alles, was ich einmal gemacht habe, ist aktiver Bestandteil dessen, was ich heute tue. Das heißt: Ein Bild, das ich vor 25 Jahren gemacht habe, kann in einer aktuellen Installation auftauchen. Ich verkaufe zwar die limitierten Abzüge meiner Arbeiten, die Negative, die Dateien und Druckvorlagen bleiben aber in meinem Studio. Dies alles zu verwalten, hat inzwischen eine Komplexität erreicht, die in einem verrückten Gegensatz zu der Einfachheit steht, die den Bildern oft zugrunde liegt.